Die Vorräte füllen sich schnell, aber immer noch nicht genug, sagt die Regulierungsbehörde. Das Risiko für einen Gasnotstand im Winter ist immer noch hoch, aber ein Supergau ohne Gas unwahrscheinlich.

Gasnotstand durch Russland

Deutschland wird Schwierigkeiten haben mit genügend LNG, wie verflüssigtes Erdgas in der Kurzform bezeichnet wird, durch den kommenden Winter zu kommen. Die Politiker haben die Abhängigkeit relativ früh erkannt und versuchen die Situation zu entschärfen. Aber selbst wenn die Reserven entsprechend den Regierungszielen wieder aufgefüllt werden, wird es knapp.

Die Gasvorräte sollen auf 95 % bis November aufgefüllt werden um den Gasnotstand zu verhindern. Das würde nur etwa zweieinhalb Monate des Heizungs-, Industrie- und Strombedarfs abdecken, wenn Russland die Lieferungen vollständig einstellt, so Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur. Die Vorräte sind derzeit zu 77 % gefüllt und ist dem Zeitplan damit knapp 2 Wochen voraus.

Deutschland bemüht sich, seine Wintervorräte aufzufüllen um den Gasnotstand zu verhindern, nachdem Moskau die Lieferungen über die wichtige Nord-Stream-Pipeline drastisch gekürzt hat. Weltweit liegt Deutschland auf Platz 8 im Jahr 2021 und in Europa ist Deutschland sogar der größte Erdgaskonsument, dicht gefolgt von dem Vereinigtem Königreich. Dementsprechend verfügt Deutschland mit ca. 240 Terawattstunden auch über die größte Lagerkapazität für LNG in ganz Europa.

Wetter und Verbrauch könnten entscheidend sein

Angesichts des Risikos eines ungewöhnlich kühlen Herbstes und der Möglichkeit weiterer Versorgungsunterbrechungen könnte das von der Regierung vorgegebene Ziel eine Herausforderung darstellen, so Müller. Die Lagerstätten sollen bis Oktober zu 85 % gefüllt sein und bis November zu 95 %. Da einige Lagerstätten mehr Zeit zum Füllen benötigen, könnte das Ziel schwer zu erreichen sein.

LNG hat in den letzten Jahren in Deutschland ca. 15 % des Strombedarfs durch Gaskraftwerke gedeckt. Die Gaskraftwerke sind so beliebt, da sie schneller als andere Kraftwerke auf Stromschwankungen durch erneuerbare Energien reagieren können. Die Regierung prüft bereits verbleibenden Kernreaktoren über ihr vorgeschriebenes Auslaufen in diesem Jahr hinaus am Netz zu lassen, was den Gasverbrauch bis 2023 um 3 % senken könnte. Dazu könnten andere Anlagen mehr belastet werden um den Gasnotstand hinauszuzögern.

Die Regulierungsbehörde prüft auch, wie die Versorgung im Fall von einem Gasnotstand für wichtige Industrien priorisiert werden kann. Eine digitale Plattform, die bei der Ausarbeitung von Vorschlägen für verschiedene Szenarien helfen soll, wird voraussichtlich erst im Oktober fertiggestellt. Die Industrie sollte jedoch nicht erwarten, dass die Regulierungsbehörde eine feste Reihenfolge festlegt, in der Unternehmen im Krisenfall von der Versorgung abgeschnitten werden.

Erdgas durch Schiffe

Bisher gibt es in Deutschland kein LNG Terminal für Schiffe um Gas in das deutsche Netzwerk einzuspeisen. Aktuell wird LNG von Schiffen mit Tank-LKWs aus niederländischen oder belgischen Häfen gebracht. Kleinere LNG Mengen erreichen Deutschlands Gasnetz über Pipelines aus den nahen europäischen Terminals. So wurde im Jahr 2020 etwa 12,7 % des gesamten Gases aus den Niederlanden importiert und 1,6 % aus dem übrigen Europa, neben Norwegen und Russland an der Spitze der Lieferanten. Schon vor dem aktuell drohenden Gasnotstand sind Maßnahmen, um unabhängiger von russichen Gas zu werden, verabschiedet worden.

Der monatliche Gasverbrauch liegt in diesem Jahr bereits jeden einzelnen Monat unter dem Verbrauch vom letzten Jahr. Das angestrebte Einsparziel der Bundesregierung von 20 % ist aber noch nicht erreicht. In der ersten Jahreshälfte war der Verbrauch um 14,7 % niedriger als im Vorjahr, was vermutlich an den milderen Winter und höheren Preisen lag. An Chaos durch die neuen Konflikte und einen möglichen Gasnotstand war Anfang des Jahres noch nicht zu denken.

Deutschland ergreift bereits Maßnahmen, um die Lieferengpässe zu lindern. So wurde in dieser Woche eine Vereinbarung über den Import von Flüssigerdgas über zwei neue Terminals getroffen. Andere Terminals wurden bereits Anfang des Jahres geplant und sollen noch dieses Jahr oder Anfang nächstes Jahres einsatzbereit sein. RWE trägt dabei die entscheidende Rolle bei der Umsetzung. Der Aktienkurs ist seit Juli wieder kräftig am steigen und hat gute 20 % zugelegt. Bei einem Gasnotstand wird RWE eine wichtige Rolle einnehmen.

Gaslieferungen durch Pipelines aus Russland - Bundesnetzagentur

Gaslieferungen durch Pipelines aus Russland – Bundesnetzagentur

Staatliche Regulierung des Gasverbrauchs

Die Notfallpläne der Bundesregierung bei einem Gasnotstand sind schon lange festgelegt. Dieser sieht in 3 Stufen vor wie weit der Staat eingreifen soll. Am 30. März 2022 wurde die Frühwarnstufe zum ersten Mal in der Geschichte des Notfallplans durch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck ausgerufen. Die 2. Stufe wird Alarmstufe genannt und wurde am 23. Juni 2022 vom Bundeswirtschaftsminister ausgerufen.

Beide Stufen sehen aber kein aktives eingreifen des Staates vor und überlassen dem Markt die Regulierung. Die Preisanpassungsklausel wurde nun als Teil der 2. Stufe ausgerufen. Damit dürfen die Versorger die Einkaufspreise unter bestimmten Voraussetzungen direkt an ihre Kunden weitergeben. Dabei gibt es kein Limit nach oben. Die Versorger müssen ihre Kunden über eine Preiserhöhung vorher informieren und man dadurch ein sofortiges Kündigungsrecht.

Der Notfallplan beschreibt auf über 30 Seiten wie die Gasversorgung im Ernstfall geregelt ist. Die letzte Stufe wäre die Notfallstufe. Diese muss anders als die vorherigen Stufen durch die Bundesregierung und nicht durch das Wirtschaftsministerium ausgerufen werden. Neben eine Reihenfolge für Abschaltungen ist die Versorgung von geschützte Kunden vor allen anderen sicherzustellen. Dazu gehören private Haushalte, Krankenhäuser, Feuerwehr, Polizei und Gaskraftwerke, die zugleich der Wärmeversorgung von privaten Haushalten dienen.

(TB)