Die Textil- und Modeindustrie steht unter erheblichem Transformationsdruck: Strengere Nachhaltigkeitsvorgaben, neue Berichtspflichten, Lieferkettenregulierungen und der Wunsch vieler Marken nach Alternativen zu Leder und fossilen Kunstfasern treiben den Wandel voran. Die SUSMATA AG setzt dabei auf einen ungewöhnlichen Rohstoff. Pflanzliche Reststoffe aus der industriellen Teeproduktion. Im Interview erklärt Gründer und CEO Erdem Dogan, wie aus Teeabfällen mit WASTEA ein serienreifer Werkstoff entsteht, warum Skalierbarkeit und industrielle Standards von Beginn an im Mittelpunkt standen und weshalb das Unternehmen neben der Modebranche zunehmend auch die Automobilindustrie als wichtigen Wachstumsmarkt adressiert.
Business Leaders: Herr Dogan, SUSMATA baut sein Geschäftsmodell auf Teeabfällen auf. Wie kam es zu dieser eher ungewöhnlichen Rohstoffwahl?
Erdem Dogan: Wir haben gezielt nach Reststoffen gesucht, die in großen Mengen anfallen, aber bislang keiner wirtschaftlichen Verwertung zugeführt werden. Bei der industriellen Teeherstellung entsteht sogenannter Teeabfall der Klasse 4, ein Nebenprodukt, das in der Türkei in nahezu unbegrenzter Menge verfügbar ist. Über eine exklusive Partnerschaft mit Çaykur, dem staatlichen türkischen Teehersteller und größten Produzenten des Landes, haben wir uns eine langfristig gesicherte Rohstoffversorgung aufgebaut. Für unsere Kunden aus der Textilindustrie ist genau das ein entscheidendes Argument: Planbarkeit und Skalierbarkeit der Lieferkette, gerade in einem Marktumfeld, das häufig von fragilen Beschaffungswegen geprägt ist.
Business Leaders: Ihr erstes marktreifes Produkt heißt WASTEA. Was zeichnet dieses Material aus?
Erdem Dogan: WASTEA ist unsere vegane Lederalternative der nächsten Generation, verfügbar als Rollenware mit durchschnittlich 500 Gramm pro Quadratmeter, also deutlich leichter als klassisches Leder und mit spürbar geringerem CO2-Fußabdruck. Je nach Anforderung liegt der Anteil biobasierter Bestandteile zwischen 25 und 85 Prozent. Das Material lässt sich einfärben, prägen, bedrucken und perforieren, wir bedienen damit ein Spektrum von sportlicher Streetwear bis zu Luxusmarken. Wichtig ist uns auch die regulatorische Seite: WASTEA ist weitgehend PVC-frei, mittelfristig wollen wir vollständig auf gesundheitsschädliche Lösungsmittel wie DMF oder Toluol verzichten. Das zahlt direkt auf REACH-Compliance und die Anforderungen des europäischen Chemikalienrechts ein.
Business Leaders: Nachhaltige Materialien gibt es viele, die meisten bleiben aber im Labormaßstab stecken. Wie haben Sie diesen Schritt in die Praxis geschafft?
Erdem Dogan: Es gibt viele interessante Materialien, die nie aus dem Labor herausgekommen sind. Wir haben von Anfang an in Serienstandards gedacht, das ist der entscheidende Unterschied. WASTEA ist bereits heute mit dem Zertifikat für sehr niedrige VOC-Werte ausgezeichnet, ein Standard, der für Innenraumtextilien und Bekleidungsmaterialien in Europa zunehmend verbindlich wird. Zugleich ist das Material hitzebeständig, wasserabweisend und antibakteriell, Eigenschaften, die für funktionale Textilien und Arbeitskleidung zählen. Die klassische Textilindustrie stellt mit Falzfestigkeit, Drapierbarkeit, Nähbarkeit und Waschbeständigkeit noch einmal andere Anforderungen, an den entsprechenden Zertifizierungen arbeiten wir derzeit intensiv.
Business Leaders: Ein prominenter Beleg für die Praxistauglichkeit ist Ihre Zusammenarbeit mit McDonald’s. Was ist daraus entstanden?
Erdem Dogan: Nach einer dreijährigen Projektphase hat uns McDonald’s mit einem Global Award für den Einsatz von WASTEA in Sitzmöbeln von Franchise-Filialen ausgezeichnet. Dafür musste das Material umfangreiche Anforderungen erfüllen, etwa bei Feuerfestigkeit, Farbechtheit, Reinigungsfähigkeit und Abriebbeständigkeit, dazu VOC- und LCA-Freigaben für verschiedene Materialqualitäten. Ein Projekt dieser Größenordnung mit einem globalen Konzern zeigt, dass unser Material im industriellen Alltag bestehen kann, nicht nur im Testlauf.
Business Leaders: Im Januar sind Sie erstmals auf der LINEAPELLE in Mailand aufgetreten, einer der wichtigsten Leitmessen für Leder und Materialien. Was hat dieser Auftritt für SUSMATA bedeutet?
Erdem Dogan: Die LINEAPELLE ist der Ort, an dem sich entscheidet, welche Materialien den Sprung aus dem Labor in den Markt schaffen. Dort treffen Designer, Einkäufer und Produktentwickler namhafter Modehäuser die Grundsatzentscheidung über die Rohstoffbasis kommender Kollektionen. Wir haben dort nicht nur Konzepte gezeigt, sondern industriefähige Materialien, die bereits Serienstandards erfüllen, WASTEA und einen Ausblick auf unsere Materialplattform VSP+. Für ein junges Material-Tech-Unternehmen war das ein strategischer Test, ob sich technologische Skalierbarkeit und Designtauglichkeit vor internationalem Fachpublikum beweisen lassen. Das war für uns eine wichtige Bestätigung.



Business Leaders: Neben WASTEA entwickeln Sie unter der Marke VSP+ weitere Materialien. Was verbirgt sich dahinter?
Erdem Dogan: VSP+ steht für Vegan Plant-Based Plus und bündelt eine neue Generation veganer, biobasierter Materialien aus industriellen Pflanzenreststoffen. Neben Teeabfällen prüfen wir dafür weitere Ausgangsstoffe wie Rosen-, Lavendel- oder Kaffeereste, jeweils mit eigenen Materialeigenschaften, die sich für unterschiedliche Markenidentitäten und Anwendungsfelder eignen. Grundlage ist eine patentierte Technologieplattform, mit der wir verschiedenste pflanzliche Abfälle systematisch verarbeiten. Produziert wird unter Reinraumbedingungen, das ist die Voraussetzung für gleichbleibende Materialqualität und Reproduzierbarkeit, ein Standard, den sowohl unsere Kunden aus der Mode- als auch aus der Automobilindustrie erwarten.
Business Leaders: Sie sprechen die Automobilindustrie an. Wie passt ein Ausgangsstoff aus der Teeproduktion in dieses Umfeld?
Erdem Dogan: Die Anforderungen an Interieur-Materialien in der Automobilindustrie ähneln in vielen Punkten denen der Textilindustrie, nur mit noch strengeren Vorgaben bei Langlebigkeit, Reinraumfertigung und Zertifizierung. Genau das macht unsere Technologieplattform für diesen Bereich interessant. Wir zeigen das im Juni auf der Fachmesse Automotive Interiors in Stuttgart, dort wollen wir demonstrieren, wie unsere Materialinnovationen ihren Weg in etablierte Industriezweige finden, über die Mode hinaus.
„Es gibt viele interessante Materialien, die nie aus dem Labor herausgekommen sind. Wir haben von Anfang an in Serienstandards gedacht, das ist der entscheidende Unterschied.“
Business Leaders: Wie schätzen Sie das Marktpotenzial für vegane Lederalternativen insgesamt ein?
Erdem Dogan: Marktbeobachtungen gehen davon aus, dass der weltweite Markt für vegane Lederalternativen bis 2034 auf fast 28 Milliarden US-Dollar wächst. Die Richtung ist eindeutig, Echtleder steht wegen Tierhaltung, Gerbverfahren und Wasserverbrauch in der Kritik, synthetische Alternativen auf fossiler Basis bleiben wegen Mikroplastik und Rohstoffabhängigkeit ebenfalls unter Druck. Die Frage ist aus unserer Sicht nicht mehr, ob sich das Material ändert, sondern wie schnell. Mit VSP+ wollen wir uns einen relevanten Anteil an diesem Wachstum sichern.
Business Leaders: Was sind die nächsten Meilensteine für SUSMATA?
Erdem Dogan: Kurzfristig arbeiten wir an den weiteren Zertifizierungen, die die klassische Textilindustrie fordert, insbesondere bei Falzfestigkeit, Drapierbarkeit und Waschbeständigkeit. Parallel bauen wir unsere Präsenz in der textilen Wertschöpfungskette weiter aus, mit Partnerschaften zu Modemarken, Herstellern und spezialisierten Zulieferbetrieben. Und mit dem Auftritt in Stuttgart setzen wir den nächsten Schritt in Richtung Automotive-Sektor. Unser Ziel bleibt, dass WASTEA und die VSP+-Plattform nicht Konzept bleiben, sondern Industriestandard werden.






