„Wir sind auch stolz darauf, dass Amazon ein Unternehmen ist, das mehr als nur Arbeitsplätze für Informatiker und Menschen mit Hochschulabschluss schafft. Wir schaffen Arbeitsplätze für Menschen, die diesen Vorteil nie hatten“, schrieb Jeffrey Preston Bezos (57) am 15. April 2021 als Gründungsaktionär und langjähriger CEO von Amazon.com, Inc. aus Seattle im US-Bundesstaat Washington in einem Brief an die Aktionäre.

 Jeffrey Preston Bezos (57) ist Gründer des US-Onlineversandhändlers Amazon.com, Inc. und gilt mit einem geschätzten Gesamtvermögen in der Größenordnung von 200 Milliarden US-Dollar als einer der beiden reichsten Menschen neben Elon Musk (50) von Tesla im kalifornischen  Palo Alto im Silicon Valley © Pressefoto AmazonBlog dayone


Jeffrey Preston Bezos (57) ist Gründer des US-Onlineversandhändlers Amazon.com, Inc. und gilt mit einem geschätzten Gesamtvermögen in der Größenordnung von 200 Milliarden US-Dollar als einer der beiden reichsten Menschen neben Elon Musk (50) von Tesla im kalifornischen  Palo Alto im Silicon Valley © Pressefoto AmazonBlog dayone

Paketfahrer, die für den einstigen bayerischen Amazon-Subunternehmer Sebastian Döhring (40) aus Habach und ein Unternehmen seiner Spedition Oberland aus Obersöchering gearbeitet haben, berichteten dem ZDF-Magazin frontal 21 (Sendung vom 24. August 2021), dass die Arbeit kaum zu schaffen war.

Amazon setzt bei der Paketauslieferung auf Paketfahrer in Subunternehmen © Pressefoto AmazongBlog dayone

Amazon setzt bei der Paketauslieferung auf Paketfahrer in Subunternehmen © Pressefoto AmazongBlog dayone

Ein Fahrer sagte: „Am Anfang waren es 100 Stopps, dann 200, dann 270 Pakete in einer Schicht. Es gab Zeiten, in denen die Pakete nicht auf der Ladefläche, sondern auch auf dem Beifahrersitz gestapelt werden mussten, weil es im Laderaum keinen Platz mehr gab. Das war hart.“

Die Männer kamen aus Ungarn nach Bayern. Die Autos seien zum Teil schrottreif gewesen, erzählten die Fahrer und zeigten Fotos. Bei Glatteis im Winter hätten sie Angst gehabt zu fahren.

Der Subunternehmer von Amazon hatte den Fahrern nicht nur die Autos, sondern auch die Unterkunft vermittelt.

Ein Kurierfahrer schilderte: „Wir haben pro Person 300 Euro monatlich für ein Bett bezahlt.  Wenn wir vier Leute waren, dann also viermal 300 Euro. In den Wohnungen war überall Dreck. Die Küche war völlig nutzlos – auf einem einzigen Herd mussten wir das Wasser erhitzen, um uns zu waschen. Es gab nur eine Dusche, die auch nur kaltes Wasser hatte oder gar kein Wasser. Die Badewanne konnte nicht benutzt werden, die Dusche war oft kaputt.“

„Jeff rück die Koh­le raus“ – Pro­test vor der Eu­ro­pa-Zen­tra­le des Unternehmen in Lu­xem­burg am 26. Mai 2021 © ethecon.org

„Jeff rück die Koh­le raus“ – Pro­test vor der Eu­ro­pa-Zen­tra­le des Unternehmen in Lu­xem­burg am 26. Mai 2021 © ethecon.org

Die Fahrer zeigten ihre Lohnabrechnungen. Vom Monatsbrutto von etwas über 1.400 Euro gab es eine ganze Reihe von Abzügen:

  • „234 Euro Bearbeitungsgebühr Blitzer“
  • „500 Euro KFZ-Schaden“
  • „300 Euro Vorschuss“ (gemeint war hiermit die Miete für eine Unterkunft)

Manchmal blieben den Fahrern nur wenige Hundert Euro übrig, einmal waren es nur rund 30 Euro.

Einer der Fahrer beklagte: „Ich konnte kein Geld mehr nach Hause schicken, und so ging meine Beziehung in die Brüche. Es ist auch nicht billig, von München nach Hause zu fahren. Ich habe meine Mietwohnung in Ungarn kündigen müssen und dann meine Unterkunft hier in Deutschland. So musste ich mehrere Wochen im Auto schlafen, ich hatte nicht mal Geld für Essen.“

Sebastian Döhring wies die Vorwürfe zurück.

Alle Abzüge vom Lohn seien gerechtfertigt. Weder die Firma noch er selbst hätten daraus einen finanziellen Vorteil gezogen.

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe soll Amazon Strafanzeige gegen den Geschäftsführer und Wirtschaftlich Berechtigten Sebastian Döhring gestellt haben, wie Business Insider (Springer Verlag, Berlin) aus Unternehmerkreisen erfuhr und am 25. August 2021 berichtete.

Doch der bayerische Amazon – Subunternehmer war keine Ausnahme.

Auch im Thüringer Verteilzentrum Erfurt Stotternheim, das im September 2019 eröffnet wurde, gibt es Klagen von Kurierfahren, die für Subunternehmer von Amazon fahren.

Vor dem Amazon-Verteilzentrum rauschen jeden Morgen Hunderte Kleintransporter an, die Fahrer überwiegend Osteuropäer.

„Jeff Bezos – Union Buster in Chief“ – der Gründer und langjährige Chef ist auch der größte Verhinderer von Mitbestimmung und Betriebsräten. Und dass er kaum Steuern zahlt, auch das sagen die Protestschilder von Beschäftigten aus verschiedenen europäischen Ländern am 26. Mai 2021 vor der Amazon-Europazentrale in Luxemburg © ethecon.org

„Jeff Bezos – Union Buster in Chief“ – der Gründer und langjährige Chef ist auch der größte Verhinderer von Mitbestimmung und Betriebsräten. Und dass er kaum Steuern zahlt, auch das sagen die Protestschilder von Beschäftigten aus verschiedenen europäischen Ländern am 26. Mai 2021 vor der Amazon-Europazentrale in Luxemburg © ethecon.org

Ein polnischer Fahrer hat in Thüringen ein halbes Jahr für einen Subunternehmer gearbeitet. Er erzählt: „Ich bin meist um zehn Uhr morgens losgefahren und war nicht selten um 21 Uhr abends zurück. Abgerechnet wurde dann aber oft nur bis 18 Uhr, die Überstunden verfielen.“

Das Arbeitspensum sei kaum zu schaffen, irgendwann habe er nicht mehr gekonnt, erzählt er: „An einem Tag ging es mir am Abend schlecht. Ich bin am Folgetag zum Arzt, der hat mich sofort krankgeschrieben – ich war dehydriert. Ich habe bei der Arbeit angerufen, gesagt, dass ich krank bin. Kurze Zeit später rief der Chef zurück, er sei auf dem Weg zu mir – mit der Kündigung.“

Seitdem bekommt er kein Geld mehr und klagt nun gegen seine Entlassung. Unterstützt wird er dabei von der Beratungsstelle Faire Mobilität Thüringen des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Erfurt. Hier kennen sie viele solcher Fälle.

So viele, dass Tina Morgenroth, die Koordinatorin der Anlauf- und Beratungsstelle, ein 15seitiges Dossier verfasst hat.

Titel: „Amazon und das Klima der Angst
Bereits im November 2020 ging der Dead Planet Award an Amazon, am 26. Mai 2021 wurde er vor der Europa-Zentrale von Amazon in Luxemburg noch einmal präsentiert © ethecon.org

Bereits im November 2020 ging der Dead Planet Award an Amazon, am 26. Mai 2021 wurde er vor der Europa-Zentrale von Amazon in Luxemburg noch einmal präsentiert © ethecon.org

Amazon und die Überwachung der Fahrzeuge

Jeff Bezos schrieb im April 2021 in seinem Aktionärsbrief über Pausen: „Die Mitarbeiter können während ihrer Schicht informelle Pausen einlegen, um sich zu strecken, Wasser zu holen, die Toilette zu benutzen oder mit einem Vorgesetzten zu sprechen, ohne dass dies ihre Leistung beeinträchtigt. Diese informellen Arbeitspausen werden zusätzlich zu den 30minütigen Mittagspausen und den 30minütigen Pausen im normalen Zeitplan eingeplant. Wir setzen keine unangemessenen Leistungsziele.“

Doch Tina Morgenroth weiß: „Häufig arbeiten die Kurierfahrer nach eigenen Aussagen mehr als 12 Stunden pro Tag. Als Arbeitszeit angerechnet werden je nach Arbeitsvertrag maximal 10 Stunden.

Zeit, um Pause zu machen, so berichten Fahrer, sei meistens nicht vorhanden. Falls es doch zu einem längeren Stillstand des Fahrzeugs komme, werde das angemahnt. Durch die Nutzung der Amazon App kann jede Bewegung eines Fahrzeugs getrackt und nachverfolgt werden.“

Amazon und die Amazon App

Kurierfahrer berichteten der Erfurter Beratungsstelle, dass die Kommunikation und Routenplanung über die Amazon App abgewickelt werden. Diese sei teilweise auf Dienstgeräten, teilweise auf privaten Endgeräten installiert. Fahrer berichteten, dass sie aufgefordert seien, sich auszuloggen, sobald die Höchstarbeitszeitdauer von 10 Stunden erreicht sei. Falls die Pakete dann noch nicht alle zugestellt sind, was häufig vorkäme, wären die Fahrer aufgefordert, sich über das Konto eines Kollegen einzuloggen, der in Urlaub oder krank sei.

Teilweise würden dieses Ausloggen und Einloggen automatisch durch die App gesteuert. Dadurch wären die Arbeitszeitaufzeichnungen in der App immer gesetzeskonform und ein Nachweis von Verstößen gegen Arbeitszeitgesetze würde erheblich erschwert.

Eine Prüfung hinsichtlich der Einhaltung von Datenschutzbestimmungen durch den Datenschutzbeauftragten des Freistaats Thüringen wird aktuell vorgenommen. Allerdings sind die Datenschutzbeauftragten offiziell nur für die (Sub)unternehmen zuständige, die ihren Firmensitz im jeweiligen Land oder Bundesland haben.

Tina Morgenroth: „Hier ist viel Kommunikation zwischen den Datenschutzbeauftragten nötig, auch über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus.“

Amazon und der Lohn

Tina Morgenroth: „Uns wurde berichtet, dass die Touren von 11 bis 22 Uhr dauerten und von Montag bis Samstag gearbeitet wird. In diesem Fall wird ein Pauschallohn gezahlt, bei der tatsächlichen Arbeitszeit läge der Stundenlohn in diesem Fall bei 7 Euro (2,50 Euro unter dem gesetzlichen Mindestlohn). Einige Fahrer berichten zudem, dass sie beim gleichen Unternehmen einen weiteren Minijob hätten, womit sie zu den maximal 1.900 Euro noch 450 Euro dazuverdienen würden.“

Amazon und Schäden am Fahrzeug

Tina Morgenroth: „Sobald es zu Schäden am Fahrzeug kommt, müssen die Beschäftigten diese in der Regel selbst zahlen. Übergabeprotokolle der Fahrzeuge gibt es in der Regel nicht und die Fahrer wechseln die Transporter, sodass ein konkreter Schuldnachweis schwer wäre. Dennoch zahlen die meisten Fahrer, aus Angst den Job zu verlieren.

So haben Fahrer uns berichtet, dass sie für Schäden mehrere hundert Euro zahlen mussten. Einer Ratsuchenden wurde für einen neuen Seitenspiegel 700 Euro vom Lohn abgezogen. Anderen wurde der Schaden vom Lohn als ‚Vorschuss‘ abgezogen. Einige der Subunternehmen, die, wie oben berichtet, einen Teil des Lohns schwarz ausbezahlen, würden Schadenkosten dann vom üblich ausgezahlten Schwarzgeld einbehalten. Insgesamt ist es für die Beschäftigten durch die mangelnden Dokumentationen und Unterlagen sehr schwer, sich gegen ungerechtfertigte Beschuldigungen zu Schäden und Bußgeldern zur Wehr zu setzen.“

Amazon und die Abzüge für die Unterbringung

Teilweise leben Kurierfahrer in privat angemieteten Wohnungen und sind familiär in Erfurt und Umgebung verwurzelt. Andere leben in Unterkünften, die der Arbeitgeber vermittelt oder vermietet. Das System funktioniert ähnlich wie in der Fleischindustrie oder der Landwirtschaft.

Tina Morgenroth: „So hat ein uns bekanntes Subunternehmen aktuell eine Ferienwohnung im Erfurter Umland angemietet und verlangt monatlich 450 Euro pro Bett. Es gibt weder einen Mietvertrag, noch Zahlungsnachweise. Die 450 Euro werden teilweise als ‚Vorschuss1‘ auf der Lohnabrechnung  verbucht.“

Das Modell des Verbuchens von Vorschüssen kommt häufig vor und bedeutet in der Regel nicht, dass Beschäftigte tatsächlich einen Vorschuss erhalten haben.

Tina Morgenroth: „Aus unserer Sicht hat die Verwendung des Postens ‚Vorschuss‘ auf den Lohnzetteln das Ziel, den sonst illegitimen Abzug von Geldern zu verschleiern. Mietkosten dürfen unterhalb der Pfändungsfreigrenze (ab 1. Juli 2021 bis 1.252,64 Euro unpfändbar für eine Person ohne Unterhaltspflicht, § 850c ZPO – Anmerkung der Redaktion) nicht vom Lohn abgezogen werden. Durch die Bezeichnung ‚Vorschuss‘ taucht der Posten Miete gar nicht auf.“

Amazon und das praktische „Berufsverbot“ per Sperrlisten

Das Sperren von Fahrern wird laut dem Verein Faire Mobilität Thüringen als Sanktionsmechanismus genutzt. Wenn die Kundenbewertungen schlecht sind, Pakete verloren gegangen sind oder aus anderen Gründen, werden Fahrer für Tage oder Wochen gesperrt. In dieser Zeit dürfen sie nicht arbeiten und erhalten keinen Lohn.

Beschäftigte fürchteten auch eine Sperre, wenn sie Probleme gegenüber dem Arbeitgeber ansprechen. Das könnte eine Erklärung sein, warum die Fahrer selten arbeitsrechtlich gegen die Arbeitgeber vorgehen. Es sollen Listen von Personen existieren, die als zukünftige Mitarbeiter gesperrt sind, sodass die Fahrer bei keinem anderen Subunternehmen von Amazon arbeiten können. Außerdem kann es zu Sperrungen kommen, wenn die Fahrer den Arbeitgeber, also den Subunternehmer wechseln wollen.

Tina Morgenroth: „Amazon nutzt mit dem Sanktionsmodell Sperrzeiten die eigene Macht, Kurierfahrern den Zugang zu einer kompletten Branche zu verwehren. Das kommt im Grunde einem Berufsverbot gleich.“

Amazon Flex – das Angebot, sich selbständig zu machen.

Über Amazon Flex können Menschen als Selbstständige Pakete zustellen. Das Angebot scheint auf den ersten Blick attraktiv, weil der Stundenlohn 25 Euro beträgt. Allerdings ist die Anzahl der Touren begrenzt und da die Fahrer als Selbständige gelten, müssen sie sich selbst versichern. Das führt dazu, dass Fahrer sich ungewollt strafbar machen, weil sie in aller Regel keine Gewerbeanmeldung haben. Insbesondere Geflüchtete gefährden damit unwissend ihren Aufenthaltsstatus. Offiziell sei es nicht möglich, sich bei Amazon Flex ohne Gewerbeanmeldung zu registrieren, da bei der Onlineanmeldung das Gewerbe erfragt wird.

Tatsächlich erfolgt eine Prüfung seitens Amazons erst nach drei Monaten.

Tina Morgenroth: „Fahrer berichteten uns, dass sie den Job ohne eine Gewerbeanmeldung ausführen und dennoch einen Amazon Flex Vertrag haben.“

Scheinbar bekommen die selbstständigen Fahrer nur eine begrenzte Anzahl an Touren/Stopps, so dass maximal 2.700 Euro Umsatz im Monat gemacht werden kann. Das werde laut Erfahrungsberichten im Vorfeld allerdings nicht kommuniziert. Einige Fahrer berichten, dass sie zusätzlich als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten, um über die Runden zu kommen.

Die Touren der Selbstständigen sind allerdings nicht länger als maximal 4 Stunden/Tag. Es sei drei Mal pro Monat möglich, eine Tour nicht anzunehmen. Danach bekämen die Fahrer eine Sperre bei Amazon.

Es gibt eine Prognose, wie lange die Tour dauert. Dies richtet sich nach der Routenplanung in der Amazon App. Wenn die Tour länger dauert, als die veranschlagte Zeit bekommen die Fahrer keine Entlohnung für die Zeitüberschreitung. Anfangs seien die Touren so geplant, dass die zeitliche Vorgabe realistisch sei. Der Algorithmus scheint mit Dauer der Beschäftigung zu wechseln, sodass die Touren in der vorgegebenen Zeit nicht mehr machbar seien.

Tina Morgenroth: „Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob es sich bei diesem Beschäftigungsmodell nicht um eine klassische Scheinselbstständigkeit handelt.“

So müssen die Fahrer im Vorfeld angeben, an welchen Tagen sie verfügbar wären. Dann bekommen sie drei bis vier Tage vor dem Einsatz ein Zeitfenster (circa 30 Minuten) genannt, in welchem sie die Pakete im Verteilzentrum abholen müssen. Erst 15 Minuten vor Tourenstart werden die Fahrer über den Einsatzort informiert und können die vorgegebene Route einsehen. Ob tatsächlich ein selbstständiges Arbeitsverhältnis vorliegt, könnte beispielsweise durch ein Statusfeststellungsverfahren der Rentenversicherung nach § 7a Abs. 1 Satz 1 SGB IV geklärt werden. An dieser Stelle sind enge Absprachen und Austausch mit der Finanzkontrolle Schwarzarbeit von Nöten.

Amazon weist die Vorwürfe zurück.

Der Konzern prüfe regelmäßig, ob sich die Subunternehmer an geltende Gesetze halten. Das Unternehmen teilte dem ZDF mit: „Unsere Lieferservicepartner verpflichten sich vertraglich, die geltenden Gesetze insbesondere in Hinblick auf Löhne, Sozialabgaben und Arbeitszeiten einzuhalten.“

Der Speditionsunternehmer Michael Mlynarczyk (50) aus Unna, Geschäftsführer und Alleininhaber der MMK Frachtdienste GmbH aus Unna und Dispositionssitz am Dortmunder Flughafen – Cargo Center, hat dazu eine ganz eigene Einsicht gewonnen.

Der Online-Gigant wirbt um Subunternehmer, lockt mit Millionen-Umsätzen und einem Gewinnpotenzial von bis zu 140.000 Euro pro Jahr.

Auch Michael Mlynarzcyk hat solche Angebote bekommen. Er hat Schulungen bei Amazon besucht. Er sagte vor laufender Kamera, die Versprechen seien unrealistisch: „Bei Amazon regnet es nicht, nie. Es ist immer schön Wetter! Die Zahlen sind so dargestellt, als wenn immer alles ganz, ganz toll ist, und alles ist in Ordnung. Alles läuft reibungslos und 100prozentig sauber – und das ist nicht so.“

Mlynarzcyk weiter: „Also, ich weiß, was es für Querschläge gibt. Es gab mal einen Monat, da haben wir 18 Reifen bezahlt. Da haben uns die Fahrer 18 Reifen kaputt gefahren. Kann man so was kalkulieren? Das kann man nicht kalkulieren, genauso wie Unfälle: Es gibt einen Monat, da passiert nichts und im nächsten Monat kommt der Fahrer rein und hat irgendwo beim Porsche Cayenne ’nen Spiegel abgefahren.“

Ein riskantes Geschäft, bei dem offenbar viele einfache Fahrer auf der Strecke bleiben.

Weltweite Proteste
Kaum eine Woche nachdem Arbeiter in Italien einen erfolgreichen nationalen Streik in Amazon-Betrieben im gesamten Alpenland gestartet haben, reagierten Mitglieder der deutschen Gewerkschaft ver.di Ende März 2021 mit einem viertägigen Streik in 6 Städten: Rheinberg, Werne, Koblenz, Bad Hersfeld und Leipzig in einem langjährigen Kampf um bessere Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Respekt © Pressefoto Gewerkschaftsförderation Uni Global Union am Genfer See in Nyon, Schweiz

Kaum eine Woche nachdem Arbeiter in Italien einen erfolgreichen nationalen Streik in Amazon-Betrieben im gesamten Alpenland gestartet haben, reagierten Mitglieder der deutschen Gewerkschaft ver.di Ende März 2021 mit einem viertägigen Streik in 6 Städten: Rheinberg, Werne, Koblenz, Bad Hersfeld und Leipzig in einem langjährigen Kampf um bessere Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Respekt © Pressefoto Gewerkschaftsföderation Uni Global Union am Genfer See in Nyon, Schweiz

„Durch die Schließung großer Teile des stationären Einzelhandels in der Corona-Krise ist das Bestellvolumen von Amazon durch die Decke gegangen. Die Arbeiter haben den Preis bezahlt“, sagte Orhan Akman, der bei der Gewerkschaft ver.di für den Einzelhandel und den Versandhandel zuständig ist.

Seit April 2013 ist Amazon in mehreren Ländern mit Arbeiterunruhen konfrontiert, insbesondere in Europa, wo Arbeiter in Spanien, Deutschland, Frankreich und Italien mehr als ein Dutzend Mal ausgestiegen sind. Die Proteste haben sich während der Pandemie verschärft.

Zur Aktionärs-Hauptversammlung am 26. Mai 2021 protestierten Amazon-Beschäftigte und Unterstützer vor der Europa-Zentrale in Luxemburg.

Gemeinsam mit dem internationalen Gewerkschaftsverband UNI Global Union und der Kampagne „Make Amazon pay!“ stellte die Düsseldorfer ethecon-Stiftung Ethik & Ökonomie den Gründungsaktionär Jeffrey Bezos „für seine Gewerkschaftsfeindlichkeit, Steuerflucht, Ausbeutung im Schatten der Pandemie, Umweltzerstörung und weitere Verbrechen mitten am Tag öffentlich an den Pranger.“

„In Luxemburg hat Amazon zwecks Steuervermeidung seinen Hauptsitz, von hier wird im Schatten der Pandemie und auf dem Rücken von Lagerarbeiter*innen, Paket-Bot*innen und abhängigen Einzelhändler*innen abkassiert. Von hier aus werden miese Arbeitsverhältnisse in ganz Europa abgewickelt“, sagte ethecon-Geschäftsführer Niklas Hoves.

Zur gleichen Zeit protestierten Amazon-Beschäftigte auch in Delhi, London, New York, Sydney und Berlin. „Ein internationales Monopol kann nur länderübergreifend und solidarisch in seine Schranken gewiesen werden“, so Hoves. „An diesem Tag lautet unser Motto weltweit: Make Amazon Shareholders pay! In erster Linie verantwortlich für Entscheidungen und Handeln Amazons sind neben dem führenden Management um Bezos auch die anderen Großaktionäre wie die Finanzkonzerne Blackrock und Vanguard. Ihnen gehört der Konzern zu wesentlichen Teilen.“

In seinem letzten Aktionärsbrief am 15. April 2021 schrieb Jeffrey P. Bezos als Gründer und scheidender CEO:  „Wir wollten schon immer das kundenorientierteste Unternehmen der Welt sein. Das werden wir nicht ändern. Das ist es, was uns hierher gebracht hat. Aber ich verpflichte uns zu einer Ergänzung. Wir werden der beste Arbeitgeber der Welt und der sicherste Arbeitsort der Welt sein.“

Doch ein Experte sagt, der Fehler liege im System.

Prof. Stefan Sell, Sozialwissenschaftler, Hochschule Koblenz Campus Remagen: „Im jetzigen System kann Amazon die Preise massiv drücken, die Anbieter gegeneinander ausspielen. Die haben überhaupt keine Marktstärke und sind gezwungen, dann diesen enormen Preisdruck von Amazon an die eigenen Beschäftigten weiterzugeben.

Wir brauchen unbedingt allgemein verbindliche Tarifstrukturen, an die sich diese oftmals vielen kleinen Unternehmen halten müssen, die dann auch in die Preiskalkulation gegenüber Amazon natürlich Eingang finden müssen.“ (FM)