Während andere abreißen, baut Christian Baierl auf Bewahren. Der Vorstand der Renaissance Immobilien AG verwandelt seit über 20 Jahren verfallene Fabriken und historische Bauten in moderne Lebensräume – nachhaltig, wirtschaftlich und voller Geschichte. Im Interview erklärt er, warum Denkmalschutz für ihn kein Hindernis, sondern eine Chance ist, wie alte Mauern zum Klimaschutz beitragen und warum eine alte Kapelle auch einmal zur Studentenbar werden darf.

 

Business Leaders: Herr Baierl, während viele Projektentwickler auf Neubauten setzen, widmen Sie sich alten Gemäuern. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

Christian Baierl: Ich glaube an den intrinsischen Wert historischer Gebäude. Jedes Denkmal erzählt eine Geschichte, es hat Charakter und eine Identität, die man nicht neu erschaffen kann. Neubauten sind wichtig, aber sie sind meist austauschbar. Ein altes Fabrikgebäude, ein ehemaliges Priesterseminar oder eine historische Villa sind dagegen einmalig. Sie sind Teil unserer Städte, ihrer Kultur und unseres kollektiven Gedächtnisses. Meine Motivation ist, diesen Schatz zu bewahren und gleichzeitig in die Zukunft zu führen – mit Konzepten, die Wohnen, Arbeiten, Kultur und Gemeinschaft vereinen.

Business Leaders: Das klingt nach Idealismus. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Ihrer Arbeit?

Christian Baierl: Eine sehr große. Wir dürfen nicht vergessen: Der größte CO₂-Produzent ist die Bauwirtschaft. Abriss und Neubau verursachen enorme Mengen an Emissionen. Das nachhaltigste Gebäude ist immer das, das bereits existiert. In alten Mauern steckt sogenannte „graue Energie“ – also Ressourcen, die schon einmal aufgewendet wurden. Wenn wir sanieren, nutzen wir diese Energie weiter, verbrauchen weniger neue Rohstoffe und vermeiden Bauabfälle. Viele historische Gebäude wurden zudem aus regionalen, natürlichen Materialien wie Holz, Lehm oder Naturstein gebaut. Diese sind ökologisch wertvoller als viele heutige Baustoffe. Nachhaltigkeit bedeutet für mich also, das Vorhandene zu respektieren und intelligent weiterzuentwickeln.

 

 

Business Leaders: Gleichzeitig gelten Denkmalschutzauflagen als kompliziert. Für viele Entwickler sind sie ein Hindernis. Sie sehen das anders.

Christian Baierl: Ja, ich betrachte Denkmalschutz nicht als Bürde, sondern als Chance. Die Auflagen helfen, den Charakter eines Gebäudes zu bewahren – und genau darin liegt der Mehrwert. Authentizität lässt sich nicht konstruieren, sie ist entweder da oder nicht. Natürlich ist der Weg manchmal aufwendig: Genehmigungen dauern, man muss viel mit Behörden abstimmen. Aber wer mit Respekt vor der alten Substanz arbeitet, erlebt auch, dass die Zusammenarbeit einfacher wird. Und am Ende entsteht etwas, das nicht nur architektonisch wertvoll ist, sondern auch wirtschaftlich attraktiv. Studien zeigen, dass Mieter und Käufer historische Gebäude oft Neubauten vorziehen, weil sie mehr Charme haben.

Business Leaders: Welche technischen Herausforderungen begegnen Ihnen in der Praxis?

Christian Baierl: Da gibt es viele. Historische Bauweisen haben ihre Eigenheiten: ungedämmte Ziegelwände, einfach verglaste Fenster, nicht isolierte Dächer. Energieverluste sind vorprogrammiert. Hinzu kommt das Verhalten alter Materialien – sie sind kapillaraktiv, diffusionsoffen, reagieren ganz anders auf Feuchtigkeit als moderne Baustoffe. Fehler bei der Sanierung können zu Schimmel, Holzfäule oder Wärmebrücken führen. Deshalb ist es nicht damit getan, einfach eine Dämmschicht aufzubringen. Man braucht bauphysikalisches Feingefühl, Erfahrung mit den Materialien und eine genaue Analyse jedes Details. Nur so lässt sich ein Gebäude energetisch ertüchtigen, ohne seinen Charakter zu zerstören.

 

„Wir denken unsere Gebäude immer im Kontext der Stadt und der Gesellschaft. Eine alte Fabrik wird nicht lebendig, wenn man sie nur mit Wohnungen füllt. Es braucht Nutzungsmischungen: Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Kultur, manchmal auch Bildungseinrichtungen.“

 

Business Leaders: Können Sie uns Beispiele nennen, wo diese Philosophie sichtbar wird?

Christian Baierl: Sehr gern. Ein Beispiel ist die Pfennig-Schumacher-Fabrik in Wuppertal. Dort haben wir eine Knopffabrik von 1907 zu einem modernen „Factory Village“ umgebaut – mit Wohnungen, Co-Working-Spaces, Gemeinschaftsflächen und den historischen Schornsteinen als Identitätsträger.

Oder das ehemalige Priesterseminar in Bochum: Aus einem leerstehenden Studienkolleg ist ein Studentenwohnheim entstanden, in dem selbst die alte Kapelle eine neue Nutzung als Lernraum oder Bar erhält. Hier sieht man, wie Geschichte und Gegenwart ineinandergreifen.

Ein weiteres großes Projekt ist die Papierfabrik Wilhelmstal in Radevormwald. Sie liegt direkt am Naturschutzgebiet. Wir verfolgen dort das Konzept „Fabrik als Dorf“ – also Wohnen, Kultur und Natur in einer ganzheitlichen Symbiose. Das zeigt, wie Industriekultur, Nachhaltigkeit und Lebensqualität zusammenfinden können.

Business Leaders: Ihre Projekte gehen oft über reines Wohnen hinaus. Ist das Absicht?

Christian Baierl: Ja. Wir denken unsere Gebäude immer im Kontext der Stadt und der Gesellschaft. Eine alte Fabrik wird nicht lebendig, wenn man sie nur mit Wohnungen füllt. Es braucht Nutzungsmischungen: Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Kultur, manchmal auch Bildungseinrichtungen. Ein gutes Beispiel ist Kaiser & Dicke in Wuppertal. Dort haben wir nicht nur Lofts geschaffen, sondern auch Platz für die Hochschule der Bildenden Künste Essen und die Pina Bausch Foundation. So wird aus einer Industriebrache ein Ort für Begegnung, Kreativität und Innovation.

 

 

Business Leaders: Sie selbst kommen ursprünglich aus der Finanzbranche. Wie hat Sie das geprägt?

Christian Baierl: Meine Karriere begann im Bankwesen. Ich habe gelernt, wie Märkte funktionieren, wie man komplexe Investments strukturiert und Risiken managt. Diese Kenntnisse sind heute sehr wertvoll, weil die Sanierung denkmalgeschützter Immobilien oft mit hohen Investitionssummen verbunden ist. Gleichzeitig habe ich früh gemerkt, dass mich alte Gebäude faszinieren. Mit der Renaissance AG konnte ich beide Welten verbinden: finanzielle Expertise und Leidenschaft für Baukultur.

Business Leaders: Was treibt Sie persönlich an, diesen Weg weiterzugehen?

Christian Baierl: Es ist die Mischung aus Geschichte, Verantwortung und Zukunft. Mit jedem Projekt verlängern wir die Lebensdauer eines Kulturguts, das sonst vielleicht verschwunden wäre. Gleichzeitig schaffen wir Orte, die klimafreundlich sind und Menschen inspirieren. Ich sehe meine Arbeit nicht als reines Immobiliengeschäft, sondern als Beitrag zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Das motiviert mich – und auch mein Team. Unser Erfolg basiert darauf, dass jeder genau das tut, wofür er brennt. Diese Leidenschaft ist der Schlüssel, um die vielen Herausforderungen zu meistern.