Mit 17 Jahren programmierte Niklas von Weihe seine ersten Apps. Heute verantwortet er als Director of AI bei Circus SE das gesamte KI-Portfolio des Unternehmens – von Visual Intelligence und Edge AI bis hin zu strategischen Partnerschaften mit Meta und NVIDIA. Im Interview spricht er über die nächste Generation intelligenter Robotersysteme, die Zukunft der Arbeit und seinen Weg vom App-Entwickler zum KI-Unternehmer.
Business Leaders: Herr von Weihe, Sie verantworten bei Circus SE das gesamte KI-Portfolio. Was genau machen Sie dort?
Niklas von Weihe: Ich bin für die Entwicklung und strategische Ausrichtung aller KI-Systeme bei Circus verantwortlich. Dazu gehören unsere Visual-Intelligence-Plattform, Edge-AI-Systeme direkt im Roboter sowie Partnerschaften mit Technologieunternehmen wie Meta und NVIDIA. Vereinfacht gesagt arbeiten wir daran, dass unsere Robotersysteme ihre Umgebung nicht nur wahrnehmen, sondern verstehen, Entscheidungen treffen und künftig immer autonomer handeln können.
„Wir bauen Roboter, die ihre Umgebung verstehen“
Business Leaders: Sie sprechen häufig über „Visual Intelligence“. Was verbirgt sich dahinter?
Niklas von Weihe: Der CA-1 verfügte von Anfang an über mehrere Kameras. Das Problem war, dass die erzeugten Daten kaum genutzt wurden. Bei ersten Einsätzen haben wir versucht, die Videoströme in die Cloud zu übertragen. Das Ergebnis war ernüchternd, das Netzwerk eines gesamten Marktes wurde überlastet, teilweise waren sogar Zahlungsprozesse betroffen. Daraus entstand die klare Erkenntnis, dass die Intelligenz direkt im Gerät stattfinden muss.
Deshalb haben wir NVIDIA-Hardware direkt in den Roboter integriert. Heute laufen sämtliche KI-Modelle lokal auf dem System. Die Reaktionszeiten liegen im einstelligen Millisekundenbereich, und die Videodaten verlassen den Roboter nicht mehr.
Business Leaders: Was kann das System heute bereits leisten?
Niklas von Weihe: Das System erkennt heute in Echtzeit, wenn im Betrieb etwas nicht stimmt. Das kann eine falsch platzierte Verpackung sein, eine Verschmutzung oder ein zu niedriger Füllstand eines Behälters. Der Operator erhält sofort eine Benachrichtigung und kann eingreifen.
Noch spannender ist jedoch der nächste Entwicklungsschritt. Wir arbeiten daran, dass der Roboter Probleme nicht nur erkennt, sondern selbst behebt. Das System erstellt dabei ein dreidimensionales Modell seiner Umgebung, identifiziert die Ursache und gibt dem Roboterarm präzise Anweisungen für die Korrektur. Damit bewegen wir uns in Richtung echter Autonomie.
Warum Physical AI andere Anforderungen stellt
Business Leaders: Was macht die Implementierung von KI in Robotik besonders anspruchsvoll?
Niklas von Weihe: Unsere Systeme arbeiten nicht in einer simulierten Umgebung, sondern im realen Betrieb. Sie müssen mit Ausnahmen, Veränderungen und unvorhersehbaren Situationen umgehen können. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Robustheit und Zuverlässigkeit unter realen Bedingungen sicherzustellen.
Unsere KI lebt weder in der Cloud noch auf Präsentationsfolien. Sie ist direkt in autonome Robotersysteme eingebettet, die rund um die Uhr operieren. Deshalb müssen die Modelle nicht nur intelligent sein, sondern vor allem stabil und belastbar.
Business Leaders: Welche Rolle spielt dabei Edge AI?
Niklas von Weihe: Edge AI ist die Voraussetzung dafür, dass Physical AI überhaupt skalieren kann. Wenn jede Entscheidung über die Cloud laufen würde, wären Latenzen, Verbindungsabbrüche und Datenschutzfragen ein permanentes Problem. Deshalb verlagern wir die Rechenleistung direkt in den Roboter. Das sorgt für Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Datensicherheit zugleich.
Die strategische Rolle von NVIDIA
Business Leaders: NVIDIA gilt als Schlüsselpartner vieler KI-Unternehmen. Warum auch für Circus?
Niklas von Weihe: Physical AI benötigt enorme Rechenleistung direkt am Einsatzort. Ein autonomer Roboter muss verschiedene KI-Modelle gleichzeitig betreiben, z.B. Bildverarbeitung, Vision-Language-Modelle oder große Sprachmodelle.
Wenn man versteht, wie Physical AI skaliert, landet man zwangsläufig bei NVIDIA. Die Jetson-Thor-Plattform ist derzeit die einzige Lösung, die unseren Anforderungen für die kommenden Jahre gerecht wird. Ein Robotersystem, das in industriellen oder sicherheitskritischen Umgebungen arbeitet, kann man nicht alle zwei Jahre austauschen. Die Hardware muss langfristig leistungsfähig bleiben.
KI auf der Brille
Business Leaders: Mit Circus OperatorAI haben Sie eine Open-Source-Anwendung für die Meta-Ray-Ban-Brille entwickelt. Warum passt das zu einem Robotikunternehmen?
Niklas von Weihe: Meta hat vor Kurzem den Entwicklerzugang für Kamera und Mikrofon geöffnet. Für Entwickler ist das ein entscheidender Schritt. Auf einmal kann KI nicht nur zuhören, sondern auch sehen.
Über das Early-Access-Programm gehörten wir zu den ersten Entwicklern mit Zugriff auf diese Funktionen. Die Idee hinter OperatorAI war einfach, wir wollten das gesamte Wissen über den Betrieb eines Robotersystems jederzeit verfügbar machen. Die Brille wird zum digitalen Experten, der jeden Fehler, jede Wartungsanleitung und jeden Prozess kennt.
Business Leaders: Welche Möglichkeiten eröffnet die neue Generation der Brille mit integriertem Display?
Niklas von Weihe: Mit der ersten Version konnte ein Operator sprechen und zuhören. Mit der neuen Generation sieht er zusätzlich Anweisungen, Referenzbilder und Diagnosedaten direkt im Sichtfeld. Das verändert die Art, wie Menschen mit komplexen technischen Systemen interagieren.
Viele industrielle Anwendungsfälle für solche Geräte befinden sich noch ganz am Anfang. Deshalb ist es wichtig, früh Erfahrungen zu sammeln und Standards mitzugestalten.
Business Leaders: Die Meta Ray-Ban gilt bislang vor allem als Consumer-Produkt. Welche Anwendungsfälle haben sich bei Circus im Alltag als besonders relevant erwiesen?
Niklas von Weihe: Der größte Use Case ist die Küche und der wird sofort verständlich, wenn man dort einmal gearbeitet hat. Wer mit Lebensmitteln hantiert, darf kein Handy anfassen. Die Brille ersetzt dieses Gerät vollständig. Ein Operator sagt beispielsweise „Tomaten vorbereiten“, die KI prüft den Bedarf, berechnet die benötigte Menge, der Operator legt die Ware auf die Waage und die KI verifiziert das Gewicht per Kamera und druckt automatisch das passende Label. Kein Gerät muss berührt werden.
Zusätzlich läuft permanent eine visuelle Qualitätskontrolle mit. Wenn jemand „Gurken“ sagt, aber versehentlich nach Tomaten greift, erkennt die KI den Fehler sofort und korrigiert ihn. Dadurch entstehen deutlich weniger Bedienfehler im laufenden Betrieb.
Business Leaders: Welche Rolle spielt die Brille bei Schulung, Support und Wissensmanagement?
Niklas von Weihe: Für uns war entscheidend, dass das gesamte Betriebswissen jederzeit verfügbar ist. In der Brille steckt das komplette CA-1-Handbuch, sämtliche dokumentierten Incidents und alle relevanten Prozesse. Wenn etwas nicht funktioniert, kann der Operator einfach fragen. Die KI analysiert die verfügbaren Systemdaten und den Kamerafeed und schlägt unmittelbar konkrete Lösungswege vor.
Das spart Zeit, weil niemand mehr zu einem Tablet laufen oder Dokumentationen durchsuchen muss. Gleichzeitig profitieren internationale Teams davon. Unsere Operator arbeiten in unterschiedlichen Ländern und sprechen verschiedene Sprachen. Deshalb war Mehrsprachigkeit von Anfang an eine Grundvoraussetzung. Über die OpenAI Realtime API versteht und spricht das System zahlreiche Sprachen und Akzente. Für Mitarbeiter, die keine Brille tragen möchten, testen wir außerdem AirPods als Alternative. Die Assistenzfunktion bleibt dieselbe, lediglich der visuelle Kontext über die Kamera entfällt.
Die nächste Evolutionsstufe intelligenter Systeme
Business Leaders: Worauf arbeiten Sie als Nächstes hin?
Niklas von Weihe: Wir wollen die Intelligenz unserer gesamten globalen Roboterflotte als ein zusammenhängendes System skalieren. Je mehr Roboter im Einsatz sind, desto mehr Daten stehen zur Verfügung und desto besser werden die Modelle.
Dazu gehören ein besseres Verständnis von Nachfragemustern, eine proaktive Optimierung des Betriebs und langfristig auch hochpersonalisierte Ernährungsempfehlungen auf Basis individueller Gesundheitsdaten – etwa aus Smartphones oder Wearables.
Das Ziel ist einfach formuliert, nicht der Mensch soll sich an das Essen anpassen, sondern das Essen an den Menschen.
KI verändert die Arbeitswelt
Business Leaders: Sie sagen, KI gleiche die Unterschiede zwischen erfahrenen und jungen Entwicklern zunehmend aus. Warum?
Niklas von Weihe: Weil heute viele Menschen mit denselben Werkzeugen arbeiten. Die Frage ist weniger, wer den längsten Lebenslauf hat, sondern wer KI am effektivsten einsetzen kann.
Natürlich verfügen erfahrene Entwickler über mehr Kontextwissen und analytische Erfahrung. Gleichzeitig bringen junge Talente oft eine enorme Geschwindigkeit und Lernbereitschaft mit. Entscheidend wird sein, wer KI als Verstärker seiner Fähigkeiten versteht und konsequent nutzt.
Business Leaders: Sie sprechen von einer exponentiellen Entwicklung Richtung Superintelligenz. Warum verläuft die gesellschaftliche Adoption trotzdem vergleichsweise langsam?
Niklas von Weihe: Weil die technische Entwicklung inzwischen schneller ist als die organisatorische und kulturelle Anpassung. Die Technologie ist bereits da. Was Zeit braucht, ist die Adaption in Unternehmen, Behörden und der Gesellschaft.
Gerade darin liegt aber die Chance. Wer heute skaliert, baut einen Vorsprung auf, den andere später nur schwer aufholen können.
Business Leaders: Was unterscheidet einen automatisierten von einem intelligenten Roboter?
Niklas von Weihe: Ein automatisierter Roboter führt aus, was man ihm sagt. Ein intelligenter Roboter erkennt dagegen, wenn etwas nicht stimmt – auch wenn dieser Fall nie programmiert wurde. Er sammelt Kontextinformationen, bewertet die Situation und handelt eigenständig.
Der nächste Schritt ist, dass solche Systeme Fehler nicht nur erkennen, sondern selbst beheben. Daran arbeiten wir.



Vom App-Entwickler zum Unternehmer
Business Leaders: Sie haben bereits mit 17 Jahren Apps entwickelt und im App Store veröffentlicht. Was hat Sie damals angetrieben?
Niklas von Weihe: Ich habe immer versucht, meine eigenen Probleme zu lösen. Meine erste App war ein Fahrkostenrechner. Die zweite entstand, weil meine Mutter mich ständig fragte, ob sie bestimmte E-Mail-Anhänge öffnen könne oder nicht. Also habe ich einen Virenscanner entwickelt und in den App Store gestellt.
Plötzlich hatte ich als Achtzehnjähriger monatliche Einnahmen von rund 5.000 Euro. Das war der Moment, in dem ich verstanden habe, wenn man ein echtes Problem löst, findet man Nutzer oft ganz ohne große Marketingstrategie.
Business Leaders: Während Ihres Studiums arbeiteten Sie bei Lufthansa Industry Solutions und entwickelten parallel eigene Produkte. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?
Niklas von Weihe: Sehr stark. Bei Lufthansa Industry Solutions habe ich gelernt, wie große Unternehmen Entscheidungen treffen und wie man internationale Projekte steuert. Ich habe mit Kunden wie Volkswagen, Lufthansa Technik oder Harper Lloyd gearbeitet und internationale Roll-outs begleitet.
Dort lernt man Dinge, die in keinem Startup-Lehrbuch stehen, wie Teamführung, Stakeholder-Management und die Realität von Enterprise-Projekten. Gleichzeitig habe ich meine eigenen Anwendungen weiterentwickelt. Diese Kombination aus Konzernwelt und Unternehmertum war später extrem wertvoll.
Silicon Valley als prägende Erfahrung
Business Leaders: Ihr zweites Startup entstand im Facebook-Accelerator FbStart. Wie kam die Verbindung ins Silicon Valley zustande?
Niklas von Weihe: Ich war früh auf der Apple WWDC und der Facebook F8 in den USA. Durch familiäre Verbindungen nach San Diego und San Francisco war das Silicon Valley für mich nie eine ferne Welt, sondern eher ein natürlicher Bezugspunkt.
Als Facebook sein Accelerator-Programm FbStart startete, war das für mich der nächste logische Schritt. Seitdem arbeite ich inzwischen seit rund neun Jahren mit Meta zusammen. Dieses Netzwerk gehört heute sicherlich zu meinen wichtigsten Ressourcen.
Business Leaders: Welche Bedeutung hat dieses Netzwerk heute für Circus?
Niklas von Weihe: In der Technologiebranche entstehen viele Entwicklungen lange bevor sie öffentlich sichtbar werden. Wer über Jahre mit Entwicklern, Produktteams und politischen Entscheidungsträgern zusammenarbeitet, bekommt häufig früh Einblicke in neue Plattformen und Möglichkeiten.
Für Circus bedeutet das, dass wir technologische Trends oft sehr früh erkennen und bewerten können. Das verschafft wertvolle Zeit bei der Entwicklung neuer Produkte.
Der Weg über FULLY AI zu Circus
Business Leaders: Mit FULLY AI haben Sie schließlich einen Exit an Circus SE vollzogen. Wie kam es dazu?
Niklas von Weihe: FULLY AI war ursprünglich ein KI-basierter Sales-Agent. Einer unserer Kunden war BMW. Dort ging es um die Frage, wie man Fahrzeuge direkt online verkaufen kann, ohne auf die Beratungsqualität eines menschlichen Verkäufers zu verzichten.
Wir entwickelten einen digitalen Avatar, der die technische Tiefe eines Ingenieurs mit den Kommunikationsfähigkeiten eines Spitzenverkäufers verbindet. Das System konnte gleichzeitig tausende Gespräche führen und aus jedem einzelnen lernen.
Irgendwann stellte Circus die Frage, ob sich diese Technologie auch für Robotik einsetzen ließe. Für mich war die Antwort schnell klar. Die Kombination aus KI und Physical AI war die größere Herausforderung – und die größere Chance. Deshalb fiel die Entscheidung am Ende zugunsten der Robotik.








