Deindustrialisierung – Deutschland verliert wichtige Bereiche der Wirtschaft und der Industrie. Wer die Maßnahmen von Corona noch überstanden hat, sieht sich jetzt mit massiven Erhöhungen der Energiepreise konfrontiert. Viele Betriebe, Selbstständige und Unternehmen können die Kostenexplosionen nicht mehr tragen. Dazu kommt die Gefahr von Blackouts durch eine Strommangellage. Die Folge sind Insolvenzen oder die Abwanderung der Unternehmen ins Ausland. Das betrifft nicht nur das produzierende Gewerbe. Eine Übersicht welche Unternehmen Deutschland verlassen wollen – bzw. hier die Produktion einstellen – die aktuelle Auflistung finden sie weiter unten im Beitrag.

Das Handelsblatt titelte aktuell: „Deutschland – Einstieg in die Deindustrialisierung? Die Aussichten der Industrie verdüstern sich: Es gibt wenig Hoffnung auf schnelle Hilfen gegen die hohen Energiepreise. Investitionen werden gestrichen, die Produktion gedrosselt. Die steigenden Preise für Energie und Rohstoffe greifen die Substanz der deutschen Industrie an“.

Deindustrialisierung in Deutschland - Angriff auf die Substanz der deutschen Industrie

Deindustrialisierung in Deutschland – Angriff auf die Substanz der deutschen Industrie

Deindustrialisierung: Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat eine Umfrage zum Lagebild im industriellen Mittelstand durchgeführt, die Ergebnisse zeigen es deutlich, die Unternehmen sehen in der absoluten Mehrzahl starke (58 Prozent) oder existenzielle Herausforderung (34 Prozent). Der BDI-Präsident Siegfried Russwurm wird deutlich: „Die Substanz der Industrie ist bedroht. Die Lage ist für viele Unternehmen schon jetzt oder in Kürze toxisch. Die Bundesregierung schaut zu, wie eine Fabrik nach der anderen ihre Produktion schließt. Zehn Prozent der deutschen Mittelständler sehen sich vor dem Zusammenbruch. Inzwischen zahle die deutsche Industrie im Großhandel für 2023 einen Gaspreis, der um den Faktor acht höher liege als in den USA.

Deindustrialisierung – die Opfer der Energiepreisentwicklung

Die Insolvenz in Deutschland – bzw. die Geschäftsaufgabe von Unternehmen am Standort Deutschland, oft wegen der nicht mehr kalkulierbaren Energiepreise. Das führt zur Deindustrialisierung in Deutschland (auch wegen der immer weiter steigenden Lohn- und Personalkosten) und in vielen Fällen auch zur Abwanderung von Unternehmen aus der EU in andere Länder.

Deindustrialisierung: Diese Unternehmen sind aktuell betroffen und melden Insolvenz an, oder haben bereits Vorbereitungen zur Abwanderung getroffen:

Dr. Schneider Unternehmensgruppe (Automobilzulieferer) – mit einem Umsatz im Jahr 2021 von 451 Mio. Euro – hat beim Landgericht Coburg (für die deutschen Betriebsteile) einen Insolvenzantrag gestellt. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt 4.000 Mitarbeiter. Die Dr. Schneider Unternehmensgruppe hat folgende Produktionsstandorte, in Deutschland: Kronach-Neuses (Stammsitz), Tschirn und Judenbach, in Spanien – Valencia, in Polen – Radomierz, in China -Liaoyang und in den USA – Russell Springs.

Der Chipzulieferer Siltronic AG – Hersteller von Wafern aus Reinstsilizium – steht vor dem Verkauf nach Asien. Siltronic-Chef Christoph von Plotho macht dafür unter anderem die hohen Energiekosten in Deutschland verantwortlich: „Durch den hohen Strompreis wird der Standort unattraktiv“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Sein Unternehmen zahle am Standort Singapur „weniger als die Hälfte des Strompreises“. Das Unternehmen gab einen Umsatz im Jahr 2021 von 1,4 Milliarden Euro an.

Die Hellma Materials GmbH, Weltmarktführer bei Halbleitern, investiert nicht mehr am ostdeutschen Standort Jena, sondern in Schweden. Weil man sich in Deutschland nicht mehr auf die Versprechen der Politik verlassen will, so Thomas Töpfer, Geschäftsführer und Mitinhaber des Unternehmens. Zu den größten Problemen der deutschen Energiepolitik gehört aus unserer Sicht, dass die Energiepreiskomponenten unvorhersehbar ausgestaltet werden. Niemand weiß, wie hoch in Zukunft die Beträge zum Beispiel für die Speicherung oder die Elektrolyse ausfallen“, sagte Töpfer der Wirtschaftswoche.

Borealis AG (Kunststoff- und Düngemittelhersteller) ist aktuell auch der zweitgrößte Hersteller von Polyolefinen in Europa und gehört zu den Marktführern in der Petrochemie. Die Borealis AG (Umsatz: 6,8 Milliarden Euro) hat angekündigt, die Produktion zu reduzieren und die Situation standortübergreifend weiter zu analysieren. Anhaltend hohe Erdgaspreise sind Auslöser der aktuellen Krise.

Yara International (mit 17.000 Mitarbeitern), einer der weltgrößten Stickstoffdüngerhersteller, gab bekannt, dass man rund 40 Prozent der europäischen Ammoniakproduktionskapazität stilllegen will – wegen der explodierenden Gaspreise die eine rentabele Produktion unmöglich machen. Das Unternehmen gab einen Umsatz von 230.377.848 Euro an.

Die Paul Hartmann AG schließt ihren letzten Produktionsstandort am Hauptsitz des Konzerns in Heidenheim. Die Wundmanagement-Produktion wird in Heidenheim schließen und bis Ende 2023 nach Polen verlagert. Das Unternehmen reagiert damit nach eigenen Angaben auf den steigenden Kostendruck im Gesundheitswesen, die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche und der Ausbau der ambulanten Pflege. Am Standort Heidenheim sind rund 120 Arbeitsplätze von der Werksschließung betroffen. Die Hartmann-Gruppe ist ein international tätiges Unternehmen, das Medizin- und Pflegeprodukte produziert und vertreibt. Das Stammhaus der Hartmann-Gruppe, die Paul Hartmann AG mit Sitz in Heidenheim an der Brenz ist die älteste deutsche Verbandstofffabrik. Im Jahr 2019 beschäftigte die Paul Hartmann Gruppe weltweit 11.096 Mitarbeitende und erwirtschaftete einen Umsatz von 2,19 Milliarden Euro.

Das Unternehmen Heinz-Glas & Plastics Group, ein 1622 gegründeter Mittelständler mit 3.400 Beschäftigten, sieht das Geschäftsmodell „Glasherstellung“ in Deutschland vor dem „Aus„. Die Firmenchefin Carletta Heinz zu den aktuellen Entwicklungen der Energiepreise: „Sollten die Preise im nächsten Jahr weiterhin so hoch sein, schaffen wir das nicht mehr. Wir brauchen Gas, damit es weitergeht“. Das Unternehmen befürchtet, in Kürze vor dem AUS zu stehen. Das Unternehmen gibt einem jährlichen Umsatz von 300 Mio. Euro an.

Am 22. Juni 2022 haben die Ford-Werke bekannt gegeben, das ein neues Elektroauto nicht am Standort Saarland, sondern im spanischen Valencia produziert wird. Eine detaillierte Analyse habe deutliche Vorteile für den Standort in Spanien ergeben. Betroffen von dieser Entscheidung sind über 4.600 Mitarbeiter im Hauptwerk Saarlouis – weiter sind fast 2.000 Beschäftigte von regionalen Zulieferfirmen betroffen.

Die BMW AG verstärkt ihre Vorbereitungen auf den erwarteten Gasmangel. Der Automobilhersteller betreibt 37 gasbetriebene Anlagen zur Produktion von Wärme und Strom in Werken in Deutschland und Österreich.

Die Vitesco Technologies Group AG (ein Autozulieferer / rund 42.000 Mitarbeiter) streicht – laut Unternehmensangaben – bis 2026 am Produktionstandort Nürnberg 810 von 1.160 Jobs. Und das, obwohl laut Firmensprecherin Emerenz Magerl-Ziegler „erfreulich hohe Auftragseingänge“ vorlägen. Begründet wird der Kahlschlag mit gestiegenen Energiepreisen und internationalem Preisdruck. Das Unternehmen gibt in 2019 einen Umsatz von 7,8 Milliarden Euro an.

Kostal Automobil Elektrik GmbH & Co. KG will drei Produktionsstandorte im Märkischen Kreis in Deutschland schließen. Es handelt sich um die Standorte Lüdenscheid, Meinerzhagen und Halver. Nur so könne Schaden von der gesamten Kostal-Gruppe (Umsatz von 2,8 Mrd. Euro) abgewendet und der Fortbestand als unabhängiges Familienunternehmen gewährleistet werden. Hunderte Mitarbeiter stehen vor dem Aus. An 46 Standorten in 20 Ländern arbeiten rund 18.000 Mitarbeiter für die Unternehmensgruppe.

Energiekrise – Jeder zweite Betrieb im Mittelstand bangt um Existenz

Deindustrialisierung: Der starke Anstieg bei den Energiepreisen geht einer Umfrage zufolge vielen mittelständischen Unternehmen nach eigener Aussage zunehmend an die Substanz. 42,36 Prozent von 853 befragten Unternehmen gaben in einer Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) an, dass die Energiepreisexplosion die Existenz des Unternehmens gefährden würden. Das berichteten die Zeitungen der Funke Mediengruppe. Mit 72,5 Prozent gaben fast drei Viertel der befragten Unternehmen an, unter den derzeitigen Preisen für Energie zu leiden.

Die finanziellen Reserven der Privatbrauerei Bischoff GmbH + Co. KG sind ausgeschöpft, das Eigenverwaltungsverfahren gescheitert – jetzt läuft laut „Focus“ das Insolvenzverfahren. Der geschäftsführende Gesellschafter Sven Bischoff nennt als Ursachen für die Insolvenz unter anderem den Corona-Lockdown in der Gastronomie und die gestiegenen Energiepreise. Betroffen sind rund 40 Mitarbeiter. Das Unternehmen erzielte einen Umsatz von 5,4 Mio. Euro.

Die Aryzta AG ist mit 53 Großbäckereien in 29 Ländern und weltweit etwa 20.000 Mitarbeiter eines der größten Bäckereiunternehmen der Welt. Beim Tiefkühlbäcker Aryzta geht es beim Thema Gas und Strommangel „um eine Überlebensfrage“. Das Unternehmen (mit einen Umsatz von jährlich rund 4 Mrd. Euro) möchte die Mehrheit der Öfen in seinen 19 Bäckereien in Europa – viele davon in Deutschland – von Erdgas auf Heizöl umstellen. Für Unternehmensleiter Urs Jordi ist das Stromproblem für sein Unternehmen aber noch sehr viel exixtenzbedrohender als das Gasproblem. „Beim Strom haben wir keine Alternativen, wir brauchen diesen überall“, sagte er gegenüber der Neuen Züricher Zeitung (NZZ).

Der Fliesenhersteller Villeroy & Boch AG (V&B) (Umsatz von 945 Millionen Euro) wird sein Werk in Merzig schließen. Das Unternehmen (6.771 Mitarbeiter) führt als Gründe „extrem hohe Kosten für Energie, Transporte, Verpackung und Rohstoffe“ sowie „das hohe Lohnniveau in Deutschland“ an. Das mache die Produktion von Fliesen hierzulande „wirtschaftlich unattraktiv“. Die Produktion soll noch in diesem Jahr auslaufen und ins türkische Stammwerk der Eczacibasi-Gruppe verlagert werden.

Der Porzellan-Hersteller Eschenbach Porzellan Group (Neue Porzellanfabrik Triptis GmbH) stellt seine Produktion zum Jahresende ein. Als Grund gab das Unternehmen die gestiegenen Energiepreise an. Geschäftsführer Rolf H. Frowein sagte dem MDR, Eschenbach müsste für das benötigte Gas ab Januar gegenüber dem aktuellen Vertrag den sechsfachen Preis bezahlen. Von der Betriebsschließung sind nach Angaben des Unternehmens 99 Mitarbeiter betroffen.

Deindustrialisierung in Deutschland: Der Branche der Porzellanhersteller drohe ein kompletter Exodus – so teilte es ein Geschäftsführer der Akademie Bergstraße mit.

Der Zuckergigant Suedzucker AG hat Notfallpläne für den Fall ausgearbeitet, dass ein Gasnotstand in Deutschland eintreten kann.

BIW Isolierstoffe GmbH (600 Mitarbeiter) weist auf Mangellage bei Strom und Gas hin. Die Energieinflation ist für Ralf Stoffels von der BIW Isolierstoffe GmbH (Umsatz von 80 Mio. Euro), in Deutschland „viel dramatischer als anderswo“. Gegenüber Bloomberg. Der Geschäftsführer des Herstellers von Silikonteilen für die Automobil-, Luft- und Raumfahrt- und Haushaltsgeräteindustrie warnt: „Ich befürchte eine allmähliche DeIndustrialisierung der deutschen Wirtschaft“. Standorte des Unternehmens: in China – Kunshan, in Polen – Wroclaw und Glogów, in Deutschland in Iserlohn und Ennepetal.

Insolvenzwelle in Deutschland

Im deutschen Mittelstand geht die Angst vor einer Pleitewelle um, hauptsächlich wegen unkontrollierbar steigenden Energiepreisen. Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Handwerks. „Wegen der Energie-Krise rollt auf das Handwerk eine Insolvenz-Welle zu.“

Die Dachziegelwerke Nelskamp GmbH stellten die energieintensive Produktion von Tondachziegeln am 1. September 2022 vorläufig ein. Als Grund dafür nannte das Unternehmen laut B_I MEDIEN „die enormen Preissteigerungen bei Gas und Strom. Im Zweijahresvergleich hätten sich zuletzt die Einkaufspreise für Gas um den Faktor 16 und die für Strom um den Faktor 15,5 verteuert. Hinzu kämen die Energiepreisumlage sowie weitere Umlagen ab Oktober.“ Die Lage auf dem Energiemarkt sei so unsicher, dass die künftigen Kosten nicht verlässlich kalkuliert werden könnten, hieß es von Nelskamp. Nelskamp stellte dazu nach Angaben des Baufachmagazins Baulinks ausdrücklich fest: „Das sind die Folgen der Energiepolitik, die Gas und Strom künstlich verknappt und damit die gegenwärtig untragbare Preisexplosion herbeigeführt hat.“ Betroffen sind zwei Werke in Groß Ammensleben bei Magdeburg und im unterfränkischen Unsleben mit gut 300 Mitarbeitern, teilte Nelskamp mit. Im vergangenen Jahr 2020 hat Nelskamp mit 600 Beschäftigten rund 140 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet.

Die Holcim AG (Marken Holcim, Lafarge) gehört zu den grössten Baustoffproduzenten der Welt. Zementwerke zählen zur energieintensiven Industrie. Als Brennmaterial bei der Produktion verwendet Holcim in der Schweiz unter anderem Klärschlamm, Plastikabfälle und verbrauchte Lösungsmittel aus der Chemieindustrie. Diese Entsorgungsleistungen des Zementherstellers wären nun gefährdet, müsste Holcim den Betrieb wegen Strom-Rationierungen oder im schlimmsten Fall wegen vorübergehender Strom-Abschaltungen herunterfahren.

Beim größten mitteleuropäischen Düngemittelhersteller SKW Stickstoffwerke Piesteritz steht offenbar die Produktion still. Grund sind die hohen Gaspreise und die Gasumlage. Auf das Unternehmen käme nach eigenen Angaben monatlich eine Gasumlage in Höhe von 30 Millionen Euro zu. Das sei finanziell nicht zu stemmen. Sprecher von SKW, Christopher Profitlich, gegenüber Focus online. „Bisher schwankten die Gaspreise im Sommer zwischen 5 und 10 und im Winter zwischen 30 und 40 Euro pro Megawattstunde. Nun liegt der Preis zwischen 200 und 300 Euro und ist extremen Schwankungen unterworfen.“ Die SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH beschäftigt rund 860 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von rund 504 Mio. Euro.

Sanktionspolitik führt bei Anlagenbauer Linde GmbH / Linde plc ( rund 74.000 Mitarbeiter) zu Arbeitsplatzverlusten – Jetzt sei der Abbau von 400 bis 500 Arbeitsplätzen geplant. Linde beschäftigt im Anlagenbau in Pullach gut 2.000 Menschen. Milliardenschwere und lukrative Großaufträge von Gazprom sind weggebrochen, sie machten zwei Drittel des Auftragsbestandes der Sparte aus. Besonders betroffen sind die Großaufträge zum Bau von Flüssiggasanlagen und Anlagen zur weiteren Verarbeitung von Erdgas. Das Unternehmen gibt einen Umsatz von 27 Mrd. Us-Dollar an.

Traditionsunternehmen Hakle GmbH – ist wie viele aus der Branche der Papierindustrie durch extrem hohe Energie- und Rohstoffpreise belastet. Jetzt kämpft der fast 100 Jahre alte Mittelständler ums Überleben – der Umsatz wird mit ca. 70 Mio. Euro angegeben. Grund sind die hohen Energie- und Rohstoffpreise. Das Familienunternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern spricht von „einer als historisch zu bezeichnenden Energiekrise“.

Traditions-Schuhhändler Ludwig Görtz GmbH (rund 1.800 Mitarbeiter), der Schuhe teilweise auch selbst designt und produziert, ist zum Sanierungsfall geworden. Die Muttergesellschaft Ludwig Görtz GmbH hat ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung beantragt, teilte das Unternehmen 6. September 2022 mit. Der Ukraine-Krieg, die Inflation und steigende Energiepreise „führten zu enormer Kaufzurückhaltung in den Filialen und im Onlinegeschäft“.

Besonders betroffen – Stahl- und Metallindustrie

Deindustrialisierung in Deutschland: Der Abeitgeberverband Nordmetall sorgt sich laut NDR um die Zukunft der Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie, so Sprecher Alexander Luckow. Der Verband vertritt in Schleswig-Holstein rund 80 Betriebe mit 32.000 Mitarbeitern.

Die DMV Deutsche Metallveredelung GmbH ist insolvent. Knapp 100 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. Das energieintensive Unternehmen hatte zuletzt insbesondere unter den immens steigenden Kosten für Strom und Gas gelitten. In der aktuellen geopolitischen Lage war keiner der potentiellen Investoren bereit, das mit einem Erwerb der DMV verbundene Risiko einzugehen. Daher blieb trotz intensiver Bemühungen aller Beteiligten nichts anderes übrig, als den Geschäftsbetrieb einzustellen und sämtlichen Mitarbeitern zu kündigen.“ Ein Grund für die endgültige Insolvenz sind also die enorm gestiegenen Energiekosten.

Aufgrund von steigenden Energie- und Rohstoffpreisen musste das Unternehmen ROT Rickert Oberflächentechnik seine Nickel-Anlage außer Betrieb nehmen. Firmeninhaber Sönke Rickert gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk (NDR): „Ich kann den Kunden jetzt nicht sagen, dass was vorher 50 Euro gekostet hat, jetzt 200 Euro kostet. Das macht keiner mit.“

Die Baumann Federn AG (weltweit 1.500 Mitarbeiter) kämpft mit den Energiekosten. Matthias Würsten leitet bei Baumann eine Task-Force, die das Unternehmen vor dem Hintergrund einer potenziellen Gasmangellage ins Leben gerufen hat, berichtete die Neue Züricher Zeitung (NZZ). Angesichts dieser Probleme prüft Baumann intensiv eine Verlagerung der Produktion in die USA oder nach Asien.

Budel-Hütte scheitert an Energiekosten – die Zinkhütte hat wegen hoher Energiekosten die Einstellung der Produktion angekündigt. Die Budel-Hütte, die von der zur Trafigura-Gruppe kontrolliert wird, ist eine der größten Schmelzen Europas. Sie soll ab dem 1. September 2022 „bis auf Weiteres“ in einen Wartungs- und Instandhaltungszustand versetzt werden, wie die Finanzagentur Bloomberg unter Berufung auf das Unternehmen schreibt. Der Zinkpreis schoss nach der Nachricht über sieben Prozent in die Höhe.

Kupferproduzent Aurubis AG – Europas größter Kupferproduzent will ihren Gasverbrauch minimieren und ihre erhöhten Stromkosten an die Kunden weitergeben. Dies hat der Vorstandsvorsitzende Roland Harings angekündigt

Deindustrialisierung in Deutschland: Die Zukunft der Stahlindustrie in Deutschland ist stark gefährdet. Karl-Ulrich Köhler, der Vorstandsvorsitzende der Stahl-Holding Saar (SHS); „Die Standortfrage wird sich in den kommenden Jahren stellen. Hintergrund sind die Klimaziele der Politik und die notwendige Umstellung der Produktion von Koks und Kohle auf eine strombasierte Metallurgie. Dabei kommen sogenannte Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen zum Einsatz. Diese Anlagen werden nicht zwingend in Deutschland stehen„.

Bernhard Osburg – CEO von Thyssen-Krupp Steel Europe: Thyssen-Krupp Steel bekommt am Standort Duisburg die hohen Strompreise zu spüren. Allein in den letzten sechs Monaten sind unsere Ausgaben für Gas und Strom um einen dreistelligen Millionenbetrag gestiegen. Die Stahlindustrie sei von den Auswirkungen auf die Energiepreise massiv betroffen.

Beim Stahlhersteller Salzgitter kommt es bereits am Standort in Peine zu Produktionsunterbrechungen, um Strompreisspitzen zu vermeiden. Die Strompreise würden genau beobachtet und Schichten rausgenommen, wenn die Preise zu hoch seien, so ein Unternehmenssprecher laut Handelsblatt. Das Elektro-Stahlwerk laufe im Stop-and-go-Betrieb. Die Preisexplosion beim Strom verursache erhebliche Zusatzkosten

Die Lech-Stahlwerke verbrauchen so viel Strom wie die Stadt Augsburg. Der ist inzwischen so teuer, dass der Betrieb zeitweise in die Zwangspause geht. „Wir legen die Produktion tageweise still“, sagte ein Unternehmenssprecher. „Eine Produktion ist wirtschaftlich nicht sinnvoll.“ Inklusive Tochterunternehmen seien an dem Standort mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigt.

Der Chef des Stahlveredlers Waelzholz, Hans-Toni Junius, warnt: Strenge deutsche Klimagesetze könnten dazu führen, dass mehr Produktion nach Polen oder China verlagert wird. Das Unternehmen beschäftigt aktuell 1.500 Mitarbeiter. Hans-Toni Junius, warnt Es droht die Deindustrialisierung unseres Landes, andere Länder freuen sich darüber.

Die Aluminiumproduktion bei Trimet ist bereits wegen hohen Strompreisen massiv gedrosselt. Trimet-Chef Philipp Schlüter In Essen steht die Produktion des Aluminium-Herstellers Trimet wegen der Energiekrise fast still. Aus der Not heraus verkauft der Aluminium-Hersteller stattdessen seinen Strom. Das Familienunternehmen Trimet hat Standorte in Nordrhein-Westfalen (Essen, Voerde) und Hamburg ist von der Energiekrise massiv betroffen. Das Unternehmen fährt die Produktion massiv herunter. Das Unternehmen beschäftigt rund 2.400 Mitarbeiter.

Swiss Steel warnt vor Strommangelwirtschaft – ein Land wie Deutschland, das seine Wirtschaft nicht sicher mit Energie versorgen kann, darf sich dann nicht wundern, wenn es skeptisch beäugt wird. Dabei wirke schon der blosse Gedanke an Produktionsunterbrechungen abschreckend – und kann zur Deindustrialisierung im Land führen., schreibt die NZZ.

Der Präsident des Gesamtverbandes der Aluminiumindustrie Hinrich Mählmann sieht für sein Unternehmen, die Otto Fuchs Gruppe, keine Möglichkeit, Gas ohne Produktionskürzungen einzusparen. „Wir können nicht 15 Prozent einsparen, ohne die Produktion zu reduzieren“,sagt Mählmann dem ARD-Morgenmagazin. Wenn wir nicht zeitnah eine Lösung in der Energiekrise finden, wird es bald keine Aluminiumhütten mehr in Deutschland geben“, so Mählmann laut Handelsblatt. Eine schleichende Deindustrialisierung bedeute eine Verlagerung in Regionen mit deutlich geringeren Sozial- und Umweltstandards, bzw. mit geringen Energiekosten.

Der führende Zinkproduzent Glencore hatte laut n-tv bereits Anfang August 2022 vor den Folgen der Energiekrise für Europa gewarnt. Die Versorgung mit Grundmetallen gerät durch die Gaskrise immer mehr unter Druck. Nach einer Umfrage des Verbandes Aluminium Deutschland können neun von zehn Aluminiumhütten nicht auf einen anderen Energieträger als Gas ausweichen. Bereits ab einer Verringerung der Gaszufuhr von bis zu 30 Prozent würde bei der Hälfte der Betriebe die Produktion stillstehen.

ArcelorMittal – der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt – reduziert Stahlproduktion in Deutschland. Jetzt stellt das Unternehmen an mehreren deutschen Standorten teilweise den Betrieb ein. „ArcelorMittal zieht in Deutschland die Konsequenzen, da nicht mehr alle Anlagen wirtschaftlich betrieben werden können“, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns mit Sitz in Luxemburg. „Die exorbitant gestiegenen Energiepreise beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit der Stahlherstellung massiv. Ab Ende September wird das Unternehmen bis auf weiteres einen der beiden Hochöfen am Flachstahlstandort Bremen stilllegen. Dazu kommt ab Oktober die geplante Gasumlage der Bundesregierung, die uns weiter belasten wird“, so Reiner Blaschek, CEO von ArcelorMittal Germany. „

Update – Stand 14. September

Bäckereien in Deutschland sind bedroht – der Bäcker von Nebenan

Stromrechnungen von kleinen Bäckereien, die ins Netz gestellt werden zeigen dass die Rechnungen oft nicht mehr zu stemmen sind. Häufig vervierfacht oder versechsfacht sich der Abschlag ab Oktober. Die Inhaberin Caterina Künne von 7 Bäckereifilialen (Familienbetrieb seit 1933 mit 60 Mitarbeitern) fasste es in der Sendung Hart aber Fair zusammen: Statt bisher 120.000 Euro pro Jahr soll ihre Bäckerei ab Januar 1,1 Millionen Euro für Energiekosten im Jahr zahlen.

Die steigenden Strompreise bringen auch bisher gesunde Unternehmen in Bedrängnis, so wurde in Dirk Bremkamps Textilbetrieb – Bremkamp Elastic GmbH – Kurzarbeit trotz guter Auftragslage angeordnet.

Weitere Glashersteller – hier der international bekannte Produzent Duralex muss durch die explodierenden Energiepreise seine Schmelzöfen ab November für vier Monate abschalten.

Auch das Unternehmen Cristal d’Arques (über 1.500 Mitarbeiter) muss die Produktion reduzieren und hat bereits eine Drei-Tage-Woche angeordnet. Das Unternehmen kann die Gaskosten – bisher 18 Millionen – jetzt aktuell 260 Millionen Euro nicht mehr zahlen und sieht die Produktion in Europa als unrentabel.

Auch in Europa sind Unternehmen betroffen – der Grund auch hier immer weiter steigende Energiekosten die eine Produktion in Frage stellen.

Das französiche Unternehmen Vert Marine, das mehr als als 30 Schwimmbäder betriebt, muss diese nun schließen. Die Kosten für Energie stiegen von 15 auf 100 Millionen Euro.

So haben auch in Polen weitere Düngemittelfabriken die Produktion eingestellt. Das hat unmittelbare Folgen für die Landwirtschaft.

Auch Europas größter Stickstoffhersteller Yara International hat bereits die Produktion von Düngemitteln in Italien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden eingestellt.

Besondern betroffen von der Gasmagellage mit immer weiter steigenden Preisen, ist die Europäische Metall- und Stahlindustrie.

Nyrstar Budel – der Weltmarktführer bei Zink und Blei, hat seine Produktion bereits eingestellt.

Die Aluminiumfabrik Aldel in Delfzijl schließt einen Großteil seiner Produktion, weil es aufgrund hoher Gaspreise nicht mehr rentabel ist.

Der Stahlhersteller Ascometal (Swiss Steel Group) hat bereits angekündigt seine Produktion zweimal zu stoppen – für jeweils drei Wochen im November und Dezember.

Die Stahlindustrie in der Slowakei, Polen, der Tschechischen Republik, Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich kommt durch hohe Energiekosten zum Stillstand.

Donald Tusk, Polens ehemaliger Premierminister, über die steigenden Gaspreise: „Die Schlinge zieht sich so fest zu, dass im Januar und Februar Dutzende, vielleicht sogar Hunderte der besten Fabriken Polens zusammenbrechen werden. Die Situation ist wirklich dramatisch. Was sich in den letzten Wochen ereignet hat, übersteigt die Vorstellungskraft. Die von der polnischen Öl- und Gasgesellschaft PGNiG übermittelten Angebote entsprechen einem Preisanstieg um das 12 bis 15fache. Das ist eine Steigerung von 1.000 bis 1.200 Prozent.“

* Liste wird ständig weiter aktualisiert (Aktueller Stand 14. September 2022)

Dieser Artikel wurde erstellt unter zurhilfenahme umfangreichen Materials der

Akademie Bergstraße
für Ressourcen-, Demokratie- und Friedensforschung gUG
 

Geschäftsführer: Henrik Paulitz,

(AH)