„Sie ist die Scharfmacherin der Nation“, stellte Moderator Harald Schmidt (64) aus Köln-Marienburg die Berliner Imbissbudenbesitzerin vom Stuttgarter Platz Herta Heuwer (1913-1999) in der WDR-Rateshow Pssst vor. Die aus Königsberg stammende Herta hat 1949 in Charlottenburg die Currywurst erfunden. Nun soll die Currywurst als Name verschwinden.

Herta Heuwer (1913-1999) mit Moderator Harald Schmidt in der WDR-Rateshow Pssst © youtube / Erlebnisausstellung im Deutschen Currywurstmuseum Berlin Mitte

Die Erfinderin der Currywurst, die Berliner Gastronomin Herta Heuwer (1913-1999), mit Moderator Harald Schmidt in der WDR-Rateshow Pssst © youtube / Erlebnisausstellung im Deutschen Currywurstmuseum Berlin Mitte

Die Currywurst ist ein Berliner Original mit eigenem Museum nahe Checkpoint Charlie. Nun soll sie weg. Wie schon ein anderes verschwundenes Berliner Original: der Sarotti-Mohr samt Mohrenstraße.

Geht es nach den sogenannten Wokes, den Aufgewachten, muss nach dem Negerkuss, der Zigeunersauce und dem Sarotti-Mohr nun auch das Wort Curry aus der Brüh-Wurst mit indischen Gewürzen und das Wort Hawaii aus der Pizza mit Ananas verschwinden.

Dabei haben, abgesehen vom Wiener Schnitzel, das tatsächlich aus Wien kommt, und der Peking-Ente, die tatsächlich eine echte chinesische Herkunftsgeschichte hat, die meisten hinterfragten Gerichte keinen tieferen Namens-Sinn, sondern sind einfach nur unreflektierte Fremdbezeichnungen gewesen.

Immer mehr Gerichte und Produkte geraten von Wokes in den Fokus und werden problematisiert. Und viele Nicht-Wokes fühlen sich dann bedroht oder gar ihrer Jugenderinnerungen beraubt. Doch wie es scheint, setzen sich die Wokes durch.

► So musste nach 82 Jahren Unbekümmertheit im Jahr 2004 der berühmte Berliner Mohr auf der Berliner Sarotti-Schokolade seinen Turban nehmen, um keinen Afrikaner mehr zu beleidigen.

► Nach 73 Jahren soll nun auch die Berliner Currywurst nicht mehr nach der angloindischen Gewürzmischung Curry heißen, um keinen Inder zu beleidigen.

► Und auch die Pizza Hawaii soll künftig ohne die einst von den USA eroberte Inselgruppe mit Ananasplantagen heißen, um keinen Hawaiianer zu beleidigen. Mögliche Variante: Pizza mit Ananas.

Pizza Hawaii – „viele koloniale Stereotype“

So wird zum Beispiel auch der Name „Pizza Hawaii“ für einen gebackenen Teigfladen mit gekochtem Schinken und Ananas angezweifelt. Der Name sei mit einer „Geschichte des Kolonialismus und der Aneignung verbunden“, hieß es etwa bei der Gruppe PoC/Migrantifa. Der Name solle einen exotischen Touch verleihen, habe aber nichts mit hawaiianischer Küche oder Kultur zu tun.

Die Inseln von Hawaii seien kriegerisch von den USA annektiert worden. Die Bevölkerung sei von weißen Siedlern mit dem Ananas-Anbau ausgebeutet worden. „Pizza Hawaii“ sei nicht explizit rassistisch, zeige aber „viele koloniale Stereotype“ auf. Man sage also vielleicht besser „Pizza mit Ananas“.

Apropos Pizza Margherita

Die klassische Pizza mit Tomate, Mozzarella und Basilikum ist nach der früheren italienischen Königin Margarethe benannt. Sie lebte von 1851 bis 1926 und war antiparlamentarisch eingestellt. Sie galt als Unterstützerin des späteren Diktators Benito Mussolini. Ist „Pizza Margherita“ also eine Faschistenspeise?

Food-Bloggerin Chaheti Bansal aus Kalifornien gegen Currywurst

Die kalifornische Food-Bloggerin Chaheti Bansal (27) hat eine Debatte losgetreten, die zuletzt auch nach Deutschland geschwappt ist.

Die indo-amerikanische Food-Bloggerin Chaheti Bansal (27) aus Kalifornien © chahetibansal/Twitter

Die indo-amerikanische Food-Bloggerin Chaheti Bansal (27) aus Kalifornien © chahetibansal/Twitter

Bansal hatte schon vor einem Jahr in ihrem Instagram-Video thematisiert, dass im Westen alles Mögliche „Curry“ genannt werde, obwohl doch etwa in Indien die regionalen Spezialitäten alle 100 Kilometer wechselten und die Bezeichnung Curry wohl auf Kolonialherren-Bequemlichkeit zurückgehe.

Die Currywurst geht eher auf Langeweile zurück
Die Urberliner Curry-Wurst soll auf den Namen Curry verzichten, um keinen Inder zu beleidigen, dabei war die Erfindung völlig unpolitisch © Currywurstmuseum Berlin Mitte

Die Urberliner Curry-Wurst soll auf den Namen Curry verzichten, um keinen Inder zu beleidigen, dabei war die Erfindung völlig unpolitisch © Currywurstmuseum Berlin Mitte

Die Berliner Gastronomin Hertha Heuwer (geboren 1913 in Königsberg, gestorben 1999 in Berlin) soll sich jedenfalls – so die Überlieferung – an jenem verregneten Septemberabend, dem 4. September 1949, in ihrem Charlottenburger Imbiss an der Ecke Kant- und Kaiser-Friedrich-Straße am „Stutti“ gar nichts dabei gedacht haben, als sie die heute weltberühmte Currywurst erfand. Nämlich aus purer Langeweile und mangels Kundschaft soll Herta Heuwer die erste Soße ihrer Art aus Currypulver, Tomatenmark und Worcestershire-Soße gemischt und zu einer zerstückelten Brüh-Wurst einer Spandauer Familie gereicht haben. Die Spandauer waren begeistert.

Die soeben erfundene Currywurst trat nun ihren Siegeszug an, zunächst in West-, dann in Ostberlin und schließlich in ganz Deutschland.

Die Erfinderin ließ ihre Kreation unter dem Markennamen „Chillup-Sauce“ patentieren und expandierte kräftig: Aus ihrem Imbissstand wurde eine Imbisshalle mit 19 Verkäuferinnen.

Anlässlich ihres 90. Geburtstages am 30. Juni 2003 stellte die Stadt an der Stelle ihrer Imbissbude eine Gedenktafel auf. Seit jenem Tag im September wurde die Currywurst der Herta Heuwer vielfach kopiert. Die genaue Rezeptur ihrer ureigenen „Chillup-Sauce“ nahm Heuwer allerdings mit ins Grab.

Am 15. August 2009 eröffnete das allererste Currywurstmuseum der Welt seine Tore, in der Schützenstraße in Berlin Mitte 100 Meter vom Checkpoint Charlie (täglich geöffnet von 7 bis 17 Uhr, Eintritt zwischen 10 und 20 Euro), selbstredend, mit einem gesicherten Platz für Herta Heuwer.

Auch der Sarotti-Mohr wird in einem Museum gezeigt

Das Kölner Schokoladenmuseum Am Schokoladenmuseum 1a (täglich 10 bis 18 Uhr, Erwachsene 13,50 Euro) auf der Rheinauhafen-Halbinsel in Hattersheim hat dem Sarotti-Mohren ein Denkmal gesetzt. In Hattersheim wurde von Nestle von 1962 bis Ende der 1990er Jahre Sarotti-Schokolade hergestellt – mit dem Mohren auf der Verpackung.

82 Jahre lang von 1922 bis 2002 zierte der Mohr als Markenzeichen die Schokolade, Pralinen und den Kakao der in Berlin gegründeten Schokoladenfabrik Sarotti Emaille-Reklameschild © Amazon.de

82 Jahre lang von 1922 bis 2004 zierte der Mohr als Markenzeichen die Schokolade, Pralinen und den Kakao der in Berlin gegründeten Schokoladenfabrik Sarotti Emaille-Reklameschild © Amazon.de

„Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen“, ließ der schwäbische Dichter Friedrich Schiller (1759 – 1805) schon bei der Uraufführung seines republikanischen Trauerspiels „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ 1783 von einem um seinen Spitzellohn geprellten Mohren am Bonner Hoftheater ausrufen.

Der Schokoladen-Sarotti-Mohr wurde in Berlin erfunden.

1922 ließ die Sarotti Chocoladen- und Cacao Industrie Aktiengesellschaft des Berliner Konditors Hugo Hoffmann aus Berlin Tempelhof mit 2.000 Mitarbeitern den einzelnen Mohren als Marke für die Berliner Schokolade eintragen.

Vor 60 Jahren kannten 98% der Deutschen durch die Schokoladentafeln und die Fernsehspots noch den Knirps mit dem indischen Turban, der osmanischen Pluderhose und den Schnabelschuhen aus 1000 und einer Nacht. Sein rundes schwarzes Gesicht, seine roten Lippen, die Kulleraugen, der große Kopf und die kurzen Gliedmaßen sprachen lange das Kindchenschema im Konsumenten an und machten ihn neben dem HB-Männchen sicher zur populärsten Werbefigur.

Der Begriff Mohr wurde ursprünglich übrigens nicht kulturell oder diskriminierend gebraucht. Er leitet sich vom lateinischen „maurus“ ab, womit die Bewohner Mauretaniens gemeint waren.

Doch seit dem 19. Jahrhundert wandelte sich diese neutrale Bedeutung und bekam einen zunehmend abfälligen Beigeschmack. So hat sich seit den 60ern auch der Blick auf den Sarotti-Mohren geändert. Dass er in der Werbefigur auch noch als Diener auftritt, wurde wohl zu Recht als rassistische Stereotypie interpretiert.Die Entschuldigung, dass man nur wenig über die kurze und gewalttätige deutsche Kolonialzeit gewusst hat, mag für das frühe 20. Jahrhundert noch für viele gegolten haben. Heute kann man sich damit nicht mehr herausreden.

Steinmeier bat um Vergebung

Im Mai 2021 reiste Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (65, SPD) ins heutige Namibia und bat um Vergebung für die Tötung von 75.000 Menschen, die dort durch die deutschen Kolonialtruppen umgebracht wurden.

2004 verwandelte die Firma Stollwerck GmbH aus Norderstedt in Schleswig-Holstein, die die Marke Sarotti 1998 übernommen hatte, den „Mohren“ in den Magier mit goldener Hautfarbe – wie Kritiker meinen, um sich die Chancen mit einem zunehmend als rassistisch empfundenen Markenzeichen auf dem globalen Markt nicht zu verscherzen.

Aber ganz verabschiedet hat die Firma sich von dem „Mohren“ nicht. Aktuell verwendet sie ihn auf einer Nostalgie Edition, einer Pralinenmischung. Auf der Dose gibt es jedes Jahr ein anderes „Mohren“-Motiv aus den Jahren 1935 bis 1967.

Die Berliner Mohrenstraße, wo der Vorläufer der Aktiengesellschaft, die Schokoladen-Handlung „Felix & Sarotti“ von 1872 bis zum Umzug nach Tempelhof im Jahr 2013 residierte, wurde am 1. Oktober 2021 in „Anton-Wilhelm-Amo-Straße“ umbenannt. Anton Wilhelm Amo (1703- 1784) war als verschleppter Sklave der erste Afrikaner, der an einer europäischen Universität einen Doktortitel erhielt und als Lehrender in Deutschland Philosophie unterrichtete. In Jena bot Amo Kurse in Astrologie und Geheimschrift an, in Afrika, wohin er 1747 zurückgekehrt war, stand er im Ruf eines Wahrsagers.

Die Begründung für die Umbenennung der Straße ist nachvollziehbar, zeugt der Begriff Mohr doch von „einer in unserer Gegenwart weiter wirkenden gewaltvollen und europäischen Kolonialgeschichte“.

Das Aus für die Zigeuner-Sauce
Bei Amazon nicht mehr verfügbar: Die Zigeunersauce von Knorr © Amazon.de

Bei Amazon nicht mehr verfügbar: Die Zigeunersauce von Knorr © Amazon.de

2020 kündigten Marken wie Knorr, Homann und Bautz’ner an, ihre sogenannten Zigeuner-Saucen umzubenennen, etwa in „Paprikasauce Ungarische Art“.

Der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma begrüßte diesen Schritt. Der Begriff „Zigeuner“ sei eine alte Sammelbezeichnung für Volksgruppen, „eine von Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird“. Er sei immer negativ besetzt und mit Ausgrenzung verbunden gewesen. Mit Wohlwollen könnte man zwar den bewundernden Schlager „Zigeunerjunge“ von Sängerin Alexandra im Jahr 1967 anbringen, doch sehen den viele auch als Romantisierung und Verkitschung von oben herab.

Neues Bewusstsein trifft auch manche Markennamen

Pepsico machte vergangenes Jahr mit seiner Marke „Aunt Jemima“ (Tante Jemima) Schluss. Jahrzehntelang wurde mit dem Logo einer rundlichen schwarzen Frau mit Kopftuch für Frühstückspfannkuchen und Sirup geworben.

Auch aus „Uncle Ben’s Reis“ wird bald „Ben’s Original“. Das Bild des schwarzen „Onkels“, der für den Reis warb, soll verschwinden. Wie „Tante Jemima“ gilt „Onkel Ben“ als herabwürdigendes Sklavenklischee.

„Wir haben die Ungerechtigkeiten, die mit dem Namen und dem Gesicht der Marke verbunden wurden, verstanden und beschlossen, dies zu ändern“, sagt eine Sprecherin von Mars Food in Deutschland der Deutschen Presse Agentur. Nach der Entscheidung, die globale Marke zu erneuern, habe man sichergehen wollen, alles richtig zu machen. Es gebe deshalb unterschiedliche Zeitpläne in den Ländern. In Deutschland sei es aber bald soweit. (FM)