Flugausfälle und lange Warteschlangen an Deutschlands unterbesetzten Flughäfen. Die deutsche Tourismusbranche sieht zu Beginn der europäischen Sommerferien immer verzweifelter aus.

Personalmangel in der deutschen Luftfahrtbranche

Die Corona Pandemie zieht Langzeitfolgen in Form von Personalmangel und Insolvenzen in der Tourismusbranche. Ein Grund für die Flugausfälle sind Personalengpässe an deutschen Flughäfen. Rund 7.200 offene Stellen müssen laut einer Studie des Deutschen Wirtschaftsinstituts neu besetzt werden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass viele Flughafenmitarbeiter während der Pandemie die Luftfahrtbranche verlassen und anderswo eine Anstellung gefunden haben. Für viele Familien und Urlauber werden die Sommerferien zur Belastungsprobe.

Da die Flughäfen unterbesetzt sind, müssen Urlauber nun mit unzähligen Flugausfällen und langen Warteschlangen bei der Abfertigung und den Sicherheitskontrollen rechnen. Deutschlands größte Fluggesellschaft, die Lufthansa, hat in dieser Urlaubssaison mehr als 2.000 Verbindungen von den Flughäfen München und Frankfurt gestrichen. Weitere 900 Feiertags- und Wochenendflüge sind im Juli gestrichen worden. Der Personalmangel betrifft ganz Europa. British Airways musste sogar über 10.300 Kurzstrecken Flüge streichen.

Die Luftfahrtbranche steht vor einer neuen Welle von Streiks. Die Gewerkschaft Verdi hat ein Streik des Bodenpersonals von Lufthansa für den kommenden Mittwoch, 27.07.2022 angekündigt. Lufthansa und viele weitere Unternehmen haben während der Corona Pandemie die Löhne nicht erhöht, da ihre Einnahmen eingebrochen sind. Nach der Rekordinflation in den letzten Monaten verlangen die Mitarbeiter nach einer überfälligen Lohnerhöhung. Die Piloten Gewerkschaft Cockpit stimmt ebenfalls über Streiks im August ab.

Keine Personalknappheit bei der Deutschen Bahn in den Sommerferien

Bei der Deutschen Bahn ist Personalmangel zum Glück kein Thema. Im vergangenen Jahr stellte das Unternehmen bundesweit 22.000 neue Mitarbeiter ein. Die Züge fahren trotz des hohen Aufkommens durch das 9 Euro Ticket. Die Deutsche Bahn hat dabei auch auf viele ausländische Angestellte und Gastarbeiter gesetzt. Ein Grund ist, dass die Sicherheitsüberprüfung für neue Angestellte im Bahnsektor wesentlich einfacher sind als in der Luftfahrt.

Der Frankfurter Flughafen, eines der wichtigsten Luftfahrtdrehkreuze Deutschlands, hat nicht so viel Glück. Er verzeichnet ein hohes Aufkommen an ankommenden und abgehenden Flügen, fast so viel wie vor der Pandemie. Die Behörden haben begonnen, zusätzliches Personal einzustellen, insbesondere für die Bodenabfertigung. Mitarbeiter aus dem Ausland sollen die Personallücken an deutschen Flughäfen schließen. Doch auch wenn diese Unterstützung laut Bundesregierung schnell erfolgen soll, für die Somemrferien wird die Hilfe wohl zu spät kommen.

Schlechte Arbeitsbedingungen sind ein weiterer Grund für den Personalmangel. Die Fluggesellschaft Ryanair zum Beispiel hält sich nicht an die Arbeitsgesetze und Gerichtsurteile zur Wahrung der Arbeitnehmerrechte, so die spanische Gewerkschaft USO. Sie hat sich dem Aufruf der Gewerkschaft Sitcpla angeschlossen und zu Streiks aufgerufen, die ganz Europa betreffen werden.

Mehr als 10.000 Flüge wurden in Europa bereits gestrichen

Mehr als 10.000 Flüge wurden in Europa bereits gestrichen

Ausländische Arbeitnehmer als Retter?

Die deutsche Regierung erwägt die Anwerbung zahlreicher ausländischer Arbeitskräfte, um den langwierigen Personalmangel auszugleichen. Bislang war die Einstellung von Ausländern oder ukrainischen Flüchtlingen in Deutschland mit viel Papierkram verbunden. Die Türkei ist besorgt, dass ihr eigener Luftfahrtsektor darunter leiden könnte. Der türkische Luftfahrtsektor wächst und ist ebenfalls auf neue Arbeitskräfte angewiesen.

Der Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen, Ralph Beisel, begrüßte den Plan, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen. Es würden Gespräche mit einzelnen Unternehmen der Luftfahrtbranche geführt, damit die Gepäckabfertigungsunternehmen und Flughäfen bald mit der Einstellung beginnen könnten. Die Lufthansa rechnet jedoch nicht vor 2023 mit einer Normalisierung des Betriebs.

Die Verfahren zur Erteilung der notwendigen Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen für die zusätzlichen Mitarbeiter sollen beschleunigt werden. Bei den Zuverlässigkeitsprüfungen dürfe es aber keine Abstriche geben, betonte Bundesinnenministerin Nancy Faeser auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesverkehrsminister Volker Wissing und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. In Hessen dauert allein eine solche Sicherheitsüberprüfung sechs Wochen. Die Sommerferien sind gerade einmal 6 Wochen und die Sommer Saison endet bald darauf.

Die Bundesregierung sieht die Verantwortung für die derzeit chaotischen Zustände an den Flughäfen bei deren Betreibern. Bundesarbeitsminister Heil kritisierte, die Branche habe trotz massiver wirtschaftlicher Hilfen der Bundesregierung während der Corona-Pandemie „keine ausreichenden Vorkehrungen“ getroffen.

 

(TB)