Land Grabbing bedeutet Aneignung von Landflächen, insbesondere Agrarflächen oder agrarisch nutzbaren Flächen, oft durch wirtschaftlich oder politisch durchsetzungsstarke Akteure.

Seit der Finanzkrise 2007 ist Ackerland eine attraktive Kapitalanlage für überregionale Investoren geworden.

Milliarden-Subventionen werden an Großgrundbesitzer vergeben, egal wie sie wirtschaften. Die gleichen Subventionen kommen Investoren zugute, die immer mehr Ackerland aufkaufen.

Mit der Folge, so Diplomagraringenieur Klaus Dahmen aus Beverstedt, landwirtschaftlicher Berater in der Milchviehregion Cuxhaven in Niedersachsen: „Der aktiv Betreibende, der aktiv auf der Fläche arbeitet, hat weniger Geld über, als derjenige, dem die Fläche zur Verfügung steht und verpachtet. Das ist eigentlich ein System, das so nicht funktionieren kann und darf.“

Seine Kunden, die Milchbauern Ina und Wilhelm (52) Borgfeldt von der Borgfeldt KG in Basdahl in Niedersachsen, sehen keinen Sinn mehr in der Landwirtschaft. Sie verkaufen ihre Kühe und werden nun selbst zu Verpächtern. Spätestens Weihnachten 2021 sollen alle Kühe weg sein. Die Pacht, nicht mehr die Milchproduktion soll ihre Altersvorsorge sein. Die jugendliche Tochter Lea will später eher Tierärztin werden. Nachfolger für den 2006 gegründeten Betrieb gibt es keine.

Wegen Land Grabbings rings um ihn her kann Bio-Bauer Carlo Horn (42), Geschäftsführender Gesellschafter der Kranichsberger Agrargesellschaft mbH in Kagel in der Mark Brandenburg, den Familienbetrieb nicht vergrößern und bekommt daher auch weniger EU-Gelder © Trailerfoto für den Film „We unite“ der IFOAM – Organics International aus Bonn vom Juni 2019

Wegen Land Grabbings rings um ihn herum kann Bio-Bauer Carlo Horn (42), Geschäftsführender Gesellschafter der Kranichsberger Agrargesellschaft mbH in Kagel in der Mark Brandenburg, den Familienbetrieb nicht vergrößern und bekommt daher auch weniger EU-Gelder © Trailerfoto für den Film „We unite“ der IFOAM – Organics International aus Bonn vom Juni 2019

Und auch der an der Berliner Humboldt-Uni studierte Brandenburger Bio-Bauer Carlo Horn (42) aus Kagel im Landkreis Oder-Spree beklagt in der Story im Ersten vom 14. November 2021: „Der Bodenmarkt hier in der Gegend ist wie ein Haifischbecken.“

Horn weiter: „Wir sind hier wirklich umzingelt. Das Investorenland beginnt direkt hinter mir.“

Land Grabbing: Es ist das System, das fehl läuft

Die europäischen Agrarsubventionen sind mit rund 55 Milliarden Euro pro Jahr der größte Einzelposten des EU-Haushalts. Und dennoch, ein Trend hält an: das Höfe-Sterben. Die Betriebe, die bleiben, werden immer größer. Der Strukturwandel nach dem Prinzip „Wachse oder weiche“ schreitet voran.

Drei Viertel der EU-Förderungen sind Direktzahlungen

Je mehr Hektar, desto mehr Geld. Eigentlich als Einkommenssicherung für Landwirte gedacht, doch das begünstigt häufig auch denjenigen, dem die Fläche gehört und die eine hohe Pacht erhalten.

Eine Kappung der Obergrenze für Direktzahlungen ist gerade im EU-Parlament gescheitert. Länder mit großflächigen Agrarbetrieben wie Deutschland und Tschechien blockierten das Vorhaben.

Aber es soll nun wenigstens mehr Geld für Umweltleistungen und eine stärkere Umverteilung als bislang zugunsten der kleineren Betriebe geben.

Aber selbst der 20.000ste Hektar einer größeren Holding wird noch subventioniert.

Die bayerische SPD-EU-Parlamentarierin Maria Noichl (54) aus Rosenheim spricht bei der EU-Landwirtschafts-Subventionierung von einer Katastrophe, doch Deutschland und Tschechien blockieren eine Kappung der Direktzahlung, von denen überwiegend nur die Großbetriebe profitieren © Europäisches Parlament

Die bayerische SPD-EU-Parlamentarierin Maria Noichl (54) aus Rosenheim spricht bei der EU-Landwirtschafts-Subventionierung von einer Katastrophe, doch Deutschland und Tschechien blockieren eine Kappung der Direktzahlungen, von denen überwiegend nur die Großbetriebe profitieren © Europäisches Parlament

Maria Noichl (54) aus Rosenheim in Bayern, Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament: „In Wirklichkeit ist es ja so, dass 10 Prozent der Gelder genommen werden und nicht nur auf die Kleinen, sondern auf alle Betriebe verteilt werden.“

Noichl weiter: „Man muss ganz deutlich sagen: Die Umverteilung wird sich draußen positiv bemerkbar machen für die Kleinen. Aber nur so klein positiv“. Sie zeigt einen kleinen Luftspalt zwischen Daumen und Zeigefinger. „Der große Weg, dass das große Geld zu den großen Betrieben geht, ist weiterhin offen. Und das ist echt eine Katastrophe. Das ist gegen den Mittelstand. Und das ist vor allem gegen die Idee Europas. Denn in Europa werden normalerweise Kleine und Mittelständler gefördert.“

Die Kauf- und Pachtpreise sind in den vergangenen 15 Jahren enorm gestiegen

Das ist ein Problem für ökologische sowie konventionelle Betriebe, denn für viele von ihnen ist Boden schlicht nicht mehr bezahlbar. Die Folge: Land Grabbing.

In den letzten 10 Jahren hat sich der Besitz von Ackerland in den Händen weniger, aber größerer Agrarindustrien konzentriert, was zur Schließung von über 100.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland geführt hat.

In Deutschland sind nur knapp 40 Prozent der Flächen im Eigentum der Landwirte – im Süden mehr als im Norden oder im Osten. 60 Prozent müssen die Bauern pachten.

„Deutschland gehört mit zu den Ländern, wo der Boden am teuersten ist. Außerdem sind die Bodenpreise hierzulande mit am stärksten gestiegen.“

Das schrieb Dr. Olaf Zinke im Münchener Fachmagazin agrarheute.com im April 2021.

Dr. Olaf Zinke, Redakteur von agrarheute.com © agrarheute.com, München

Dr. Olaf Zinke, Redakteur von agrarheute.com © agrarheute.com, München

In Deutschland haben sich die Bodenpreise in den letzten 10 Jahren fast verdreifacht – auf zuletzt im Durschnitt rund 26.000 Euro je Hektar.

Mit großen regionalen Preisunterschieden: So mussten die Bauern in Niederbayern für den Hektar Land zuletzt 114.700 Euro hinblättern – in Brandenburg und Thüringen waren es knapp 12.000 Euro und im Saarland weniger als 10.000 Euro.

Auch die Pachtpreise für Ackerland sind gestiegen – über 60 Prozent in zehn Jahren

Die jährliche Pacht für ein Hektar Ackerland stieg im Bundesdurchschnitt von 2010 bis 2020 um über 60 Prozent auf 375 Euro pro Hektar.

„Wer in den letzten beiden Jahren einen Pachtvertrag abschloss, zahlt mit 425 € /ha im Schnitt 100 € mehr als für die ohnehin schon teuren Bestandspachten“, stellte Anna-Maria Buchmann am 10. September 2021 in agrarheute fest.

Ackerland-Pacht im Nordwesten am höchsten

„Die höchsten Pachtpreise werden weiterhin in den Hochburgen der Veredlung – oder anders gesagt, in den Ländern mit dem höchsten Tierbesatz je Flächeneinheit verlangt – und gezahlt“, schätzte Dr. Olaf Zinke am 25. August 2021 in agrarheute ein.

Das sind Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Für Ackerland mussten die Bauern hier im Jahr 2020 im Schnitt 614 Euro je Hektar und 595 Euro je Hektar ausgeben. Das sind 68 beziehungsweise 57 Euro je Hektar mehr als vor vier Jahren – und gleichzeitig rund dreimal so viel, wie die Bauern in einigen ostdeutschen Ländern oder in Rheinland-Pfalz zahlen müssen.

Auf Position drei im Ranking der teuersten Pachten für Ackerland liegt Schleswig-Holstein. Im nördlichsten Bundesland müssen die Bauern für den Hektar Ackerland immerhin 547 Euro berappen – das sind 41 Euro mehr als vor vier Jahren.

Auf Position vier folgt dann Bayern. Dort sind allerdings die regionalen Preisunterschiede besonders groß. Im Schnitt zahlen die bayerischen Bauern für ihr Ackerland Pachtpreise von 444 Euro je Hektar. Der Anstieg gegenüber 2016 beträgt im südlichsten Bundesland immerhin 48 Euro.

Von den ostdeutschen Bundesländern müssen die Landwirte in Sachsen-Anhalt die höchsten Pachtpreise zahlen – nämlich 339 Euro je Hektar. Das ist fast doppelt so viel wie etwa in Brandenburg – dem Land mit dem niedrigsten Preis im Osten – und zugleich gegenüber 2016 ein Anstieg von „nur“ 26 Euro.

Viele Landwirte kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz

In Brandenburg gehört schon die Hälfte der Flächen großen Agrar-Unternehmensgruppen. Dieses Land Grabbing bekommt auch Biobauer Carlo Horn aus Kagel, einem Ortsteil von Grünheide in der Mark Brandenburg, zu spüren. Er kommt nicht mehr an Land.

Gegen Land Grabbing demonstrierte Bio-Bauer Carlo Heinz (42) aus Kagel in Oder-Spree 2019 mit seinem Traktor in Berlin © Screenshot aus Trailer für den 12-Minuten-Kinofilm „We unite“ vom Juni 2019

Gegen Land Grabbing demonstrierte Bio-Bauer Carlo Horn (42) aus Kagel in Oder-Spree 2019 mit seinem Traktor in Berlin © Screenshot aus Trailer für den 12-Minuten-Kinofilm „We unite“ vom Juni 2019

Er fährt jedes Jahr mit anderen Bauern mit seinem Traktor zur Demo nach Berlin. „STOP Landgrabbing“, stand 2019 auf seinem Plakat. Land Grabbing und Schwierigkeiten beim Zugang zu Land drängen kleine und mittlere Betriebe aus der Landwirtschaft, worüber Carlo Horn aus eigener Erfahrung spricht.

Bauer Horn: „Der Druck auf die Landwirte ist mittlerweile so groß, dass viele die System-Frage stellen. Und einfach sagen, wollen wir wirklich so weitermachen? Nein!“

Als er 2015 3,3 Hektar Land von dem ortsansässigen Bauern Dieter Elsholz (81) kaufen wollte, verkaufte der aber an eine Berliner Vermögensgesellschaft: die Naves Vermögensverwaltung GmbH am Müggelseedamm 70 in Friedrichshagen.

Das Landwirtschaftsamt des Kreises Oder-Spree hat dem Verkauf der Flächen an einen Nichtlandwirt zugestimmt, obwohl die Horns Kaufinteresse signalisierten. 2018 erklärte dazu Amtsleiter Gerd Piefel im Landwirtschaftsausschuss des Kreistages: Zwar hätte ein landwirtschaftliche Nutzer grundsätzlich ein Vorkaufsrecht. Dafür müsse er aber seine Zahlungsfähigkeit mittels Bankbürgschaft nachweisen.

„Das hat er nicht getan“, betonte Piefel. Zwar habe Horn angeboten, einen „Koffer voller Bargeld“ ins Amt zu stellen, doch auf so etwas könne er nicht eingehen, stellte Piefel klar.

In der Kürze der Zeit sei es nicht möglich gewesen, die Bankbürgschaft zu bekommen, sagte Carlo Horn. Knapp zwei Wochen hatte man ihm dafür zugebilligt.

Man müsse dem Eigentümer schnell die Freiheit geben, seinen Grund und Boden zu veräußern, erklärte Piefel.

Land Grabbing: Elsholz’ Verkauf an die Naves ist rechtskräftig

Auch die anderen beiden Alteigentümer des einstigen LPG-Landes im Dorf Kagel hätten an die Naves, hinter der Georg Graf zu Castell-Castell (Inhaber der Oki Ventures UG – haftungsbeschränkt – aus Berlin Schöneberg) und Michael Sradnik (Inhaber der Poppelnick Vermögensverwaltung UG – haftungsbeschränkt – aus dem Müggelseedamm 70 in Berlin Friedrichshagen) stehen, verkauft, sagte Horn. „Um die Fläche, auf der das Wohnhaus steht, kämpfen wir noch“, betonte er.

Sein Betrieb ist heute umgeben von Agrarholdings, hinter denen finanzstarke Investoren stecken. Einige von ihnen haben – auch wegen Regulierungslücken – ganze Betriebe übernommen. Sie bewirtschaften bis zu 20.000 Hektar. Und je mehr Hektar Land, desto mehr Geld. Ein Großteil der EU-Subventionen, die als Einkommensunterstützung für Landwirte gedacht sind, wird nach Fläche verteilt.

Eine verpflichtende Obergrenze für Direktzahlungen, wie sie die EU-Kommission und viele Parlamentarier wollten, ist – wie eingangs erwähnt – vor kurzem gescheitert. Die europäischen Staats- und Regierungschefs hatten sich dagegen ausgesprochen. Carlo Horn war auf vielen Bauerndemos, ist Aktivist. Doch eine Veränderung sieht er nicht. Er kämpft um seine wirtschaftliche Existenz.

Aber eine scharfe Waffe gegen Land Grabbing wäre ja eigentlich in Deutschland bereits da.

Das Grundstücksverkehrsgesetz verlangt den Vorzug für echte Landwirte

„Der Ausverkauf so vieler Ländereien kann eigentlich nur durch eine striktere Handhabung des Grundstücksverkehrsgesetzes gestoppt werden, wenn mittelständische Höfe mit Betriebsleitern, die eine agrarische Ausbildung haben, den Vorzug bei Landerwerb und Pachtung er halten“, kommentierte Hans Hinrich Hatje, Dipl.-Ing.agr. aus Süsel/Gothendorf in Ostholstein, am 15. November 2021 Die Story im Ersten „Kampf ums Ackerland“.

Dabei gibt es zwei Probleme:

1. Share Deals hebeln das Bauernvorkaufsrecht aus

Landwirte aus der jeweiligen Region haben beim Bodenkauf eigentlich ein gesetzliches Vorkaufsrecht. Doch in der Vergangenheit wurde diese Regelung durch sogenannte Share-Deals umgangen: Das bedeutet, der Investor kauft den Acker nicht direkt, sondern er erwirbt die Mehrheit an dem Unternehmen, dem die Flächen gehören. Dafür benötigt der Käufer keine behördliche Genehmigung. Und er muss nicht einmal eine Grunderwerbssteuer zahlen.

2. Investoren kaufen so große Flächen auf einen Schlag, dass gar kein örtlicher Bauer mitbieten kann

So hat sich beispielsweise der Dortmunder Benjamin Heinig (34), Mehrheitsgesellschafter (53,66 Prozent) der Handelskette Woolworth GmbH aus Unna in NRW, über seine Wachholzer Land- und Forstwirtschaft GmbH & Co. KG aus Beverstedt in Niedersachsen mindestens 900 Hektar Ackerland im dortigen Cuxhavener Land als Investition kaufen können, fand die ARD heraus.

Benjamin Heinig ist der Sohn von Stefan Heinig (59) aus Dortmund, der unter anderem 1994 zusammen mit der Unternehmensgruppe Tengelmann aus Mühlheim an der Ruhr den Bekleidungshandel „Kik“ in Bönen in NRW gründete. Er und Sohn Benjamin Heinig sind Mit-Eigentümer von „tedi“ in Dortmund. Das Vermögen von Papa Heinig schätzt das „manager magazin“ auf rund 600 Millionen Euro.

Nur selten kommt Großinvestor Benjamin Heinig mal nicht zum Zuge

Immerhin hat das Amtsgericht Geestland im Frühjahr 2021 in einem Fall das Vorkaufsrecht der Niedersächsischen Landgesellschaft NLG bestätigt, als sich ein lokaler Landwirt als Käufer fand.

Laut dem Landwirtschaftsmagazin topagrar aus Münster gingen die Richter davon aus, dass die Benjamin Heinig Holding (B.H. Holding), die mit Anzeigen auf ebay, in der örtlichen Presse oder mit direkten Anschreiben warb und dann über ihre Wachholzer Land- und Forstwirtschaft GmbH & Co. KG auf Einkaufstour ging, die Flächen nicht zum Ausbau oder Neustart einer Bodenbewirtschaftung kaufen wollte, sondern zur Finanzanlage.

Wem gehören die großen Ackerland-Holdings in Deutschland?
Diplom-Agraringenieur Andreas Tietz vom Johann Heinrich von Thünen-Institut Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, in Braunschweig © Pressefoto Thünen-Institut/Andreas Tietz

Diplom-Agraringenieur Andreas Tietz vom Johann Heinrich von Thünen-Institut Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig © Pressefoto Thünen-Institut/Andreas Tietz

Diplom-Agraringenieur Andreas Tietz vom Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig, sagte der ARD: „Diese Konkurrenz um Land hat einfach massiv zugenommen in den letzten zehn, zwanzig Jahren. Wir haben Inflation. Wir haben Null Zinsen. Und die Leute wissen nicht, wohin mit ihrem Geld.“

Forscher Tietz zählt auf: „Es gibt Möbelunternehmer. Es gibt Banker. Es gibt Immobilienunternehmer. Es gibt große Familienstiftungen von großen Konzernen. Die Familie, die dahintersteht, hat Vermögen. Und diese Stiftung ist dann dafür zuständig, ja, das Vermögen zu vermehren, wertstabil anzulegen und kommt darauf, dass man in die Landwirtschaft investieren will.“

Investor Benjamin Heinig stand weder topagrar aus Münster noch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk für ein Interview oder eine Stellungnahme zur Verfügung.

Möglicher Ausweg gegen Land Grabbing: Aktiengesellschaft mit Bürgerbeteiligung
Teresa und Christian Jundt, Landwirte und Hofnachfolger des Patersberghofes im Dorf Veitlahm mit ihren Kindern Matilda und Fridolin © patersberghof.de

Teresa und Christian Jundt, Landwirte und Hofnachfolger des Patersberghofes im bayerischen Dorf Veitlahm mit ihren Kindern Matilda und Fridolin © patersberghof.de

Auch im bayerischen Oberfranken geben immer mehr Bauern auf. Im Dorf Veitlahm gab es mal 27 Bauernhföfe. Jetzt sind es nur noch 5.

Inzwischen gründen sich bundesweit Initiativen und genossenschaftliche Projekte.

In Veitlahm produziert Christian Jundt auf dem Patersberghof landwirtschaftliche Bioprodukte. Jundt hat Glück. Er kann mit der Regionalwert AG Oberfranken aus Hummeltal, die sich im August 2020 gegründet hat, in den Ausbau seines Betriebes investieren. Mit dieser Aktiengesellschaft hofft Bauer Jundt, auch irgendwann an teures Ackerland zu kommen. Die AG sucht Bürger vor Ort, die sich finanziell beteiligen, um damit eine soziale, lokal verankerte bäuerliche Landwirtschaft zu fördern.

Die Idee stammt aus der Region Freiburg: Dort entstand 2006 die erste Regionalwert AG. Seitdem kamen weitere Regionalwert AGs in Hamburg, im Rheinland, in Berlin-Brandenburg und in Oberfranken dazu. Gemeinsam arbeiten sie unter dem Dach der Regionalwert Impuls GmbH aus Bonn für die breite Umsetzung der Regionalwert-Idee.

So funktioniert die Regionalwert-Idee: Die Regionalwert AG gibt Bürger-Aktien aus und investiert das Geld in regionale Betriebe: Bauernhöfe, Lebensmittelverarbeitung, Handel & Gastronomie. Die Betriebe verpflichten sich zur Einhaltung sozialer und ökologischer Standards und zur vertrauensvollen Zusammenarbeit.

Politologe Andreas Tietz: „Es ist in gewisser Weise ein Teufelskreis, weil man nicht an einer Schraube dreht und das ganze System kommt wieder in Ordnung. Sondern man müsste an allen Schrauben gleichzeitig drehen. Und keiner tut wirklich den ersten Schritt.“

Der Druck auf die Politik wächst. Und die Hoffnung auf Reformen

Im Bundeslandwirtschaftsministerium wartet viel Arbeit auf die neue Regierung. Der Leiter des Referats Bodenmarkt, Jobst Jungehülsing, bleibt.

Der Ministerialrat Ländliche Entwicklung Jobst Jungehülsing sieht in seinem Bereich noch viele grundlegende Probleme: „Es gibt Regulierungslücken, die werden ausgenutzt, so weit es nur geht. Es gibt die Situation, dass der Faktor Boden knapp ist, immer knapper wird und deshalb interessantes Objekt für Spekulationen. Und die diejenigen, die an diesen Modellen Geld verdienen, haben natürlich ein Interesse, dass diese Regulierungslücken nicht geschlossen werden. In der Tat ist es so, wir sind mit den allermeisten Vorschlägen, die schon länger auf dem Tisch sind, sei es im steuerlichen Bereich, sei es im Gesetzgebungsbereich beim Bodenrecht, eigentlich nicht weiter gekommen in den letzten 4 Jahren.“

Für einige Regulierungslücken liegt aber nicht die Verantwortung beim Bund, sondern in den Bundesländern. Brandenburg und einige andere arbeiten schon länger an einem neuen Bodenmarktrecht. Außer Baden-Württemberg mit seinem Agrarstrukturverbesserungssgesetz bislang ohne Ergebnis.

Die neue Bundesregierung kann also noch an vielen Schrauben drehen. Wenn sie will. (FM)