Die Solidarität der Deutschen ist riesig. Aber es kommt nur wenig Soforthilfe an.

Nach der verheerenden Flutkatastrophe vor sieben Wochen (Mitte Juli 2021) in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, bei denen ganze Dörfer überschwemmt und mindestens 181 Menschen getötet und viele Existenzen zerstört wurden, spendeten die Deutschen aus privater Tasche bis Anfang September 2021 allein an die größten Hilfsorganisationen und Bündnisse rekordverdächtige 432,6 Millionen Euro als Soforthilfe.

Schwere Unwetter haben in mehreren Regionen von Deutschland für Hochwasser gesorgt und große Zerstörung hinterlassen. Vor allem Rheinland-Pfalz – etwa der Ort Gemünd in der Eifel – und Nordrhein-Westfalen wurden getroffen. Doch sechs Wochen danach fließt noch immer keine finanzielle Soforthilfe an die Opfer © Pressefoto AWO Mittelrhein/Mommer

Schwere Unwetter haben in mehreren Regionen von Deutschland für Hochwasser gesorgt und große Zerstörung hinterlassen. Vor allem Rheinland-Pfalz – etwa der Ort Gemünd in der Eifel – und Nordrhein-Westfalen wurden getroffen. Doch sechs Wochen danach fließen noch immer kaum Gelder als finanzielle Soforthilfe an die Opfer © Pressefoto AWO Mittelrhein/Mommer

Alexander von Cramm (56) aus München, Finanzgeschäftsführer der Alpha Real Estate Holding GmbH aus Mannheim, die sofort 10.000 Euro spendete: Wir sind uns unserer gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung bewusst und spenden 10.000 € an die Not- und Katastrophenhilfe des Vereins Aktion Deutschland Hilft . Weiterhin haben unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen tatkräftig Sachspenden gesammelt, um diese an die betroffenen Menschen zu verteilen. Jede einzelne Spende leistet einen Beitrag zur Linderung der akuten Notlage wegen der Hochwasserkatastrophe.“

Doch viele solcher wichtigen Soforthilfen, die nicht direkt an einzelne Dörfer, sondern über große Organisationen gespendet wurden, kommen anscheinend kaum sofort bei den Geschädigten an, berichtete nun das ARD-Magazin Plusminus am 1. September 2021. Opfer beklagen, dass es zwar viele Direktlinks zum Spenden bei den großen Hilfsorganisationen gibt, aber man finde keinen direkten Link für die Opfer, wo Opfer sich melden können: „Hallo, ich bin Opfer. Ich brauche Hilfe.“

Was passiert also mit den vielen Hochwasserspenden?

Auf der Pressekonferenz zum 20jährigen Jubiläum von Aktion Deutschland Hilft e.V. aus Bonn am 5. März 2021 hielten der Kuratoriumsvorsitzende Außenminister Heiko Maas (SPD) und die geschäftsführende Vorständin Manuela Roßbach ein Plakat in die Kamera: „Sei schneller als die Katastrophe“ Die Flut traf Deutschlands Süden Mitte Juli 2021. Nach sechs Wochen gibt es noch immer keine finanziellen Soforthilfen, berichten die Opfer © Pressefoto Aktion Deutschland Hilft/Florian Oellers

Auf der Pressekonferenz zum 20jährigen Jubiläum von Aktion Deutschland Hilft e.V. aus Bonn am 5. März 2021 hielten der Kuratoriumsvorsitzende Außenminister Heiko Maas (SPD) und die geschäftsführende Vorständin Manuela Roßbach ein Plakat in die Kamera: „Sei schneller als die Katastrophe“ Die Flut traf Deutschlands Süden Mitte Juli 2021. Nach sechs Wochen gibt es noch immer keine finanziellen Soforthilfen, berichten Opfer © Pressefoto Aktion Deutschland Hilft/Florian Oellers

Den größten Hilfsbatzen (230 Millionen Euro) sammelte bislang die Aktion Deutschland Hilft e.V., ein Bündnis von 21 deutschen Hilfsorganisationen wie Arbeiterwohlfahrt, Johanniter und Malteser mit Sitz in Bonn. Schirmherr & Kuratoriumsvorsitzender sind Bundespräsident a. D. Horst Köhler (78, CDU) & Außenminister Heiko Maas (54, SPD).

„Ich hoffe, dass wir den Menschen in der akuten Not relativ schnell helfen können.“

Das sagte Manuel Roßbach, die geschäftsführende Vorständin von Aktion Deutschland Hilft e.V., vielversprechend noch in der WDR-Sendung „Hier und Heute“ am 4. August 2021 auf die Frage: „Flutkatastrophe: Was passiert mit unseren Spenden?“ Da waren schon über 90 Millionen Euro für die Flutopfer bei der Aktion Deutschland Hilft e.V. hereingekommen.

Der Schock in den betroffenen Gemeinden sitzt tief. Mindestens 181 Menschen haben durch die Unwetter ihr Leben verloren, Hunderte sind verletzt, Tausende haben ihr Zuhause oder ihre Existenzgrundlage verloren © Pressefoto Aktion Deutschland Hilft/ich-tv

Der Schock in den betroffenen Gemeinden sitzt tief. Mindestens 181 Menschen haben durch die Unwetter ihr Leben verloren, Hunderte sind verletzt, Tausende haben ihr Zuhause oder ihre Existenzgrundlage verloren © Pressefoto Aktion Deutschland Hilft/ich-tv

Gut zwei Wochen später am 20. August 2021 titelte die Aktion Deutschland Hilft e.V. in einer Pressemitteilung „Spenden kommen an.“ Doch das war nur ein Bruchteil und kaum Bargeld.

Bis heute wurden von den bislang 230 Millionen Euro Spenden der Aktion Deutschland Hilft lediglich 40 Millionen von den Mitgliederverbänden „abgerufen“, wie die Aktion Deutschland Hilft für ihr Bündnis mitteilte. Die Hilfsorganisationen haben davon Bautrockner, Werkzeug und Kühlschränke gekauft und verteilt. Und natürlich vieles mehr. Wieviel sie aber an direkten, finanziellen Hilfen für Betroffene ausgezahlt haben, konnte keine der angefragten Organisationen sagen.

Manuela Roßmann entschuldigt die fehlende Soforthilfe vor Ort gegenüber Plusminus in der Sendung vom 1. September 2021 mit Koordinations-Aufwand.

Manuela Roßmann zur Soforthilfe: „Es ist aber auch ein Wust.“

Die Vorständin erläuterte: „Wir haben über 60 Orte, die betroffen sind – und zwar schwer betroffen. Und das dann zu koordinieren, ist nicht ganz so einfach. Wir haben jetzt die Bürgermeister ganz eng an Bord mit. Und wir hoffen, dass wir durch Informationen, die wir auch an diese Verwaltungen geben, auch dort die Bürger mehr bekommen. Ich glaube, es muss zweigleisig gehen“.

Manuela Roßmann sagte auch: „Da durchzublicken, ist schon echt schwierig.“

Es sei schwierig herauszufinden, an welche Stellen man sich wenden müsse und wer für was zuständig sei.

Die Bäuerin Anna Helbach und ihr Mann Sven aus Erftstadt-Bliesheim, die gerade erst mit dem Umbau des ehemaligen Bauernhofs fertig geworden waren und jetzt nach der Flut von vorne anfangen müssen, hatten Anfang August 2021 auf der Seite von Aktion Deutschland Hilfe e.V. vergeblich nach einem Soforthilfe-Antrag gesucht.

Vergebliche Suche nach einem Antrag auf Soforthilfe

Auf den Seiten der „Aktion Deutschland Hilft“ hieß es lediglich „Bargeldleistungen und Soforthilfen sollen (…) unbürokratisch ausgezahlt werden.“ Nur wie? Keine Information dazu.

Die Arbeiterwohlfahrt versprach, „dass das Geld (…) für den Wiederaufbau da ankommt, wo es benötigt wird.“ Nur: Wie kommt es dorthin?

Bei den Maltesern gibt’s einen Tipp für die Soforthilfe: „Ihre Gemeinde ist Ihr erster Ansprechpartner.“

Glück für die Helbachs: Die Dorfgemeinschaft hat sich selbst um die Soforthilfe gekümmert.

Der kleine Verein im Ort hat selbst Spenden gesammelt: 140.000 Euro. Die zu verteilen, ist für Ortsbürgermeister Frank Jüssen (CDU) gar kein Problem. „Wir haben ein kleines Gremium gebildet, sind von Haus zu Haus gegangen. Und genau so stelle ich mir das eigentlich vor. Man kann Straßenzüge, die am extremsten betroffen sind, abgehen, gerne auch mit den Organisationen, und dann weiß man auch, wo man Hilfe leisten muss“, so der Bürgermeister.

Die Kommentare zu der ausgebliebenen Soforthilfe sind überwiegend von Leid und Empörung geprägt, aber auch von Schuldzuweisungen an die Opfer selbst.

„Einzige Spende: 1 Raumentfeuchter“

Eine betroffene Bewohnerin, Barbara, bestätigte am 2. September 2021: „Leider kann ich Ihren Bericht auch für Bad Münstereifel Nebenorte bestätigen. Keine Hilfsorganisationen vor Ort, Spendengelder nur von Direktspenden an Dorf. Einzige erhaltene Spende vor 3 Wochen: 1 Raumentfeuchter.“

Malteser – Hohe Rechnungen für Billig-Verpflegung?

Eine weitere Betroffene, Martina Becker, berichtete am 2. September 2021: „Verpflegungspunkte im Ahrtal & 13% Verwaltungsgebühren.  Als betroffene Person muss man sich eigenständig ALLE relevanten Infos selbst einholen/erarbeiten. Telefondienste sind, wenn überhaupt erreichbar, schlecht informiert, verweisen an andere Stellen (die wieder weiter verweisen) oder verweisen aufs Internet. Hier gibt es aber kein DSL und daher gestaltet sich das nicht gerade einfach.“

Und zur Essensabrechnung: „Seit die Verpflegungspunkte durch die Malteser bedient werden, gibt es recht ‚einfache‘ Speisen, deren Portionen für Erwachsene Personen 1. viel zu klein sind und 2. wie Resteverwertung anmuten. Bei angegebenen 15.000 Portionen täglich, sowie 250.000 € tägliche Kosten, kommt man somit auf ca. 20,- €/Portion, was aus Spendengeldern finanziert wird – von ALLEN eingegangenen Spenden werden im Vorfeld 13% Verwaltungsgebühren sofort abgezogen, was schon recht heftig ist. Selbstredend müssen natürlich auch die anfallenden Kosten abgedeckt werden, jedoch habe ich fast ausschließlich EHRENAMTLER kennenlernen dürfen.“

Eine kleine Hilfsorganisation kritisiert die Großen.

Die Humanitäre Nothilfe Michel – Deutschland schrieb am 2. September 2021: „Die Menschen brauchen das Geld JETZT!! Es ist eine bodenlose Frechheit, wie mit den schwer verdienten Geldern von Spendern umgegangen wird. Die ‚großen Organisationen‘ scheffeln Jahr für Jahr Millionen, legen dann die Gelder irgendwo an. Aus den Kapitalerträgen werden Projekte finanziert. Viele der Angestellte in den Büros einschließlich der Chefs natürlich haben hohe Gehälter sowie die vielen Promoter, die auf Mitgliederfang in den Innenstädten unterwegs sind. Sie werden auch sehr gut bezahlt!“

Die kleine Hilfsorganisation weiter: „Die Gelder fließen einfach durch zu ‚viele Hände‘, die ‚Bürokratie‘ aufwendig und teuer. Keiner der Spender bekommt je eine klare Beweislage auf Anfrage, wie die Gelder genau verwendet werden. Bei so vielen Milliarden Spendengeldern jedes Jahr weltweit dürfte es gar keine Hungersnot/Leid et cetera mehr geben! Wir handeln anders. Spendengelder/Hilfsgüter werden unkompliziert nach Eingang schnellstmöglich weitergegeben, an Menschen, die es auch sofort benötigen. 100% Transparenz für jeden Bürger ist selbstverständlich.“

Warum hatte man keine Elementarversicherung?

Der Versicherungsmitarbeiter Ansgar Wildangel zeigte für die Flutopfer wenig Verständnis, man hätte sich ja versichern können.

Er schrieb am 1. September 2021: „Es ist verheerend, was die Flutkatastrophe in Deutschland angerichtet hat, aber die meisten Geschädigten waren nicht gegen Elementarschäden versichert. Nun ist das Gejammer groß. Ich arbeite seit 30 Jahren im Versicherungswesen, aber wenn man die Kunden auf eine Elementarschadenversicherung anspricht bekommt man zu 90 % die Antwort, dass dies viel zu teuer sei. Also nicht jammern.“

Gemeinnützigkeit entziehen?

Kommentator Herbert H. Peiselt jedoch forderte am 1. September 2021: „Wenn die Hochwasser-Spenden nicht unverzüglich bei den Betroffenen ankommen, gehört den Hilfsorganisationen sofort die Gemeinnützigkeit entzogen.“ (FM)