Mit einer hochautomatisierten Produktionsanlage im schweizerischen Zuchwil und einer Swissmedic-Lizenz für die Herstellung von THC-Medizinalcannabis verfolgt die GrowMotion AG das Ziel, die gesamte Wertschöpfungskette – vom Anbau bis zum Vertrieb – unter einem Dach abzubilden. Im Interview spricht Gründer und Verwaltungsratspräsident Hazir Baba-Shech über den Aufbau eines pharmazeutischen Cannabisunternehmens, das „Seed-to-Sell“-Modell, die Besonderheiten des regulierten Marktes sowie die für September 2026 geplante digitale Unternehmensbeteiligung mit einem Zielvolumen von 8 Millionen Euro.

 

Business Leaders: Herr Baba-Shech, Sie hatten bis zu Ihrem 26. Lebensjahr keinen Berührungspunkt mit Cannabis. Wie wird man vom Quereinsteiger zum Gründer eines Pharmabetriebs?

Hazir Baba-Shech: Am Anfang stand tatsächlich keine fertige Vision, sondern Neugier. Ein Freund brachte mich mit CBD in Kontakt, und je tiefer ich mich mit den biologischen Grundlagen, dem Anbau und dem wirtschaftlichen Potenzial der Pflanze beschäftigt habe, desto klarer wurde für mich die unternehmerische Chance. Ich habe dann konsequent verfolgt, was zunächst als Interesse begann. Dass daraus ein Swissmedic-lizenziertes Unternehmen werden würde, war 2020 nicht absehbar – aber das Ziel, medizinisches THC-Cannabis zu produzieren, stand von Beginn an fest.

 

Business Leaders: Warum die Schweiz und nicht Deutschland, den mit Abstand größten Absatzmarkt?

Baba-Shech: Ein Produktionsstandort in Deutschland kam für uns früh nicht infrage. Die regulatorischen Anforderungen, etwa bei den baulichen Sicherheitsvorgaben, galten als wirtschaftlich kaum umsetzbar. In der Schweiz fanden wir liberalere Rahmenbedingungen, die einen schnellen Einstieg ermöglicht haben. Unser Ziel war es, eine effiziente Lösung zu finden, die unter den wirtschaftlichen Bedingungen der Schweiz rentabel ist. Über den CBD-Anbau einzusteigen, war dabei eine bewusste strategische Entscheidung: Er hat uns erlaubt, die Anbauräume zu kalibrieren, das Team einzuspielen und die Produktion zügig hochzufahren – als Basis für den späteren Wechsel zur medizinischen Produktion.

 

 

Business Leaders: Im September 2024 kam die Swissmedic-Lizenz für THC-Cannabis. Was hat sich seitdem verändert?

Baba-Shech: Die beanstandungsfreie Auditierung war der Wendepunkt, der das Unternehmen grundlegend neu ausgerichtet hat. Entscheidend war, dass wir die Anlage von Anfang an nach GACP-Standard als Vertical-Farming-System geplant und gebaut haben. Für die Lizenzierung waren deshalb keine grundlegenden baulichen Umbauten nötig, wir mussten lediglich Sicherheitstechnik und Alarmsysteme erweitern. Aktuell sind rund 900 Quadratmeter in zwei Produktionsräumen in Betrieb, etwa 15 Prozent der Fläche. Das ergibt eine Jahresproduktion von 1,5 bis 1,8 Tonnen GACP-zertifiziertem Cannabis.

 

Business Leaders: Die deutsche Teillegalisierung im April 2024 hat die Importmengen in anderthalb Jahren von rund 30 auf etwa 200 Tonnen steigen lassen. Wie profitieren Sie davon?

Baba-Shech: Dieser Wandel schafft einen wachsenden Bedarf an europäischen Produzenten mit stabilen Lieferketten. Wir waren in diesem Moment bereits mit einsatzfähiger Anlage, gültigen Zertifizierungen und etablierter Community positioniert – einen solchen Vorsprung konnten nur wenige Akteure vorweisen. Unser Vorteil ist die Produktion innerhalb Europas: kürzere Lieferzeiten und bessere Qualitätskontrolle. Genau das meinen wir mit „Cali? No, Swissmade.“ Wir werden inzwischen auch auf der anderen Seite des Atlantiks als bedeutendster europäischer Akteur wahrgenommen.

 

Business Leaders: Trotz schwarzer Zahlen sprechen Sie offen von einem Margenproblem. Wo liegt es?

Baba-Shech: Vom Apothekenpreis von rund 5.000 bis 6.000 Euro pro Kilogramm verbleiben beim Produzenten derzeit oft nur etwa 2.200 Euro. Der Rest geht an externe GMP-Zertifizierungslabore und Großhändler. Hinzu kommt ein Liquiditätsproblem: Vom Anbau bis zur Zahlung durch die Apotheke vergehen in der Regel zehn bis elf Monate. Da Banken im Cannabis-Sektor wegen regulatorischer Unsicherheiten kaum mitmachen, mussten bisher Zwischenhändler die Vorfinanzierung übernehmen – zu einem Preis, der die Margen weiter gedrückt hat.

 

 

Business Leaders: Ihre Antwort darauf heißt „Seed to Sell“. Was steckt dahinter?

Baba-Shech: Wir wollen die gesamte Wertschöpfungskette selbst kontrollieren – vom Steckling bis zur abgabefertigen Apothekenpackung. Der Schlüssel dazu ist eine eigene GMP- und Großhandelslizenz, mit der wir die Apotheken künftig direkt beliefern können. Damit holen wir die externe Zertifizierung, die Großhandelsmarge und die Vorfinanzierung ins Unternehmen. Der Netto-Erlös pro Kilogramm liegt dann signifikant höher als heute. Das Ziel ist klar: zu den margenstärksten Cannabis-Produzenten Europas zu gehören.

 

Business Leaders: Für September 2026 planen Sie eine digitale Unternehmensbeteiligung über 8 Millionen Euro. Wofür ist das Kapital bestimmt?

Baba-Shech: Das Kapital ist zweckgebunden auf drei strategische Engpässe: den Aufbau der eigenen GMP- und Großhandelslizenz, die Erweiterung der Produktionskapazitäten – ein neuer Produktionsraum kostet rund eine Million Euro – sowie den Aufbau eines internen Liquiditätspuffers. Unser Aktionärskreis soll dabei von aktuell rund 158 auf bis zu 2.000 Personen wachsen. Viele davon sind Community-Mitglieder, die mit der Marke bereits vertraut sind und nun zu Mitinhabern werden. Dank des modularen Dreiebenen-Systems können wir die Jahresproduktion ohne Standortwechsel perspektivisch auf 6 bis 8 Tonnen hochskalieren.

 

Business Leaders: Ungewöhnlich für ein Pharmaunternehmen ist Ihre Community mit über 65.000 Mitgliedern. Wie passt das zu pharmazeutischer Strenge?

Baba-Shech: Für uns ist genau diese Verbindung zweier Welten der Wettbewerbsvorteil – die Strenge des Pharmasektors und die Authentizität der Cannabiskultur. Unser Marketing findet nahezu ausschließlich über Social Media statt. Auf Discord, Instagram und YouTube geben wir tiefe, ungefilterte Einblicke in die Produktion, fast wie bei einer Live-Cooking-Show. Unser Head of Cultivation, Benjamin Gutsch, kommuniziert täglich direkt mit der Community und erklärt die Anbauverfahren. Transparenz schafft Vertrauen, und Vertrauen ist bei einem Arzneimittel unerlässlich.

 

Business Leaders: Wie lautet Ihr Ausblick für 2026?

Baba-Shech: 2026 ist das Jahr der Expansion und der Skalierung für GrowMotion. Bis jetzt haben wir die Strukturen aufgebaut, jetzt wollen wir unser Business erfolgreich ausbauen. Das Schiff wurde aus dem Risikobereich manövriert. Gelingt es uns, die 8 Millionen Euro einzusammeln, die eigene GMP-Lizenz zu sichern und die Belieferung der Apotheken weiter zu vertikalisieren, dann zeigen wir, dass „Swiss Made“ im Medizinalcannabis mehr ist als eine Herkunftsbezeichnung – nämlich ein Qualitätsversprechen, das nordamerikanische Importware strukturell herausfordert.