Der Hurrikan Sandy, der vor neun Jahren über New York hinwegfegte und viele Häuser flutete, machte bei seiner Zerstörung keine Unterschiede zwischen arm und reich. Die Verantwortlichen für den Wiederaufbau und den Hochwasserschutz augenscheinlich schon.

Hurrikan Sandy verwüstete am 29. Oktober 2012 auch Breezy Point, ein Viertel im New Yorker Stadtteil Queens am westlichen Ende der Rockaway-Halbinsel © New York City Government

Hurrikan Sandy verwüstete am 29. Oktober 2012 auch Breezy Point, ein Viertel im New Yorker Stadtteil Queens am westlichen Ende der Rockaway-Halbinsel © New York City Government

Während in den reichen Stadtvierteln in Manhattan wieder alles so ist wie früher und der Hochwasserschutz verbessert wird (die East Side von Manhattan bekommt gerade einen 2,4-Meilen-Schutzwall für 1,23 Milliarden Euro), streiten die ärmeren Gemeinden noch immer um den Wiederaufbau und den Hochwasserschutz, fand Marc Steinhäuser vom ARD-Studio New York für das Magazin WELTSPIEGEL heraus.

Während sich kurz nach dem verheerenden Wirbelsturm in den besseren Stadtteilen New Yorks das Leben recht schnell wieder normalisierte, blieben beispielsweise die 130.000 Einwohner der vorgelagerten Halbinsel Rockaway fast sechs Wochen lang ohne Strom.

Auf dem Teil der Rockaway-Halbinsel, wo viele mit weniger Geld auskommen müssen, dauert es besonders lange. Und die Einwohner in Far Rockaway fragen sich, warum die reichen Stadteile in Mannhatten schon vor Jahren wieder hergerichtet wurden.

Die Afroamerikanerin Kimberly White Smalls, die auf Far Rockaway groß geworden ist, war gezwungen, aus ihrem stark zerstörten Haus auszuziehen, anstatt es wieder aufzubauen. Die Stadt bewilligte ihr nur Hilfsgelder, wenn sie in ein neues Haus ziehen würde, was geografisch höher liegt als das alte.

Und auch beim Hochwasserschutz werden offenbar nicht alle gleich behandelt.

Selbst jetzt, neun Jahre nach der Katastrophe, sind die Bauarbeiten an Flutschleusen und Hochwasserschutz-Einrichtungen immer noch nicht beendet.

Auch für die Straße, in die Kimberly White Smalls umziehen musste, 150 Meter von ihrem zerstörten Haus entfernt, gibt solche Schutzmaßnahmen bisher nicht. Die Stadt New York hat hier zwar Grundstücke aufgekauft und Häuser erhöht – aber vieles liegt noch immer brach, wurde nie repariert.

Neun Jahre nach den Verwüstungen durch den Wirbelsturm gibt es keinen Flutschutz zur Bucht. „Dafür kämpfen wir bis heute, das ist doch absurd. Bis heute ist da gar nichts passiert“, sagte Gemeinderätin Sonia Moise.

Ganz anders, wenn auch mit Verspätung, läuft der Schutz vor Hochwasser für den besseren Teil von Rockaway und für Manhattan.

Am Hauptstrand der Halbinsel Rockaway, weiter westlich, wird gegen Hochwasser ganz anders aufgerüstet. Tonnenweise Steine, neue Buhnen, eine erhöhte Strandpromenade. Diese Bauarbeiten sollen New York retten, heißt es – und die Strandvillen und schicken Appartements in diesem Teil von Rockaway schützen.

Eigentlich ist der gesamte Küstenabschnitt laut Wissenschaftlern von den Folgen des Klimawandels bedroht. Doch nicht alle Anwohner bekommen den gleichen Schutz, beobachtet Sonia Moise.

Für den Schutz von Manhattan soll sogar ein ganzer Wald abgeholzt und als Hochwasserwall aufgeschüttet werden.

Der East River Park, umgeben von Sozialwohnungen, soll abgeholzt und erhöht werden – um Manhattan vor Überflutungen zu schützen. Bis zu 1.000 Bäume will die Stadt fällen. Hochwasserschutz durch Baumrodung – für einige Anwohner klingt das absurd. Laut Edgar Westerhof vom US-Direktor Hochwasserschutz-Management ist es der einzige Weg, Manhattans Einwohner langfristig zu schützen. Seine Firma hat den Auftrag der Stadt, Ufer zu erhöhen und Flutschutzwände zu errichten.

New York, sagt er, dürfe beim Hochwasserschutz keine Zeit mehr verlieren. „Bäume sind lebenswichtig und Bäume werden dort wieder hinkommen. Aber es ist auch Realität, dass eine Erhöhung wichtig ist, um die Anwohner zu schützen. Das wird die bestehenden Flächen verändern – das ist etwas, an das wir uns alle gewöhnen müssen.“

Manhattan: Seit 2020 laufen Bauarbeiten für einen 2,4-Meilen-Schutzwall entlang der East Side.

 

Vergabe von Firmenaufträgen und Jobs für den Hochwasserschutz von Manhattan © New York City Government

Vergabe von Firmenaufträgen und Jobs für den Hochwasserschutz von Manhattan © New York City Government

Die Bauarbeiten für das East Side Coastal Resiliency Project begannen im Herbst 2020 und werden bis 2025 andauern.

Das East Side Coastal Resiliency (ESCR)-Projekt ist eine von der Stadt New York und der Bundesregierung gemeinsam finanzierte Küstenschutzinitiative, die darauf abzielt, das durch Küstenstürme und den Anstieg des Meeresspiegels bedingte Überschwemmungsrisiko auf der East Side von Manhattan zwischen East 25th Street und Montgomery Street zu verringern.

Der Sturm Sandy forderte den Tod von 44 Einwohnern der Stadt und verursachte Schäden in Höhe von schätzungsweise 19 Milliarden Dollar (rund 16,1 Milliarden Euro) sowie einen Verlust an wirtschaftlicher Aktivität in ganz New York City. Vor allem wurden über 69.000 Wohneinheiten beschädigt, und Tausende von New Yorkern wurden vorübergehend vertrieben.

Far Rockaways Gemeinderätin Sonja Moise beklagte gegenüber dem ARD- Korrespondenten Steinhäuser vor wenigen Tagen: „Bei afroamerikanischen Gemeinden wird der Klimawandel ganz anders gehandhabt. Wir werden da behandelt wie zweite Klasse. Wir zahlen zum Beispiel mehr für die Hochwasser-Versicherung. Es gibt da einfach große Ungleichheiten.“ (FM)