Lebensmittelketten. Das Wirtschaftswunder in den 1960er Jahren und der unermessliche Hunger auf Konsum haben sie groß und scheinbar unangreifbar gemacht.

Die riesigen Lebensmittelketten kontrollieren heute 70 Prozent der Lebensmittelversorgung in Europa.

Aber das Kaufverhalten hat sich dramatisch geändert.

Philipp Moati, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paris-Diderot, Ko-Vorsitzender und Mitbegründer des Society and Consumption Observatory (ObSoCo) in Paris, Spezialist für Handel, Konsum und den neuen Kapitalismus © Amazon.com/Philippe-Moati

Philipp Moati, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paris-Diderot, Ko-Vorsitzender und Mitbegründer des Society and Consumption Observatory (ObSoCo) in Paris, Spezialist für Lebensmittelketten © Amazon.com/Philippe-Moati

Professor Philippe Moati, Wirtschaftswissenschaftler beim Pariser Marktforschungsinstitut L‘ ObSoCo (L’observatoire société et consommation), erklärte in der ARTE-Dokumentation „Auslaufmodell Supermarkt“ vom 5. Oktober 2021: „Heute möchten wir es klein und überschaubar. Hypermärkte stehen für die Entmenschlichung des Handels und übermäßigen Konsum in einer Zeit, in der das ökologische Bewusstsein wächst und die Auswirkungen unseres Konsums sichtbar werden.“

 

Käufer trauen den Lebensmittelketten nicht mehr

Am 7. September 2021 veröffentlichte L‘ ObSoCo und die Pariser Investment Management Gesellschaft Trusteam Finance eine repräsentative Umfrage unter 2.000 Franzosen zwischen 18 und 75 Jahren.

Professor Philippe Moati twitterte am 9. September 2021: „Die Franzosen glauben nicht an die ökologischen Versprechen der Hersteller. Eine große Mehrheit ist der Meinung, dass sich die Unternehmen nicht ausreichend für ökologische, soziale und gesellschaftliche Fragen engagieren.“ © Twitter.com/phmoati

Professor Philippe Moati twitterte am 9. September 2021: „Die Franzosen glauben nicht an die ökologischen Versprechen der Hersteller. Eine große Mehrheit ist der Meinung, dass sich die Unternehmen nicht ausreichend für ökologische, soziale und gesellschaftliche Fragen engagieren.“ © Twitter.com/phmoati

Eine Mehrheit der Befragten gab an, dass die Auswirkungen auf die Umwelt (62 %) und die sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen (52 %) ein wichtiges Kaufkriterium für konkurrierende Produkte sind.

Obwohl der Preis nach wie vor das bei weitem wichtigste Entscheidungskriterium ist, gab fast ein Viertel der Befragten (24 %) an, dass sie in den letzten 12 Monaten wegen ökologischer, sozialer oder gesellschaftlicher Mängel der Marke oder des Unternehmens auf einen Kauf verzichtet hätten.

Und die Supermärkte der Zukunft, die auf die Kunden zugeschnitten sind, sind ja schon da

Wie die kassiererlosen 28 Supermärkte amazon fresh in Amerika und einer in London (der erste in Europa) – Business Leaders berichtete.

Oder auch die Online-Händler Alibaba und JD.com in China. Die chinesischen Konzerne haben eigene Geflügel-, Obst- und Gemüsefarmen. JD.com baut das Gemüse nicht mal mehr teuer in Erde an, sondern zieht es ausschließlich in preiswerter Nährlösung groß. Die Ernte übernehmen auf den Farmen von Alibaba und JD.com dann auch noch Roboter.

Bei den Neuen wird nicht nur alles transparenter. Wegen der Einsparung von zwei Dritteln des Personals, kleineren Flächen und der Halbierung des Angebots machen die Neuen auch bei kleinen Preisen satte Gewinne.

Der entscheidende Erfolgstrick gegen die alten Lebensmittelketten sind DATEN

Amazon, Alibaba und JD.com können es deshalb besser als die herkömmlichen Lebensmittelketten, weil ihre erste Währung nicht Geld heißt, sondern Daten. Daten sind ewige Geldquellen.

Somit sind die Neuen in der Lage, mit geringstem Aufwand die Bedürfnisse der Kunden auf den Punkt zu befriedigen.

Ganz anders die Lebensmittelketten.

Ein Manager erzählte auf ARTE.tv in der Sendung vom 5. Oktober 2021: „Manche Ketten schließen ganz. Andere stoßen Läden ab. Investitionen werden immer schwieriger.“

Den großen Supermärkten geht es schlecht. Ein ganzer Sektor schwächelt

Cyril Bourdou, Geschäftsleiter und Franchisenehmer einer Carrefour-Lebensmittelfiliale in Audun-Le-Tiche in Frankreich erzählt: „30 Prozent Rabatt, 2+1, 60 Prozent Rabatt.“ Der Geschäftsleiter bietet so viele Sonderangebote an wie nie zuvor.

Bourdou weiter: „Um Kunden anzuziehen und zu halten, müssen wir Sonderangebote und günstige Preise bieten. Im Lebensmittelbereich kommt heutzutage kein Händler mehr um Sonderangebote herum.“

Aber diese Sonderangebote zahlen die Händler nicht selbst

Sie werden den Lieferanten abgepresst. Sonst droht ein Delisting aus der gesamten Lebensmittelkette.

Verhandlungs-Expertin Silvia Bravard weiß: „Alle Rabattaktionen in den Supermärkten werden von den Zulieferern finanziert.“

Die Lieferanten aus Landwirtschaft und Industrie bekommen die Krise der Lebensmittelketten am meisten zu spüren. „Diese Gespräche können sehr aggressiv sein“, beklagte vor wenigen Tagen eine Lieferantin gegenüber dem Fernsehsender ARTE.

Ein Lebensmittelketten-Manager gab zu: „Wir müssen die Lieferanten in die Knie zwingen. Wenn sie am Boden liegen, können wir verhandeln.“

Silvia Bravard, Expertin für Verhandlung von Lieferanten mit Lebensmittelketten: „Sie sind unverschämt. Manche Bedingungen sind so schlecht, dass man es nicht für möglich hält. Manche Forderungen sind gesetzeswidrig.“

AgeCore (Edeka) warf Nestlé eine zeitlang aus den Regalen

Die internationale Einkaufsgemeinschaft AgeCore mit 6 Handelsketten, darunter die deutsche Edeka, beispielsweise vereint 24.000 Geschäfte und ist, gemessen an ihrem Gesamtumsatz von 140 Milliarden Euro, die größte Händlergemeinschaft Europas.

Die Superzentrale lässt sich, wie alle Superzentralen, von den Lieferanten Dienstleistungen, die diese in Wahrheit gar nicht brauchen (Meetings mit leitenden Angestellten, gemeinsame Nutzung von Daten, Koordination spezifischer Initiativen), mit teuren Pauschalbeträgen bezahlen. Angeblich um die internationale Positionierung der Lebensmittelketten zu stärken, in denen sie ja ihre Waren verkaufen dürfen. Was mit dem Geld tatsächlich geschieht, darüber gibt es keine Kontrolle. Dafür zahlt ein Lieferant schon mal pro Monat 180.000 Euro auf das Gemeinschaftskonto der Einkaufsgemeinschaft. Also 2,16 Millionen Euro pro Jahr.

Wenn sich ein Lieferant weigert, die Dienstleistung zu bezahlen, fliegen seine Produkte einfach eine zeitlang aus den Regalen. Nestlé S.A., der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern mit Verwaltungshauptsitz in Vevey in der Schweiz, hat das erlebt. 2018 lehnte Nestlé die Bedingungen von AgeCore ab. 187 Produkte wurden bei AgeCore europaweit aus dem Programm genommen. Über Nacht verlor Nestlé einen Umsatz von 1 Milliarde Euro (20 Prozent seines Konzernumsatzes). Nestlé knickte am Ende ein und kaufte die Dienstleistung von AgeCore dann doch.

Die großen Lebensmittelkonzerne versuchen, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Aber sie stehen den aktuellen Trends entgegen. Doch das ist nicht der einzige Grund für die Krise, wie sie die Branche gerade erlebt.

Die Rechnung mit den niedrigen Preisen und Sonderangeboten scheint nicht mehr aufzugehen

Der Supermarkt von Cyril Bourdou macht im Jahr 17 Millionen Euro Umsatz. Auf den ersten Blick scheint es, gut zu laufen. Doch das Geschäft ist wirtschaftlich angeschlagen.

Bourdou: „Wenn wir 50.000 Euro rausholen, ist das viel an Gewinn.“

Bourdou befürchtet: „Weitere 10 Jahre werden wir das so nicht durchhalten.“

Non-Food an E-Commerce verloren

Professor Moati: „Seit über 15 Jahren stellen wir in den Hypermärkten einen Rückgang der Non-Food-Produkte fest. Doch das ist der Bereich, der die größten Margen bringt. Vor allem im Textilbereich. Wenn der Non-Food-Bereich zurückgeht, muss der Gewinn ausschließlich über die Lebensmittel erzielt werden. Doch das ist unmöglich. Denn dort gewinnt man die Kunden in erster Linie über niedrige Preise.“

Professor Moati weiter: „Die Margen sind sehr gering. Und alle Geschäfte bieten mehr oder weniger die gleichen Waren an. Wenn sie die Flasche Coca-Cola 10 Cent teurer verkaufen als das Geschäft nebenan, werden sie als teurer wahrgenommen. Gerade bei bekannten Marken müssen die Geschäfte aufpassen. Deswegen verkaufen sie diese quasi ohne Gewinnmarge.“

Die Konzentration auf den Lebensmittelbereich führt zu einem erbitterten Preiskrieg

Mit Folgen für den gesamten Sektor. Angefangen bei den Geschäften selbst. Die Betriebskosten der Supermärkte sind sehr hoch. Um diese Kosten decken zu können, braucht der Inhaber eine Marge von mindestens 20 Prozent. Liegt er darüber, macht er Gewinn. Liegt er darunter, macht er Verlust.

Kellogs Frosties bringt eine Marge von 4,85 Prozent. Bei einer großen Cola sind es 2,88 Prozent. Bei Carte Noire Kaffee (250 Gramm im Doppelpack) sind es 16 Prozent. Bei einem großen Nutella-Glas 10,8 Prozent.

Bourdous Ausweg: „Wir versuchen es mit anderen gewinnträchtigen Waren zu kompensieren.“

Tomaten bringen 40 Prozent Gewinnmarge. Auberginen 30 Prozent. Hartkäse 25 Prozent.

Händler Bourdou bestätigte: „Auch die Lieferanten müssen bei diesem Preiskrieg mitmachen.“

Gemeinsamer Feind der Lebensmittelketten: Amazon

Dank seiner Großzahl an 5.300 Geschäften war Carrefour lange Zeit weltweit die Nummer 2 im Einzelhandel hinter dem amerikanischen Walmart-Konzern.

Doch neben dem Preiskampf, den die traditionellen Handelsketten führen, müssen sie sich heute gegen neue, besonders aggressive Mitbewerber wie Amazon behaupten.

Professor Moati: „Die neuen Entwicklungen schwächen die großen Einzelhandels-Ketten. Diese müssen investieren. Vor allem in die Modernisierung ihrer Läden, um mit der digitalen Revolution mithalten zu können. Denn da sind sie erheblich im Rückstand.“

Professor Moati weiter: „Und sie wissen sehr wohl, dass der Konkurrent heute nicht der Laden gegenüber ist, sondern der Online-Riese.“

Nachdem sie bereits einen Großteil der Non-Food-Segmente übernommen haben, nehmen E-Commerce-Plattformen wie Amazon nun ernsthaft den Lebensmittelsektor in Angriff.

Wie nahe Amazon seinem Ziel bereits gekommen ist, ein Allrounder zu sein, und was deutsche Lebensmittelketten wie Rewe und Edeka im Gegenzug digital testen, können Sie auf Business Leaders hier nachlesen. (FM)