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ALDI – Die Milliarden, die niemand sieht
Ein Konzern größer als viele DAX-Unternehmen, geführt von Stiftungen, kontrolliert von Juristen, abgeschottet von der Öffentlichkeit.
ALDI ist kein Mythos, sondern ein Machtapparat – leise, effizient und nahezu unsichtbar.
Während börsennotierte Konzerne ihre Zahlen offenlegen müssen, entzieht sich ALDI seit Jahrzehnten konsequent jeder öffentlichen Rechenschaft. Mehr als 13.000 Filialen, ein geschätzter Umsatz von über 112 Milliarden Euro, doch keine Bilanz, kein Geschäftsbericht, kein öffentlicher Eigentümer.
Das ist kein Zufall. Es ist System.
ALDI – Die Timeline eines stillen Imperiums (1913-2026)
1913-1945: Die Anfänge in Essen
1913
Anna Albrecht eröffnet in Essen-Schonnebeck ein kleines Lebensmittelgeschäft. Es ist ein klassischer Tante-Emma-Laden, geprägt von persönlichem Verkauf, Kreditbüchern und regionalen Produkten.
1920er-1930er Jahre
Das Geschäft überlebt Inflation, Wirtschaftskrise und politische Umbrüche. Die Familie lebt und arbeitet im selben Haus – Handel ist Existenzsicherung, kein Wachstumsprojekt.
1939-1945
Der Zweite Weltkrieg zerstört große Teile der Infrastruktur. Lebensmittel sind knapp, Handel wird zur Überlebensfrage.
1946-1959: Die Geburt des Discount-Gedankens
1946
Die Brüder Karl (geb. 1920) und Theo Albrecht (geb. 1922) übernehmen das Geschäft der Mutter. Deutschland ist arm, Konsum rational, Preis alles.
Ende der 1940er
Die Brüder reduzieren das Sortiment radikal. Keine Markenvielfalt, keine Dekoration, kaum Service – dafür niedrige Preise.
1950er Jahre
Mehrere Filialen entstehen im Ruhrgebiet. Das Konzept funktioniert: niedrige Kosten, hohe Umschlaggeschwindigkeit, kaum Verluste.
1960-1969: Die Teilung von ALDI
1961
ALDI wird in ALDI Nord und ALDI Süd geteilt.
Offiziell geht es um den Verkauf von Zigaretten – tatsächlich aber um Führungsstil, Kontrolle und Skalierbarkeit.
Der sogenannte „ALDI-Äquator“ entsteht:
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Theo: Norden
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Karl: Süden
Beide Unternehmen bleiben rechtlich unabhängig – bis heute.
1962
Der Name ALDI (Albrecht Discount) wird offiziell eingeführt.
1970-1979: Abschottung und Trauma
1971
Theo Albrecht wird in Düsseldorf entführt und 17 Tage lang festgehalten. Lösegeld: rund 7 Millionen D-Mark.
Das Ereignis prägt die Familie nachhaltig:
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völliger Rückzug aus der Öffentlichkeit
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maximale Geheimhaltung
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keine Interviews, keine Fotos
1973
Karl Albrecht gründet die Siepmann-Stiftung – Grundstein für das spätere Stiftungsmodell von ALDI Süd.
1980-1999: Expansion ohne Öffentlichkeit
1980er Jahre
ALDI expandiert in Westeuropa (u.a. Niederlande, Belgien, UK).
Das Discount-Prinzip wird international kopiert.
1990er Jahre
ALDI betritt den US-Markt.
ALDI Süd expandiert erfolgreicher als ALDI Nord.
1997
ALDI Nord übernimmt Trader Joe’s in den USA – ein eigenständig geführtes, extrem profitables Konzept.
2000-2009: Globalisierung und Machtkonzentration
2000-2005
ALDI wird zu einem der größten Lebensmittelhändler Europas.
Walmart scheitert am deutschen Markt – unter anderem an ALDI.
2006
Walmart zieht sich endgültig aus Deutschland zurück.
Ende der 2000er
Die Gründer bereiten die Nachfolge vor – konsequent über Stiftungen.
2010-2014: Das Ende der Gründerära
2010
Theo Albrecht stirbt im Alter von 88 Jahren.
Sein Vermögen geht in mehrere Familienstiftungen über.
2014
Karl Albrecht stirbt im Alter von 94 Jahren.
ALDI Süd bleibt vollständig im Besitz der Siepmann-Stiftung.
Die Gründer hinterlassen eines der größten privaten Vermögen Europas – nahezu steueroptimiert.
2015-2019: Konflikte hinter verschlossenen Türen
2015-2018
Interne Streitigkeiten innerhalb der Albrecht-Familie werden erstmals öffentlich.
Es geht nicht um ALDI-Strategie, sondern um:
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Ausschüttungen
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Stiftungsvorstände
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private Vermögensverteilung
2019
Der Konflikt um den Familienstamm Berthold Albrecht eskaliert juristisch und persönlich.
2020-2022: Strukturreformen und Gerichtsentscheidungen
2020
ALDI modernisiert Filialen massiv – mehr Frische, Bio, Eigenmarken.
Der Discount wird „aufgeräumter“, bleibt aber preisgetrieben.
2022
Ein deutsches Gericht erklärt Teile der Besetzung der Jakobus-Stiftung (ALDI Nord) für unrechtmäßig.
Zwei Vorstandsposten müssen neu besetzt werden.
Der Staat greift damit indirekt in das Machtgefüge der Familie ein.
2023-2024: Neuordnung im Hintergrund
2023
ALDI Nord gründet eine neue Holding-Struktur, um die komplexen Stiftungsebenen zu bündeln.
Ziel: weniger Reibung, mehr operative Klarheit.
ALDI Süd hat diesen Schritt bereits früher vollzogen (SE-Strukturen).
2024
ALDI meldet weltweit einen Rekordumsatz von über 112 Mrd. € (Schätzung).
2025-2026: ALDI als globaler Machtfaktor
2025
ALDI gehört zu den größten privaten Handelskonzernen der Welt:
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über 13.400 Filialen
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starke Expansion in den USA
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hohe Preissetzungsmacht gegenüber Lieferanten
Die Erben zählen weiterhin zu den reichsten Deutschen – bleiben aber öffentlich unsichtbar.
2026
ALDI plant weitere US-Expansion und Digitalisierung der Lieferketten.
Das Grundprinzip bleibt unverändert: Maximale Effizienz, minimale Transparenz.
Die Gründer: Kontrolle war wichtiger als Reichtum
Karl und Theo Albrecht galten als die reichsten Deutschen ihrer Zeit. Doch Reichtum war für sie kein Statussymbol, sondern ein Risiko. Ein Risiko für Neid, für politische Aufmerksamkeit – und für Kontrolle.
Die Brüder vermieden Öffentlichkeit, mieden Interviews, lebten zurückgezogen. Der Grund war nicht Bescheidenheit, sondern Machtbewusstsein. Wer nicht sichtbar ist, kann nicht angegriffen werden.
Diese Philosophie prägt ALDI bis heute.
Die Teilung – nicht aus Streit, sondern aus Kalkül
1961 trennten die Brüder ALDI in Nord und Süd. Der Zigarettenstreit ist Legende, nicht Erklärung. Tatsächlich war die Aufspaltung ein strategischer Schritt, um:
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Komplexität zu reduzieren
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Verantwortung klar zuzuweisen
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interne Kontrolle zu sichern
Zwei Konzerne, eine Familie, null Öffentlichkeit.
Die Stiftungen: Eigentum ohne Eigentümer
Heute gehört ALDI nicht Menschen, sondern Stiftungen.
Diese Konstruktion erfüllt drei zentrale Funktionen:
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Steueroptimierung
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Machtkonservierung
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Abschirmung der Erben
Die Nachkommen der Gründer besitzen formal Milliarden, verfügen aber nur begrenzt darüber. Ausschüttungen erfolgen nach festen Regeln. Entscheidungen treffen Stiftungsvorstände – oft Juristen, nicht Kaufleute.
ALDI ist damit ein Unternehmen ohne Eigentümer im klassischen Sinn.
Erben mit Milliarden – und ohne Stimme
Forbes schätzt das Vermögen der Albrecht-Erben weiterhin auf zweistellige Milliardenbeträge. Doch Reichtum bedeutet hier nicht Freiheit.
Wer Teil der Familie ist, bekommt Geld – aber nicht Macht.
Wer Macht will, muss durch Stiftungen, Gremien, Satzungen und Zustimmungspflichten.
Der Preis für steuerlich optimiertes Vermögen ist Abhängigkeit.
Wenn Stiftungen zu Schlachtfeldern werden
Der Fall um Berthold Albrecht zeigt, wie fragil das System ist.
Es ging nicht um Unternehmensstrategie, sondern um private Auszahlungen. Um Grundsicherungen. Um Sonderzuwendungen in Millionenhöhe.
Der Konflikt eskalierte vor Gerichten, innerhalb der Familie – und letztlich öffentlich.
Was sichtbar wurde:
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Stiftungsvorstände mit enormer Macht
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fehlende Transparenz
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Auszahlungen ohne externe Kontrolle
Ein System, das Stabilität verspricht, produziert Konflikte, sobald Menschen aus der Reihe tanzen.
ALDI – Stiftungen & Steuern (1973-2026)
1973: Der Start der steuerlichen Architektur
19. Oktober 1973
Karl Albrecht gründet die Siepmann-Stiftung.
Damit beginnt die gezielte Trennung von:
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Eigentum
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Stimmrechten
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privatem Vermögen
Ziel:
- langfristige Sicherung von ALDI Süd
- Vorbereitung einer steueroptimierten Nachfolge
- Schutz vor Zerschlagung durch Erben
Bereits hier kommt das Doppelstiftungsmodell zum Einsatz:
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Familienstiftung (Kontrolle & Ausschüttungen)
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Gemeinnützige Stiftungen (Kapitalbindung & Steuerfreiheit)
1980er-1990er: Stiftungen werden zum Standard
In den folgenden Jahrzehnten werden weitere:
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Familien-
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Beteiligungs-
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gemeinnützige Stiftungen
errichtet, insbesondere im Umfeld von ALDI Nord.
Charakteristisch:
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keine Veröffentlichungspflichten
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keine Transparenz über Vermögenswerte
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keine öffentliche Kontrolle
ALDI entzieht sich damit dauerhaft der klassischen Erbschaftslogik.
2000-2009: Vorbereitung auf den Erbfall
Mit zunehmendem Alter der Gründer werden:
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Stiftungssatzungen präzisiert
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Ausschüttungsregeln fixiert
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Vorstandsbefugnisse ausgeweitet
Die operative Führung wird vollständig vom Familiennamen entkoppelt.
Die Erben sollen begünstigt, aber nicht mächtig sein.
2010: Tod von Theo Albrecht – erster Praxistest
2010
Theo Albrecht stirbt.
Sein Vermögen geht vollständig in mehrere Stiftungen über, darunter zentral die Jakobus-Stiftung.
Wichtig:
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keine klassische Erbschaftsteuer
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keine öffentliche Vermögensfeststellung
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keine Offenlegung der Begünstigten
Stattdessen:
- laufende Ausschüttungen
- Körperschaft- & Gewerbesteuer auf Stiftungsebene
- Abgeltungsteuer (25 %) auf Auszahlungen
2014: Tod von Karl Albrecht – das Modell greift vollständig
2014
Karl Albrecht stirbt.
ALDI Süd verbleibt vollständig im Besitz der Siepmann-Stiftung.
Politisch brisant:
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eine der größten Vermögensübertragungen der deutschen Geschichte
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keine Milliarden-Erbschaftsteuer
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stattdessen langfristig planbare Erbersatzsteuer
Das Modell gilt als juristisch sauber – aber gesellschaftlich umstritten.
2015-2018: Ausschüttungen werden zum Konfliktthema
Innerhalb der Familie Albrecht kommt es zu Streitigkeiten über:
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Höhe der jährlichen Auszahlungen
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Sonderzuwendungen
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Informationsrechte
Erstmals wird öffentlich, wie viel Macht Stiftungsvorstände besitzen:
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sie entscheiden über Geld
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sie entscheiden über Investitionen
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sie kontrollieren faktisch das Vermögen der Erben
2019: Eskalation rund um die Jakobus-Stiftung
Der Familienstamm um Berthold Albrecht gerät in einen offenen Konflikt:
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Millionen-Ausschüttungen an einzelne Familienmitglieder
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Streit über Satzungsauslegung
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Vorwürfe der Untreue
Der Kern des Problems: Stiftungen sind steuerlich privilegiert – aber intern kaum kontrolliert.
2022: Gericht greift in Stiftung ein
Ein deutsches Gericht erklärt die Besetzung des Vorstands der Jakobus-Stiftung teilweise für unrechtmäßig.
Folge:
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zwei Vorstandsposten müssen neu besetzt werden
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Machtbalance innerhalb der Stiftung wird verändert
- Seltenes Ereignis:
staatlicher Eingriff in eine der mächtigsten Privatstiftungen Deutschlands
2023: Neuordnung der Stiftungsstruktur bei ALDI Nord
ALDI Nord bündelt seine komplexe Struktur in einer neuen Holding:
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Stiftung & Co. KG
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Zusammenführung mehrerer Stiftungen
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Vereinfachung der Entscheidungswege
Ziel:
- weniger interne Blockaden
- mehr operative Handlungsfähigkeit
- bessere Kontrolle über Ausschüttungen
ALDI Süd hatte diesen Schritt bereits Jahre zuvor vollzogen.
2033 (Ausblick): Erbersatzsteuer bei ALDI Süd
Die nächste Erbersatzsteuer für die Siepmann-Stiftung wird fällig:
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alle 30 Jahre
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Bemessungsgrundlage: Nettovermögen der Stiftung
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Freibetrag: 800.000 €
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Steuersatz: 7-50 % (theoretisch)
Entscheidend:
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der Zeitpunkt ist bekannt
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Rücklagen können jahrzehntelang geplant werden
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keine Überraschung wie bei klassischen Erbfällen
2025-2026: Das System steht – und wirkt
Heute gilt bei ALDI:
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ALDI gehört faktisch Stiftungen, nicht Menschen
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Erben erhalten regelmäßige Zahlungen
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operative Kontrolle liegt bei Gremien
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steuerliche Belastung ist langfristig kalkuliert
Das Modell ist:
- rechtlich legal
- ökonomisch effizient
- demokratisch kaum greifbar
ALDI und der Staat: legal, aber politisch heikel
Das Stiftungsmodell der Albrechts ist legal.
Aber es wirft Fragen auf:
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Warum zahlen Milliardenvermögen effektiv deutlich weniger Steuern?
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Warum gibt es kaum Kontrolle über private Ausschüttungen?
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Warum gelten für Superreiche andere Spielregeln?
Die Erbersatzsteuer alle 30 Jahre wirkt wie ein Feigenblatt. Sie ist planbar, kalkulierbar – und weit entfernt von einer echten Belastung.
Ein Konzern ohne Öffentlichkeit
ALDI veröffentlicht:
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keine vollständigen Zahlen
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keine Vergütungsberichte
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keine Eigentümerstruktur
Trotzdem beeinflusst der Konzern:
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Preise
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Lieferketten
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Arbeitsbedingungen
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landwirtschaftliche Strukturen
ALDI ist systemrelevant, aber demokratisch kaum greifbar.
Warum niemand ALDI wirklich angreift
Politik, Medien, Wettbewerber – sie alle scheitern an derselben Hürde:
Intransparenz als Schutzschild.
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kein Börsenkurs
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keine Investoren
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keine Hauptversammlung
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keine öffentlichen Angriffsflächen
Wer ALDI kritisieren will, stößt ins Leere.
Fazit: Das erfolgreichste stille Imperium Europas
ALDI ist:
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wirtschaftlich brillant
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organisatorisch einzigartig
-
gesellschaftlich problematisch
Ein Konzern, der zeigt, wie weit sich wirtschaftliche Macht von öffentlicher Kontrolle entfernen kann – ohne je illegal zu werden.
Die Albrechts haben nicht nur einen Discounter erfunden. Sie haben ein System gebaut, das Macht über Generationen konserviert – und sich dabei der Öffentlichkeit entzieht.









