Die ENERGY TOWERS Holding AG will industrielle Abwärme in grundlastfähigen Strom verwandeln – und bereitet zugleich den Gang an die Börse vor. Ein Gespräch mit Vorstandschef Stephan Ballweg über einen 194-Milliarden-Euro-Markt, die Ökonomie eines Kraftwerks ohne Brennstoffkosten und den Fahrplan bis zum IPO Ende 2026.
Business Leaders: Herr Ballweg, die Energiewelt ist voll von Technologieversprechen. Warum braucht es ausgerechnet Energy Towers?
Stephan Ballweg: Weil zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Energiewende eine Lücke klafft. Wind und Sonne sind günstig, aber volatil und wetterabhängig. Was fehlt, ist eine saubere Quelle, die rund um die Uhr liefert – grundlastfähig, planbar und dezentral. Genau diese Lücke füllen wir. Unser System erzeugt kontinuierlich Strom, unabhängig davon, ob gerade der Wind weht oder die Sonne scheint.
Gleichzeitig steigt der Bedarf dramatisch, Elektromobilität, die digitale Infrastruktur mit ihren Rechenzentren und KI-Anwendungen, die industrielle Transformation – all das zieht enorme Mengen Strom. Die Nachfrage wächst schneller als die Infrastruktur. Blackouts wie zuletzt auf der iberischen Halbinsel zeigen, wie verletzlich die Netze bereits sind.
Business Leaders: Ihr Rohstoff ist Abwärme. Wie groß ist dieser Markt wirklich?
Stephan Ballweg: Sehr groß – und bislang erstaunlich ungenutzt. Weltweit gehen täglich gewaltige Mengen an Wärmeenergie verloren, in der Petrochemie, in der Zement-, Stahl-, Glas- und Keramikindustrie, in Raffinerien und in der Müllverbrennung. Diese Wärme fällt ohnehin an, sie ist ein Abfallprodukt der Produktion. Wir machen daraus eine Energiequelle.
Das adressierbare Marktvolumen beziffern wir auf rund 194 Milliarden Euro. Wir fokussieren uns dabei bewusst auf den Niederdruckbereich von etwa 2 bis 15 bar und Wärmequellen von rund 120 bis 200 Grad Celsius – ein Segment, für das es bislang kaum wirtschaftliche Lösungen gibt.
Business Leaders: Kommen wir zum Geld. Was macht Ihr Geschäftsmodell wirtschaftlich attraktiv?
Stephan Ballweg: Der entscheidende Hebel ist die Primärenergie, die uns praktisch nichts kostet. Wenn die Wärme als ungenutztes Abfallprodukt ohnehin anfällt, haben wir keine Brennstoffkosten. Das drückt die Stromgestehungskosten pro Kilowattstunde erheblich. Dazu kommen niedrige Betriebskosten, weil wir auf bewährte, robuste Maschinenbaukomponenten setzen – keine thermisch oder chemisch hochbelasteten Bauteile, dadurch lange Wartungsintervalle.
In einer Beispielrechnung für eine 5-Megawatt-Anlage kommen wir auf eine prognostizierte Umsatzrentabilität von über 74 Prozent. Das ist ein Wert, der in der Energieerzeugung ausgesprochen selten ist und der zeigt, welches Potenzial in der Nutzung von Abwärme steckt.
Business Leaders: Wer sind Ihre Kunden?
Stephan Ballweg: Überall dort, wo kontinuierlich Wärme anfällt oder wo eine sichere, netzunabhängige Versorgung gebraucht wird. Das reicht von energieintensiver Industrie und Petrochemie über Rechenzentren und Smart Cities bis zu Inselnetzen, Microgrids und Wasserstoff-Infrastrukturen. Für Kommunen ist die dezentrale, wetterunabhängige Erzeugung interessant, für die Industrie vor allem die Standort-Dekarbonisierung und die Aufwertung bestehender Prozesse.
Business Leaders: Wie verdienen Sie konkret – verkaufen Sie Anlagen, oder liefern Sie Strom?
Stephan Ballweg: Wir denken das mehrgleisig. Kurzfristig steht der Anlagenbau, mittel- bis langfristig kommt das Lizenzgeschäft hinzu. Unsere modulare Architektur von 100 Kilowatt bis in den Multi-Megawatt-Bereich erlaubt es uns, sowohl einzelne Industriestandorte auszurüsten als auch ganze Energieparks zu kaskadieren. Diese Skalierbarkeit ist ein zentraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells.
Business Leaders: Sie bereiten einen Börsengang vor. Wo steht das Unternehmen heute am Kapitalmarkt?
Stephan Ballweg: Unsere Aktien werden derzeit im außerbörslichen Handel geführt, also over the counter. Das gibt den bestehenden Aktionären bereits Liquidität zu öffentlich gestellten Kursen. Die Entwicklung ist dynamisch. Innerhalb eines Jahres lag die Aktie rund 40 Prozent im Plus, über drei Jahre bei mehr als 170 Prozent – Stand Anfang Februar 2026.
Ein wichtiger Meilenstein war die Gestattung zur Veröffentlichung eines Wertpapier-Informationsblattes durch die BaFin. Damit sind die regulatorischen Voraussetzungen für ein erstes, limitiertes öffentliches Aktienangebot geschaffen. Zeichnen können Investoren über unser digitales Investorenportal – rechtlich geprüft und vollständig digital.
Business Leaders: Und der Zeitplan für das IPO?
Stephan Ballweg: Bis Ende 2026 streben wir eine Börsennotierung im Freiverkehrssegment einer internationalen Börse an. Ziel ist es, zusätzliches Wachstumskapital für den weltweiten Ausbau der Anlagen zu mobilisieren und den Aktionären den Übergang in den regulierten Handel zu ermöglichen. Aktuell befinden wir uns in einer aktiven Wachstums- und Strukturierungsphase, in der wir die organisatorischen, regulatorischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Börsenzulassung schaffen.
Business Leaders: Wofür wird das eingeworbene Kapital verwendet?
Stephan Ballweg: Im Kern für drei Dinge: den Bau und die Validierung unseres Demonstrators, den Aufbau von Vertrieb und Industriepartnerschaften sowie die internationale Skalierung. Wir investieren also gezielt entlang unserer Roadmap – vom Nachweis in der Praxis bis zur Serienreife.
Business Leaders: Stichwort Investorenschutz – warum sollten Anleger Ihnen vertrauen?
Stephan Ballweg: Vertrauen entsteht durch Transparenz und durch Belege. Wir lassen unsere Technologie wissenschaftlich begleiten, wir arbeiten mit etablierten Partnern zusammen, und wir tragen das SCOREDEX-Seriositätssiegel. Gleichzeitig sage ich klar, eine Investition in ein Wachstumsunternehmen ist mit Chancen und Risiken verbunden. Wir kommunizieren beide Seiten offen – das gehört für uns zu einem seriösen Kapitalmarktauftritt.
Business Leaders: Wie sieht Ihr Fahrplan operativ aus?
Stephan Ballweg: 2026 ist das Jahr der Vorbereitung: Demonstratorplanung, Standortfinalisierung, Engineering sowie die Kapitalmarkt- und IPO-Vorbereitung. 2027 folgt der Bau und die Inbetriebnahme des Prototyps beziehungsweise Demonstrators, die technische Validierung unter Realbedingungen und erste Referenzprojekte.
Zwischen 2028 und 2030 gehen wir in die Kommerzialisierung und Skalierung, internationale Expansion, Lizenzgeschäft und der Ausbau auf mehr als 400 Anlagen mit insgesamt über 400 Megawatt installierter Leistung.
Business Leaders: Wer ist Ihr Wettbewerb?
Stephan Ballweg: Klassische Wärmekrafttechnologien wie Dampfturbinen oder ORC-Systeme. Der Unterschied ist, diese Verfahren brauchen hohe Temperaturen und hohe Druckstufen, laufen mit hohen Drehzahlen und entsprechend hohem Verschleiß und sind oft nur als Großanlage wirtschaftlich. Wir arbeiten mit niedrigen Drehzahlen, hohen Drehmomenten und geringem Verschleiß, sind auf den Niederdruckbereich ausgelegt und modular skalierbar. Damit erschließen wir ein Temperaturfenster, in dem die etablierten Technologien wirtschaftlich an ihre Grenzen kommen.
Business Leaders: Sie sind ein Team von 35 Menschen an drei Standorten. Reicht das für diese Ambition?
Stephan Ballweg: Für die aktuelle Phase ja – und wir wachsen gezielt mit den Aufgaben. Wir haben Erfinder und Ingenieure, die die Technologie vorantreiben, wir bauen Vertrieb und Investor Relations aus, und wir holen über Partnerschaften zusätzliche Kompetenz an Bord. Wichtig ist mir, wir skalieren die Organisation im Gleichschritt mit der Technik, nicht schneller.
Business Leaders: Zum Abschluss: Woran wollen Sie sich in zwölf Monaten messen lassen?
Stephan Ballweg: An drei Dingen, an einem sichtbaren Fortschritt beim Demonstrator, an belastbaren Industriepartnerschaften und an einem erfolgreichen Schritt an die Börse. Wenn wir aus dem physikalischen Prinzip eine industrielle Realität machen, haben wir geliefert.






