Die Tonie-Spielfiguren der Toniebox sollen bereits in 2,4 Millionen Kinderzimmern stehen. Nun möchte der Hersteller an die Börse. Dazu wählen die Gründer den schnellen Weg über Spac. Es ist ein in Deutschland ungewöhnliches Verfahren für ein in mancher Hinsicht ungewöhnliches Unternehmen. 

Boxine soll mit dem Börsenmantel der Risikokapitalfirma 468 Capital fusionieren. Das gaben die beiden Unternehmen  bekannt. „Als innovatives Technologieunternehmen bringen wir ein Produkt auf den Markt, das es vor fünf Jahren noch nicht gab“, sagte Gründer und Co-Geschäftsführer Marcus Stahl. Das Unternehmen soll nach der Fusion Boxine SE heißen und mit 870 Millionen Euro bewertet werden. Der Deal steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Spac-Aktionärsversammlung im Herbst. Daran hat Stahl jedoch keine Zweifel. Der Börsengang soll daher noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. 

Toniebox Börsengang mit Hilfe von SPAC

Spac steht für Special Purpose Acquisition Company. Mit anderen Worten, es handelt sich um eine Zweckgesellschaft. Sie wird nur gegründet, um an der Börse Geld zu beschaffen und dann ein junges Unternehmen zu übernehmen. Der Übernahmekandidat steht allerdings nicht von vornherein fest und kann auch von den Aktionären abgelehnt werden.

Alexander Kudlich, der Chef des Börsenmantels 468 Spac I, glaubt jedenfalls fest an eine Erfolgsgeschichte: „Wir sehen hier ein Netflix für das Kinderzimmer“, sagt er. Im Vergleich zu der beliebten Videostreaming-Plattform hätten die Tonies allerdings einen großen Vorteil: Die Kinder würden nicht ständig vor dem Bildschirm sitzen. Die Debatte darüber wird mit den zahlreichen neuen Geräten immer häufiger geführt: „Die chinesische Regierung hat gerade entschieden, dass Kinder nicht länger als drei Stunden pro Woche vor Bildschirmen sitzen dürfen“, sagt Kudlich. Er setzt auf den anhaltenden Hype um das Spielzeug: Schon Kleinkinder können selbstständig Figuren wie Pippi Langstrumpf, das Sandmännchen oder Benjamin Blümchen auf eine Box stellen und damit ihre Lieblingslieder, Hör- oder Lernspiele abspielen.

Das funktioniert unter anderem mit Hilfe von WLAN und RFID-Technologie, die die Figuren automatisch erkennt. 25 Millionen dieser Figuren soll Boxine bereits verkauft haben, seit das Unternehmen 2013 von den beiden Co-Geschäftsführern Marcus Stahl und Patric Faßbender gegründet wurde und drei Jahre später die erste Figur auf den Markt brachte. Die beliebteste Figur ist eine Eigenproduktion: Der kleine Hund spielt 30 bekannte Kinderlieder und hat sich bereits mehr als 700.000 Mal verkauft.

RFID-Technologie beispielhaft anhand einer Zutrittskontrolle dargestellt

RFID-Technologie beispielhaft anhand einer Zutrittskontrolle dargestellt

Um die Tonies anbieten zu können, muss Boxine zunächst die Nutzungsrechte an den Figuren und Audioinhalten erwerben. Dann verdient das Unternehmen unterschiedliche Margen, die unter anderem von den Lizenzkosten und den Verkaufszahlen abhängen. Im Jahr 2020 könnte zum Beispiel ein Umsatz von 137 Millionen Euro erzielt werden. Im Jahr 2021 sollen es 170 Millionen sein. Für die nächsten Jahre rechnet Stahl mit einem ähnlich starken Wachstum von 40 Prozent.

Das gesamte Marktpotenzial können Unternehmen und Investoren noch nicht abschätzen. „Der Markt ist mehrere Milliarden Euro groß und wird erst durch die Toniebox geschaffen“, sagt Kudlich. Der Erlös aus dem Toniebox Börsengang soll vor allem für die Expansion verwendet werden. Nach dem deutschsprachigen Raum werden derzeit die Märkte USA, Großbritannien und Irland erschlossen.
Die Transaktion wird voraussichtlich einen Bruttoerlös von 400 Millionen Euro für Boxine bringen. Dieser setzt sich zusammen aus 300 Millionen Euro, die 468 Capital im Rahmen des IPO-Mantels von den Gesellschaftern aufbringt, und weiteren 100 Millionen Euro von privaten Investoren wie den bekannten Technologie-Investoren BIT Capital und Baillie Gifford (die übliche Rohrfinanzierung für Spacs).

Für Marcus Stahl, für den Boxine ebenso wie für Mitgründer Faßbender ein Startup-Erstling ist, ist der Spac als Weg an die Börse „sehr schnell und effizient“. Der Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik hat 15 Jahre bei Nokia gearbeitet, davon vier Jahre als Leiter des Automobilgeschäfts, und später einen MBA gemacht. Doch weder er noch sein Co-Geschäftsführer haben Erfahrung mit einem solchen Wachstumsunternehmen. 

SPACs gelten in Europa als umstritten

Gerade in solchen Konstellationen bringen sich Spac-Sponsoren gerne ins Spiel: „Unser Versprechen ist es, Expertise in Sachen Internationalisierung und Wachstum einzubringen“, sagt Kudlich. Er selbst war unter anderem Vorstandsmitglied bei Rocket Internet und hat in dieser Funktion sieben Unternehmen bei ihren Börsengängen begleitet. Darunter Hellofresh, Home24, Westwing und Delivery Hero.

Trotz Vorteilen bei der Geschwindigkeit des Spac-Prozesses und zusätzlicher Expertise für die Unternehmen ist das zuletzt boomende Vehikel inzwischen umstritten. In den USA ist der Hype um die neuen Investmentvehikel längst abgeklungen. Je nach Ausgestaltung verdienen die Initiatoren der Spacs direkt an der Übernahme und haben damit auch Anreize, weniger aussichtsreiche, noch nicht börsenreife Unternehmen zu übernehmen. 

In Deutschland wollen die Pioniere der Toniebox – angeführt von Starinvestor Klaus Hommels von Lakestar und den Investoren von 468 Capital – zunächst die Form des IPOs etablieren. Dabei betonen sie auch die Unterschiede zwischen dem überhitzten US-Markt, wo Spac-Initiatoren derzeit kaum gute Übernahmekandidaten finden, und dem europäischen Markt. Hier stehe eine große Zahl vielversprechender Börsenaspiranten einer sehr geringen Zahl von Börsenmänteln auf dem europäischen Parkett gegenüber.

Die große Hoffnung ist, dass die Börsenmäntel das Risikokapitalloch schließen können, das reiferen Startups in Europa auf dem Weg zum traditionellen Börsengang oft noch fehlt. Sie sind auf amerikanisches oder asiatisches Geld angewiesen. Die großen Geldgeber im Ausland sind dann meist auch eine Brücke zu den dortigen Börsen.

(FW)