Die ASG Energie AG aus Köthen entwickelt Solarparks in Mitteldeutschland und will sie künftig selbst betreiben. Finanzvorstand Christof Schmieg über eine Gründung aus einer bestehenden Projektpipeline heraus, warum jede neue Anlage einen Batteriespeicher bekommt und wie die Anleihe der ASG EnergieInvest konkrete Projekte wie Großpaschleben finanzieren soll.

Business Leaders: Herr Schmieg, wie ist die ASG Energie AG entstanden?

Christof Schmieg: Sie geht auf die ASG Engineering GmbH zurück, die Jan Wecke 2007 mit einem Partner in Köthen gegründet hat. Die beiden haben mit Dachanlagen angefangen und später Freiflächenanlagen gebaut. 2018 begann eine Kooperation mit der UmweltBank, bei der ich damals noch war. Die Bank wollte über ihre Tochter UmweltProjekt Solarparks nicht nur finanzieren, sondern selbst betreiben, und einer der Partner war Jan Wecke.

Später hat er mich angesprochen. Er hatte im Osten eine große Pipeline aufgebaut und konnte sie allein nicht mehr umsetzen. Daraus entstand die Idee, zuerst gezielt ein Managementteam zu suchen, das ein Unternehmen aufbauen und skalieren kann, und erst danach Mitarbeiter einzustellen. So wurde die ASG Energie AG gegründet, anfangs unter dem Arbeitstitel ASG Versum. Viele Projekte, die jetzt baureif werden, hat Jan Wecke akquiriert und eingebracht.

 

Business Leaders: Wer gehört zu diesem Managementteam?

Christof Schmieg: Fast alle kommen aus der Finanzierung erneuerbarer Energien. André Hückstädt hat bei der UmweltBank den Kreditbereich mit aufgebaut und ist seit 1997 in der Branche. Thomas Benz, der bei uns die Projektentwicklung verantwortet, leitete dort die Solarfinanzierung. Florian Furtlehner hat bei der DKB die technische Prüfung der finanzierten Photovoltaikanlagen verantwortet. Ich selbst arbeite seit 2007 in diesem Bereich.

Bewusst dazugeholt haben wir mit Radenko Krpelj einen Quereinsteiger aus der Geldautomatenbranche. Er ist sehr prozessgetrieben, und dieser Blick von außen tut einem Team gut, das schon so lange dabei ist. Heute sind wir 25 Personen. Alle Vorstände und Geschäftsführer sind zugleich Aktionäre.

 

Business Leaders: Warum eine Aktiengesellschaft? Ist ein Börsengang geplant?

Christof Schmieg: Nein, einen IPO haben wir nicht vor. Die AG war für uns die einfachste Form, Anteile zu verteilen und unterschiedliche Stimmrechte abzubilden. Die Aktien liegen bei den Menschen, die im Unternehmen mitarbeiten. Einen reinen Finanzaktionär haben wir nicht, und so soll es vorerst bleiben.

 

Business Leaders: Sie verstehen sich nicht nur als Entwickler, sondern auch als Betreiber. War das von Anfang an der Plan?

Christof Schmieg: Ja. Ursprünglich wollten wir kein Projekt verkaufen, sondern alle Anlagen selbst betreiben und aus den Überschüssen unsere Kosten tragen. Die Realität ist anspruchsvoller. Banken finanzieren heute nicht mehr nahezu die gesamten Kosten einer Anlage, sondern verlangen 20 bis 30 Prozent Eigenkapital.

Deshalb haben wir eine Kooperation im E.ON-Umfeld geschlossen und dabei einen großen Teil unseres Portfolios abgegeben. Aus den Einnahmen dieser Kooperation und dem Kapital der Anleihe realisieren wir jetzt Anlagen für den eigenen Bestand. Die ersten Projekte gehen gerade in den Bau.

 

Business Leaders: Warum bekommt jede neue Anlage einen Speicher?

Christof Schmieg: Reine Photovoltaik ist wegen der vielen Stunden mit negativen Strompreisen kaum noch wirtschaftlich darstellbar. Im Moment bauen wir deshalb keine Photovoltaikanlage ohne Speicher. Wir setzen auf Grünstromspeicher: Sie laden ausschließlich aus der eigenen Solaranlage und speisen abends ein, wenn die Preise höher sind. Das ist klassische Arbitrage im Day-Ahead- und Intraday-Handel.

Ein Standardcontainer hat etwa 2,5 Megawatt Leistung und 5 Megawattstunden Kapazität. Er steht in der Regel auf derselben Fläche wie der Solarpark.

 

Business Leaders: Woher kommen die Speicher, und wie kalkulieren Sie diese?

Christof Schmieg: Die Speicher stammen fast alle von chinesischen Herstellern, weil sie die besten Preise bieten. Bei Photovoltaik lässt sich der Ertrag gut abschätzen, bei Speichern brauchen wir Strompreisszenarien. Unsere eigenen Prognosen akzeptieren die Banken nicht. Deshalb kaufen wir Studien spezialisierter Anbieter zu, die den Strompreis stundengenau bis 2060 modellieren. Zusammen mit externen Ertragsgutachten für die Solaranlage ergibt das die Erlösprognose eines Projekts.

 

Business Leaders: Wie lange laufen solche Anlagen?

Christof Schmieg: Photovoltaikanlagen und Pachtverträge sind auf mindestens 30 Jahre ausgelegt. Grünstromspeicher durchlaufen weniger Ladezyklen als Speicher, die aus dem Netz laden, und halten etwa 15 bis 20 Jahre. Man kann einen Solarpark mit einer Immobilie vergleichen: Ist der Standort langfristig gesichert, wird irgendwann modernisiert, der Speicher getauscht und die Anlage repowert. Strom wird auch in 50 Jahren gebraucht. Offen ist nur, zu welchem Preis.

 

Business Leaders: Nach welchen Kriterien wählen Sie Standorte aus?

Christof Schmieg: Wir konzentrieren uns auf Mitteldeutschland, weil die ASG in Köthen verwurzelt ist und dort viele Kontakte hat. Für jede Fläche gibt es eine lange Checkliste. Liegt sie in der Flächenkulisse des EEG, etwa im 500-Meter-Streifen entlang einer Autobahn oder auf einer Industriebrache? Gibt es Naturschutzauflagen? Ist der Netzanschluss erreichbar? 30 Kilometer Kabel rechnen sich nicht.

Vor allem muss die Gemeinde das Projekt wollen. Wir setzen nichts gegen den Willen einer Gemeinde durch, auch wenn das bei privilegierten Vorhaben rechtlich möglich wäre. Man ist schließlich 30 Jahre miteinander unterwegs. Viele Flächen fallen bei dieser Prüfung heraus.

 

Business Leaders: Agri-PV gilt als Kompromiss zwischen Landwirtschaft und Energie. Ist das für Sie ein Thema?

Christof Schmieg: Wir bauen ausschließlich klassische Freiflächenanlagen. Von Agri-PV halten wir wenig. Die Anlagen müssen höher gebaut werden, die Statik ist aufwendiger und die Kosten sind deutlich höher. Vor allem bringen sie weniger Leistung auf die Fläche. Konzentriert aufgestellte Module brauchen für dieselbe Leistung weniger Land.

Unter einem Solarpark wird nicht gespritzt und nur zweimal im Jahr gemäht. In den Parks siedeln sich eher mehr Arten an als vorher. Versiegelt wird kaum etwas, weil die Gestelle auf wenigen schmalen Pfosten stehen. Theoretisch lässt sich ein Park nach 30 Jahren rückstandslos zurückbauen.

 

Business Leaders: Wie wichtig ist das EEG für Ihr Geschäftsmodell?

Christof Schmieg: Zentral. Wir konzentrieren uns auf Projekte, die an den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur teilnehmen können, und haben fast ausschließlich solche. Außerhalb davon bräuchte man einen individuellen Stromliefervertrag mit einem Abnehmer. Die Bank müsste dann dessen Bonität über viele Jahre bewerten. Sie würde einen so hohen Risikoabschlag machen, dass die geforderte Eigenkapitalquote schnell von 25 auf 50 Prozent steigt. Das ist für uns nicht darstellbar.

 

Business Leaders: Das EEG wird gerade novelliert. Wie bewerten Sie das?

Christof Schmieg: Jede Novelle ist spannend. Ich habe bei der UmweltBank erlebt, wie eine EEG-Reform die ganze Branche einbrechen ließ. Die aktuelle Novelle trifft nach meiner Einschätzung vor allem kleine Anlagen. Für Freiflächen sollen die Ausschreibungsvolumina deutlich steigen, was eher zu höheren Zuschlagswerten führen dürfte.

Wichtig ist uns, dass das neue Modell mit Differenzverträgen für Banken leicht nachzurechnen ist. Wir brauchen Banken, die finanzieren. Übergewinne haben wir ohnehin nie eingeplant, sondern mit dem kalkulierten Vergütungssatz gerechnet.

 

Business Leaders: Wie wird ein einzelnes Projekt finanziert?

Christof Schmieg: Jede Anlage liegt in einer eigenen Projektgesellschaft. Dort finanziert eine Projektbank den Großteil als vorrangiges Darlehen. Wir arbeiten etwa mit der UmweltBank, der DKB, der GLS Bank und der Deutschen Anlagen-Leasing zusammen. Die Bank erhält als Sicherheit nur die Anlage und die Stromerlöse. Sie schlägt auf die Betriebskosten rund 20 Prozent auf und zieht von den Erlösprognosen rund 20 Prozent ab.

Daraus ergibt sich ein Eigenkapitalbedarf von 25 bis 30 Prozent. Diesen Teil bringt die ASG EnergieInvest über die Anleihe auf. Wirtschaftlich übernimmt sie damit die Rolle von Mezzanine-Kapital. Zinsen und Rückzahlung der Anleihe sollen aus den Überschüssen kommen, die nach Bedienung der Bank verbleiben.

 

Business Leaders: Sämtliche Projekte hängen unter einer einzigen Emittentin. Warum?

Christof Schmieg: Viele Marktteilnehmer gründen für jede Emission eine neue Gesellschaft und hängen drei oder vier Projekte darunter. Wir haben das umgedreht: Unsere gesamte Projektpipeline liegt unter der ASG EnergieInvest. Das hat Vor- und Nachteile. Anleger haben die ganze Pipeline im Blick, zugleich wirkt sich ein Problem in einem Bereich auf die gesamte Gesellschaft aus. Dass wir dafür rund 40 Gesellschaften brauchen, liegt daran, dass jede Photovoltaikanlage eine eigene Projektgesellschaft hat.

 

Business Leaders: Was unterscheidet die aktuelle Anleihe von den früheren?

Christof Schmieg: Die erste Anleihe war eine Projektentwicklungsanleihe, mit der wir Planung und Entwicklung finanziert haben. Sie läuft bis 2028. Die zweite war ein Test mit derselben Struktur als Kryptowertpapier mit kleiner Stückelung.

Die Anleihe 2026/2032 ist eine reine Projektanleihe. Das Geld fließt in die Umsetzung konkreter Projekte aus dem Prospekt, etwa Großpaschleben, wo wir rund eine Million Euro Eigenkapital einsetzen. Die Projekte sind so kalkuliert, dass sie dieses Eigenkapital innerhalb der sechs Jahre Laufzeit zurückführen sollen. Kürzlich haben wir zudem einen Zuschlag für ein Projekt in Baden-Württemberg erhalten, das bei Erstellung des Prospekts noch nicht absehbar war.

 

Business Leaders: Wie lange dauert es vom ersten Kontakt bis zum laufenden Park?

Christof Schmieg: Zwischen anderthalb und vier Jahren. Im Regelfall braucht es einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan mit mehreren Beteiligungsrunden und einem Satzungsbeschluss der Gemeinde. Das dauert meist vier Jahre. Privilegierte Vorhaben, etwa entlang von Autobahnen, brauchen nur eine Baugenehmigung und gehen deutlich schneller. Diesen Streifen hat der Gesetzgeber von 200 auf 500 Meter erweitert.

 

Business Leaders: Wo soll die ASG in zehn Jahren stehen?

Christof Schmieg: Ursprünglich wollten wir bis 2034 ein Gigawatt Photovoltaik im eigenen Bestand betreiben. Das entspräche einer Gesamtinvestition von grob zwei Milliarden Euro. Weil Speicher inzwischen wirtschaftlich sind, haben wir das Ziel erweitert. Bis 2034 beziehungsweise 2036 wollen wir rund vier Gigawatt an Erzeugungs- und Speicherkapazität im eigenen Bestand aufbauen.