„Ist er beim ersten Mal angesprungen?“, wurde der russische Präsident Wladimir Putin (69, Sankt Petersburger mit Amtswohnsitz in der großfürstlichen Moskauer Residenz Nowo-Ogajowo) von einem russischen Reporter gefragt, nachdem Putin am 22. Oktober 2015 den neuen LADA Vesta in Sotschi am Schwarzen Meer im Kaukasus auf einer Serpentinenstraße getestet hatte, auf der die Geschwindigkeit auf 30 bis 50 km/h gedrosselt war.

Putin selbst besitzt seit 2009 nach offiziellen Angaben einen Geländewagen von LADA Niwa und den dazugehörigen Zeltanhänger, wie Business Leaders berichtete.

Wladimir Putin testete am 22. Oktober 2022 in Sotschi im Kaukasus am Schwarzen Meer das neue Auto von AwtoWAZ, den Lada Vesta © Pressefoto Kremlin.ru / TASS

Wladimir Putin testete am 22. Oktober 2015 in Sotschi im Kaukasus am Schwarzen Meer das neue Auto von AwtoWAZ, den Lada Vesta © Pressefoto Kremlin.ru / TASS

Putins Antwort zum Anspringen des LADA Vesta:  „Natürlich.“

Und zum Gesamteindruck des LADA Vesta: „Die Qualität, davon bin ich absolut überzeugt, ist von Weltklasse.“

Sechseinhalb Jahre später im Jahr 2022 steht die Produktion des LADA Vesta in den LADA Werken in Togliatti an der Wolga im Oblast (Verwaltungsgebiet) Samara still. Denn 30 Prozent der Komponenten des LADA Vesta kamen in der Vergangenheit aus dem westlichen Ausland.

Die Sanktionen gegen den Ukraine-Einmarsch vom 24. Februar 2022 wirken. Alle LADA-Werke standen monatelang still.

Russlands Schnell-Antwort auf die Sanktionen: ein rein russischer LADA Granta Classic Modell 2022

Putin ließ vom teilstaatlichen LADA-Produzenten AwtoWAZ (Wolga-Automobilwerke) in Windeseile ein rein russisches Modell entwickeln. Den LADA Granta Classic des Modelljahres 2022.

Für diesen auf rein russische Komponenten umgerüsteten Lada sprang am 8. Juni 2022 die Produktion in Togliatti wieder an. Die anderen Modelle müssen noch warten.

LADA rein russisch: Am 8. Juni 2022 nahm AwtoWAZ die Automobilproduktion wieder auf - die ersten LADA Granta Classic des Modelljahres 2022 liefen vom Band © Pressefoto AwtoWAZ

LADA rein russisch: Am 8. Juni 2022 nahm AwtoWAZ die Automobilproduktion wieder auf – die ersten LADA Granta Classic des Modelljahres 2022 liefen vom Band © Pressefoto AwtoWAZ

In der Pressemitteilung vom 8. Juni 2022 ließ der am 23. Mai 2022 neu berufene AwtoWAZ-Chef, Maxim Sokolow (53, 2012-2018 Ex-Verkehrsminister unter Putin, war seit 2019 Vize-Gouverneur von Sankt Petersburg), verkünden: „Der Wagen ist mit einem zuverlässigen und sparsamen 90-PS-Motor ausgestattet, der mit einem Schaltgetriebe gekoppelt ist.“

   Der alte Putin-Gefährte Maxim Sokolow (53) aus Sankt Petersburg (wie Putin) ist seit 23. Mai 2022 der neue Chef von AwtoWAZ und soll den Konzern auf russisch autark umrüsten © Pressefoto AwtoWAZ


Der alte Putin-Gefährte Maxim Sokolow (53) aus Sankt Petersburg (wie Putin) ist seit 23. Mai 2022 der neue Chef von AwtoWAZ und soll den Konzern auf russisch autark umrüsten © Pressefoto AwtoWAZ

Die Mitarbeiter der Werke in Togliatti haben Verbot, mit ausländischen Journalisten zu sprechen.

Ein Insider, ein Ex-Manager, erzählte dennoch der Wirtschaftswoche vom 25. Juni 2022: „Jetzt bauen sie Autos wie vor 30 Jahren. Technisch sind sie auf dem Stand eines Golf 1.“

Lada ist so was wie der Volkswagen für Deutschland. Und Togliatti (720.000 Einwohner) ist so was wie Detroit für die USA oder Wolfsburg für Deutschland.

2021 betrug der Umsatz von LADA-Hersteller AwtoWAZ 2,9 Milliarden Euro, der operative Gewinn 247 Millionen Euro. In Russland ist LADA mit einem Marktanteil von mehr als 20 Prozent Marktführer.

AwtoWAZ war ein Kronjuwel der Sowjetwirtschaft

Ex-Parteichef Leonid Breschnew (von 1964 bis 1982 Parteichef der KPdSU, von 1977-1982 Staatsoberhaupt der Sowjetunion, geboren 1906 in der Ukraine, gestorben 1982 in Russland) ließ die Werke 1966 mit italienischer Hilfe errichten. Er ließ den Fiat in Lizenz bauen.

Bis 1988 lief das Modell Schiguli (benannt nach dem „Schiguligebirge“ an der Wolga) vom Band, ein Viertakter, gefeiert als eine Art Mercedes des Ostens. Im Westen unter dem Markennamen LADA bekannt.

Mehr als 17 Millionen Stück wurden gebaut. Ende der Siebzigerjahre kam das Allradauto LADA Niwa. Es wurde so erfolgreich, dass es bis zum heutigen sanktionsbedingten Stillstand der Produktion, hergestellt wurde. Der LADA Niwa ist robust und kostete bis vor kurzem in Deutschland (zum Beispiel bei Ralph Ladda, Chef des Hamburger Autohauses Möller und Goede) mit Camouflagelack, Klimaanlage und extrabreiten Reifen, aber sonst ohne technischen Schnickschnack wie beheizte Sitze oder Bordcomputer und ohne dicker Bedienungsanleitung rund 20.000 Euro. Ein Schnäppchen im Vergleich zu einem Land Rover oder Jeep.

Der LADA Niwa ist ein Kultauto und robust. Er schaffte es bis zum Nordpol, ist für die Polarstation Bellingshausen im Einsatz und hält mit 5.200 Metern den Autohöhenrekord. Den Schiguli-Nachfolger LADA Samara entwarf AwtoWAZ zusammen mit Porsche.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 war AwtoWAZ alleine nicht lebensfähig, litt unter Korruption, Missmanagement, Qualitätsmängeln. Präsident Putin (Amtsantritt am 7. Mai 2000) wünschte sich einen starken Partner. 2008 stieg Renault mit 25 Prozent ein, erhöhte später auf 68 Prozent.

Renault verkaufte 2022 seine Anteile für 1 Rubel (1,8 Cent)

Renault verkaufte seine LADA-Anteile im April 2022 an das Moskauer Autoforschungsinstitut Nami. Für einen Rubel. Ob die Leute Ahnung vom Autobau haben? Immerhin stecken sie hinter dem 2018 vorgestellten Aurus, einer für Putin entwickelten gepanzerten Staatskarosse, die einem Rolls-Royce ähnelt.

Das Zusatz-Problem für LADA: die fehlende Renault-Fabrikwartung

Nicht nur die fehlende Technik im Auto ist ein Problem. Auch die Produktion des LADA läuft überwiegend nach Renault-Standard, vom Roboter bis zur IT. Renault hatte sich laut Insidern verpflichtet, die Systeme zu warten.

Auch alle Deutschen sind weg

Doch nun wird improvisiert. Etwa auch bei Maschinen des deutschen Herstellers Dürr, die Autos lackieren und mit Hydraulikflüssigkeit befüllen. Dürr ist weg – freie Wartungstrupps müssen einspringen.

Der deutsche Zulieferer Eberspächter hatte in der Nachbarschaft der Werke in Togliatti eine Niederlassung, lieferte Abgastechnik.

Das Antiblockiersystem kam von Bosch. Die Stuttgarter hatten in Samara eine Fabrik gebaut, anderthalb Autostunden östlich.

Alle Elektrokomponenten kamen aus Deutschland – und sind nicht mehr erhältlich. So wie die in den Autos verbauten Chips aus Singapur und Taiwan. Die Halbleiter für die Treibstoffeinspritzung stammten von Infineon. Russische Alternativen? Fehlanzeige.

AwtoWAZ-Teilhaber Sergej Tschemesow ist ebenfalls sanktioniert
Wladimir Putin (links) am 18. Mai 2022 mit Sergei Tschemesow im Moskauer Kreml © Pressefoto Kremlin.ru

Wladimir Putin (links) am 18. Mai 2022 mit Sergej Tschemesow im Moskauer Kreml © Pressefoto Kremlin.ru

32 Prozent hält bis heute das russische Rüstungskonglomerat Rostec – angeführt von Sergej Tschemesow (69).

Am 28. April 2014 wurde von der US-Regierung und am 12. September 2014 durch die EU gegen Tschemesow eine Kontensperre und Einreisesperre verhängt.

Laut Sanktionsverordnung ist Tschemesow ein enger Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin aus gemeinsamen KGB-Zeiten in Dresden.

Am 15. März 2022 beschlagnahmte die Regierung von Spanien die 85-Meter-Yacht „Valerie“ im Wert von 140-Millionen-Dollar (132,37 Millionen Euro) im Hafen von Barcelona, die seiner 34-jährigen Stieftochter Anastassija Ignatowa über ein Unternehmen auf den Britischen Jungferninseln namens Delima Services Limited gehören soll. Seine Stieftochter und seine Schwiegermutter, Ljudmila Rukawischikowa, wurden von der EU mit Beschluss vom 8. April 2022 sanktioniert.

AwtoWAZ-Eigner Tschemesow auch in den Panama Papers und Pandora Papers

Als die Panama Papers 2016 durchsickerten, wurde aufgedeckt, dass Tschemesows Sohn Stanislaw eine Offshore-Firma besaß, die vom Bau einer nationalen Glasfaser-Superautobahn im Wert von 550 Millionen Dollar durch Rostec profitierte, das staatliche Konglomerat, zu dessen Leiter Putin Tschemesow, einen seiner ältesten und engsten Mitarbeiter, 2007 ernannt hatte.

Im Jahr 2019 veröffentlichte das Organized Crime and Corruption Reporting Project im Rahmen seiner fortlaufenden Serie über russische Geldwaschanlagen Behauptungen, dass Tschemesows Verwandte und enge Mitarbeiter von Rostec Luxusvillen in einer exklusiven spanischen Enklave namens S’Agaro im Wert von mehreren zehn Millionen Euro besitzen.

Im selben Jahr behauptete der eingekerkerte Oppositionspolitiker und Anti-Korruptions-Aktivist Aleksej Nawalny (45, oppositionelle Fortschrittspartei) aus Moskau, dass die Ehefrau von Tschemesow als Eigentümerin eines 1.400 Quadratmeter großen, zweistöckigen Apartments im Hotel Moskva gegenüber dem Kreml registriert ist, das einen geschätzten Wert von 5 Milliarden Rubel (89 Millionen Euro) hat.

Als Reaktion auf die Enthüllungen von Nawalny sagte Tschemesow der russischen Nachrichtenagentur RBC: „Ich häufe keinen Reichtum an. Ich stopfe kein Geld in die Ecken. Ich habe keine Jachten oder Flugzeuge.“

Das neue Pandora-Leck vom 3. Oktober 2021 mit rund 12 Millionen vertraulichen Finanzakten über Offshore-Vermögen, die in globalen Steuerparadiesen aufbewahrt werden, scheint jedoch Zweifel an dieser Behauptung aufkommen zu lassen. Eines der russischen Kapitel des globalen Skandals waren Informationen, die darauf hinweisen, dass Tschemesows Stieftochter Anastasia Ignatowa eine Offshore-Gesellschaft namens Trident Trust besitzt, die wiederum eine 85 Meter lange Luxusyacht namens Valerie im Wert von etwa 140 Millionen Dollar besitzt. Die russischen Aspekte der Pandora-Dokumente wurden von Istories analysiert, einem investigativen Journalismusunternehmen, das von der russischen Regierung als „ausländischer Agent“ eingestuft wurde.

Die jüngste Untersuchung brachte auch die Verwandten und Partner von Tschemesow mit mehreren weiteren Luxusvillen in Spanien in Verbindung. Insgesamt schätzten die Journalisten den Wert der ausländischen Immobilien, die durch das Pandora-Leck mit Tschemesow in Verbindung gebracht wurden, auf etwa 22 Milliarden Rubel (390 Millionen Euro).

Trotz der Skandalwolke, die Tschemesow seit Jahren umgibt, ist er unbeeindruckt geblieben. Bislang scheint dies auch bei Pandora der Fall zu sein. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte gegenüber Radio Free Europe/Free Liberty aus Prag und Washington vom 4. Oktober 2021,  dass „wir in den Berichten keinen versteckten Reichtum gesehen haben“.

LADA: Krisensitzung am 16. Juni 2022 im Kreml
Treffen zur Entwicklung der Automobilindustrie am 16. Juni 2022 im Moskauer Kreml © Pressefoto Kremlin.ru / TASS

Treffen zur Entwicklung der Automobilindustrie am 16. Juni 2022 im Moskauer Kreml © Pressefoto Kremlin.ru / TASS

Putin bestellte zum 16. Juni 2022 russische Automobil-Industriebosse zu einer Krisensitzung in den Moskauer Kreml ein und beklagte: „Partner russischer Autofabriken haben trotz ihrer langfristigen Verpflichtungen entweder ihre Lieferungen eingestellt oder ihren Rückzug aus unserem Markt angekündigt.

Natürlich wird sich diese Demarche auf das Produktionsvolumen auswirken, und zwar spürbar. Das spiegelt sich bereits wider: Im März dieses Jahres war die Produktion der heimischen Automobilindustrie im Vergleich zum Vorjahr dreimal niedriger, im April sogar fünfmal niedriger.“

Putin weiter: „Ich möchte Sie daran erinnern, dass in den letzten zwei Jahren in Russland jährlich etwa eineinhalb Millionen Autos verkauft wurden. In diesem Jahr sind die Autoverkäufe jedoch deutlich zurückgegangen – um 51 Prozent in den ersten fünf Monaten. Um einen starken Anstieg der Autopreise zu vermeiden, hätte der Rückgang der Verkäufe nach Ansicht von Experten nicht mehr als 20-25 % betragen dürfen…

Bitte sagen Sie mir heute auch, was in dieser Richtung geplant ist, sowohl um neue Autos in die Verkaufsräume zu bringen als auch um die Käufer zu unterstützen.“

Putin forderte am 16. Juni 2022: „Daher fordere ich die Regierung auf, bis zum 1. September eine aktualisierte Entwicklungsstrategie für die Automobilindustrie auszuarbeiten und zu verabschieden, die den heutigen Gegebenheiten Rechnung trägt. Und natürlich sollte das Schlüsselelement dieser Strategie darin bestehen, dass Russland über seine eigenen kritischen Technologien und Produktionsanlagen verfügt, deren Niveau die globale Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie insgesamt sicherstellen sollte.“

Kultstatus verloren? LADA hat nun bei deutschen Autokäufern ein Image-Problem

Trotz des Schnäppchenpreises hat zum Beispiel der Hamburger LADA-Händler Ralph Ladda in diesem Jahr erst drei LADA Niwa verkauft, die ja in Deutschland eigentlich Kultstatus haben.

Seit Russland die Ukraine überfallen hat, seien „die Kunden sehr zurückhaltend – vielleicht, weil sie LADA gleichsetzen mit Russland“. (FM)