Bankkredite werden knapper, Venture Capital bleibt die Ausnahme, staatliche Förderungen sind oft schwer zugänglich. Mit Intokia entsteht ein digitaler Kapitalmarkt, der speziell auf kleine und mittlere Unternehmen zielt. Intokia-Geschäftsführer Sven Büchel im Gespräch über strukturelle Defizite, regulatorische Lösungen – und politische Verantwortung.

Business Leaders: Die Finanzierungslage des deutschen Mittelstands gilt als angespannt. Wie dramatisch ist die Situation tatsächlich?

Sven Büchel: Sie ist ernst – und strukturell. Ein wachsender Teil der mittelständischen Unternehmen berichtet, dass Banken Finanzierungsanfragen restriktiver behandeln als je zuvor. Das betrifft längst nicht mehr nur Risikofälle, sondern auch wirtschaftlich gesunde Betriebe mit funktionierenden Geschäftsmodellen. Für viele Unternehmen wird Liquidität zur strategischen Engstelle.

 

„Die Kreditvergabe orientiert sich weniger am unternehmerischen Potenzial als an formalen Kennzahlen.“

 

Business Leaders: Banken galten jahrzehntelang als verlässlicher Partner des Mittelstands. Warum funktioniert dieses Modell nicht mehr?

Sven Büchel: Weil sich das regulatorische Umfeld grundlegend verändert hat. Höhere Eigenkapitalanforderungen, strengere Risikobewertungen und standardisierte Kreditprozesse führen dazu, dass individuelle Unternehmensrealitäten kaum noch berücksichtigt werden. Die Kreditvergabe orientiert sich weniger am unternehmerischen Potenzial als an formalen Kennzahlen.

Business Leaders: Warum können Venture Capital oder Business Angels diese Lücke nicht schließen?

Sven Büchel: Weil sie strukturell anders funktionieren. Venture Capital richtet sich an eine sehr kleine Gruppe von Unternehmen mit extremen Wachstums- und Exit-Perspektiven. Der klassische Mittelstand – Familienunternehmen, Handwerksbetriebe, regionale Dienstleister – passt nicht in dieses Raster. Zudem bedeutet Beteiligungskapital fast immer Kontrollverlust. Das ist für viele Unternehmer keine akzeptable Option.

Business Leaders: Der Staat versucht gegenzusteuern – mit Förderprogrammen. Reicht das nicht aus?

Sven Büchel: Förderprogramme sind wichtig, aber sie lösen das Grundproblem nicht. Die Verfahren sind komplex, zeitaufwendig und oft stark zweckgebunden. Viele Unternehmen fallen durch das Raster. Es fehlt ein skalierbarer, marktwirtschaftlicher Ansatz, der Finanzierung breiter verfügbar macht.

 

„Wir erschließen dem Mittelstand den digitalen Kapitalmarkt.“

 

Business Leaders: Intokia spricht von einem „vierten Weg“. Was ist damit gemeint?

Sven Büchel: Wir erschließen dem Mittelstand den digitalen Kapitalmarkt. Über sogenannte Security Token Offerings im Rahmen des von der BaFin gestatteten Wertpapier-Informationsblatts können Unternehmen Kapital bis zu acht Millionen Euro aufnehmen – reguliert, transparent und ohne Kontrollabgabe. Damit entsteht ein direkter Zugang zu privaten Investoren.

Business Leaders: Security Token Offerings gelten vielen noch als abstrakt. Was passiert dabei konkret?

Sven Büchel: Unternehmen emittieren digitale Wertpapiere – etwa Schuldverschreibungen oder Genussrechte. Diese verbriefen reale, rechtlich durchsetzbare Ansprüche wie Zinsen oder Gewinnbeteiligungen. Der Unterschied zu klassischen Emissionen liegt in der Effizienz: geringere Kosten, kürzere Laufzeiten, digitale Abwicklung.

Business Leaders: Welche Rolle übernimmt Intokia dabei?

Sven Büchel: Wir strukturieren und begleiten den gesamten Prozess – von der regulatorischen Vorbereitung über die Erstellung des Wertpapier-Informationsblatts bis zur technischen Durchführung der Emission. Intokia fungiert als regulierte Vermittlungs- und Technologieplattform, nicht als Kapitalgeber.

 

Intokia Webseite
Intokia Webseite

 

Business Leaders: Was unterscheidet Intokia von anderen Plattformen?

Sven Büchel: Zum einen die Anbindung an eine lizenzierte Vermögensverwaltung. Dadurch werden künftig diversifizierte Investmentlösungen möglich, etwa über Token-Baskets, die dann diversifizierte Investmentmöglichkeiten liefern und über uns mit klassischen Investments wie Aktien und ETFs kombiniert werden können. 

Business Leaders: Warum richtet sich das Modell explizit auch an Politik und Wirtschaftsförderung?

Sven Büchel: Weil Mittelstandsfinanzierung eine wirtschaftspolitische Schlüssel­frage ist. Intokia bietet ein Instrument, das ohne staatliche Subventionen auskommt, aber regionale Wertschöpfung stärkt. Wenn Bürger in Unternehmen aus ihrer Umgebung investieren, entstehen Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Bindung vor Ort.

Business Leaders: Welche Rolle spielen Verbände und Berater in diesem Ökosystem?

Sven Büchel: Sie fungieren als Multiplikatoren. Verbände und Unternehmensberater können ihren Mitgliedern und Mandanten einen zusätzlichen Finanzierungsweg eröffnen – jenseits von Bank und Beteiligungskapital. Gleichzeitig entsteht ein neues, professionell reguliertes Serviceangebot. Und wir gehen davon aus, dass diese Multiplikatoren mit Freude ihren Mitgliedern helfen wollen, weil sie ja die Mitglieder brauchen, um zu wachsen und Bestand zu haben.

 

„Wenn Bürger in Unternehmen aus ihrer Umgebung investieren, entstehen Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Bindung vor Ort.“

 

Business Leaders: Ein STO ist öffentlich. Welche Bedeutung hat Kommunikation dabei?

Sven Büchel: Eine sehr große. Unternehmen müssen erklären, wofür sie Kapital benötigen und wie sie wirtschaften. Das erfordert Transparenz und Kommunikationsfähigkeit. Gleichzeitig wird die Finanzierung selbst zum Marketinginstrument. Investoren werden zu Botschaftern.

Business Leaders: Für welche Unternehmen ist dieses Modell geeignet – und für welche nicht?

Sven Büchel: Geeignet ist es für etablierte Mittelständler und Wachstumsunternehmen mit nachvollziehbarer Strategie, realem Kapitalbedarf und klarer Story. Nicht geeignet ist es für Unternehmen ohne Substanz oder ohne Bereitschaft zur Offenheit.

Business Leaders: Ist Intokia eher Finanzinnovation oder ein wirtschaftspolitisches Projekt?

Sven Büchel: Beides. Es ist eine technologische und regulatorische Innovation – und zugleich ein Beitrag zur Lösung eines systemischen Problems. Der Mittelstand braucht Zugang zu Kapital. Wenn wir diesen Zugang modernisieren, sichern wir Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplätze und regionale Stabilität.