Thole Rotermund (53), seit 2000 selbständiger Kunsthändler in Hamburg und seit 2013 Schatzmeister des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. in Berlin Kreuzberg, findet, dass sich der Kunstmarkt und der Aktienmarkt gar nicht so unähnlich sind.

Das erzählte er am 28. Juli 2021 dem Münchener Magazin für professionelle Investoren Citywire.de.

Der Hamburger Kunsthändler Thole Rotermund ist seit 2013 Schatzmeister des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. aus Berlin Kreuzberg © Pressefoto Bvdg.de

Der Hamburger Kunsthändler Thole Rotermund ist seit 2013 Schatzmeister des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. aus Berlin Kreuzberg © Pressefoto Bvdg.de

Thole Rotermund – Da gibt es die Vergänglichen.

Rotermund: „Generell kann man davon ausgehen, dass 90 Prozent der Künstler, die derzeit auf dem Markt sind, in ungefähr fünf bis zehn Jahren überhaupt keine Rolle mehr spielen werden. Im Bereich der Gegenwartskunst ist das ganz normal.“

Und da gibt es die Unvergänglichen – die Blue Chips.

Rotermund: „Dazu gehören Vertreter der klassischen Moderne oder der alten Kunst, bei denen sich die Preisgefüge innerhalb der vergangenen 200 Jahre gebildet haben. Das steht wiederum im krassen Gegensatz zur Gegenwartskunst, die teilweise unglaublich starken Schwankungen unterliegt.“

Ein solcher Kunst-Blue-Chip ist die Zeichnung „Schlafendes Mädchen“ von Karl Hofer (1878 in Karlsruhe – 1955 in Berlin).

Das Schaffen des deutschen Malers und Grafikers Karl alias Carl Hofer nimmt eine Sonderstellung in der Klassischen Moderne ein, denn es lässt sich weder dem Expressionismus noch der Neuen Sachlichkeit zuordnen.

Karl Hofer (1878–1955) Schlafendes Mädchen, um 1925, Bleistift, partiell gewischt, auf Velin, 41,8 × 62,2 cm, unten rechts monogrammiert: CH, Preis: 38.000 Euro © rotermund-kunsthandel.de/de/publications

Karl Hofer (1878–1955) Schlafendes Mädchen, um 1925, Bleistift, partiell gewischt, auf Velin, 41,8 × 62,2 cm, unten rechts monogrammiert: CH, Preis: 38.000 Euro © rotermund-kunsthandel.de/de/publications

Die Zeichnung ist für Thole Rotermund ein gutes Beispiel, wie der Kunstmarkt funktioniert.

„Schlafendes Mädchen“ war vor 21 Jahren Rotermunds erstes Kunstwerk als Kunsthändler, es kehrte zu ihm zurück und steht heute wieder zum Verkauf für 38.000 Euro.

In seiner Erstlingsausgabe seines gerade erschienenen Hamburger Magazins „Einblicke“ plaudert Rotermund aus dem Nähkästchen, wie der Kunstmarkt funktioniert:

Tatsächlich wieder auf einer Grisebach-Auktion entdeckte ich das „Schlafende Mädchen“ und war total fasziniert. Dieser großartige bewegte Bleistiftstrich, der teils etwas vollkommen Freies, Abstraktes, Wolkenartiges, teils eine altmeisterlich wirkende Stofflichkeit erzeugt!

Diese Anmutung der Figur – schwebend, wie in einem vom Hier und Jetzt losgelösten Zustand!

So war ich beim Bieten weit über mein Limit hinausgeschossen, aber erfolgreich. Finanziell am Ende und glücklich.

Gott sei Dank sollte es nicht lange dauern, bis ich durch einen Zufall von einem Sammlerehepaar erfuhr, die etwas „typisch Klassisch-Modernes, aber nicht zu aufdringlich“ suchten.

Ich fuhr mit dem Bild dorthin, es fand Gefallen.

Und so wurde es der erste Verkauf meiner frischen Kunsthändler-Karriere!

Immer wieder musste ich seitdem an diese tolle Zeichnung denken, etwas Vergleichbares hatte ich selten im Bestand.

Knapp 20 Jahre später half das Schicksal nach: An einem Abend in einem fernen Restaurant saß ich im kleinen Kreis beim Essen, als sich eine einzelne Dame an den Nachbartisch setzte. Irgendwie erschien sie mir bekannt. Und tatsächlich, nach einem kurzen Geplänkel, war mir klar: Es war die Käuferin meiner „Schlafenden“.

Nachdem sie erfuhr, dass mich das Bild bis heute beschäftigt, forderte sie mich auf: „Machen
Sie mir doch ein Angebot.“

Ihre Lebensumstände hatten sich verändert, sie war Witwe geworden und wollte aus Deutschland wegziehen. Wir wurden uns schließlich einig, und seitdem hat die schöne „Schlafende“ wieder bei mir ein Zuhause gefunden.

Bis sich erneut ein Liebhaber findet – das ist der spannende Kreislauf der Kunst, ein Bild
gehört einem nie allein…

Maler und Zeichner Karl oder auch Carl Hofer (1878 in Karlsruhe – 1955 in Berlin), ehemaliger Direktor der Berliner Kunsthochschule und ehemaliger Präsident des Deutschen Künstlerbundes © Offizieller Nachlassverwalter VAN HAM Kunstauktionen GmbH & Co. KG, Köln, van-ham.com/de/Kuenstler/Karl-Hofer

Maler und Zeichner Karl oder auch Carl Hofer (1878 in Karlsruhe – 1955 in Berlin), ehemaliger Direktor der Berliner Kunsthochschule und ehemaliger Präsident des Deutschen Künstlerbundes © Offizieller Nachlassverwalter VAN HAM Kunstauktionen GmbH & Co. KG, Köln, van-ham.com/de/Kuenstler/Karl-Hofer

Und was empfiehlt der Kunst-Händler Thole Rotermund Kunst-Einsteigern? Wären Kunstauktionen ein guter Anfang?

Thole Rotermund: „Bloß nicht! Die sind etwas für Fortgeschrittene. Wer noch keine festen Preisvorstellungen hat, lebt bei Auktionen gefährlich. Da kann es ganz schnell passieren, dass man sich vom Bieter­rausch mitreißen lässt, fleißig mitsteigert und dabei den tatsächlichen Wert völlig aus den Augen verliert. Und nicht vergessen: Auf den Zuschlag kommen noch um die 30 Prozent an Gebühren.“

Der Hamburger Kunsthändler Thole Rotermund ist seit 2013 Schatzmeister des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. aus Berlin Kreuzberg © Pressefoto Bvdg.de

Thole Rotermund © Pressefoto Bvdg.de

Sein Rat für Anfänger:

„Es reicht nicht, lediglich in einen Künstler oder in eine Kunstrichtung zu investieren. Wer Kunst als bloßes Investment sieht, muss sich multidisziplinär aufstellen.“

 

Wo fange ich da als Investor am besten an?

Thole Rotermund: „Kunstmessen wie TEFAF, Frieze, Art Cologne oder die Highlights in München sind super, um sich erst mal einen Überblick zu verschaffen. Machen Sie sich auch Gedanken über den preislichen Rahmen: Wie viel möchte ich eigentlich ausge­ben? Und welche Kunstrichtung interessiert mich überhaupt? Galeristen und Kunsthändler kommen erst dann ins Spiel, wenn Sie sich über diese Punkte im Klaren sind.“

„Was halten Sie von dem Hype um digitale Kunst?“, wollte Citywire.de wissen.

Rotermund: „Finde ich total überzogen. Beeples Collage, die bei der Versteigerung knapp 70 Millionen US-Dollar erzielt hat, mag zwar aktuell das heißeste Ding in der Kunstszene sein, aber ob dieser Erfolg nachhal­tig ist, wage ich zu bezweifeln. Was da momentan so hochgejubelt wird, ist ja auch nicht das Werk als solches, sondern das Konzept dahinter.“

Citywire.de: „Sie meinen Non-Fungible Tokens oder NFTs, die den wahren Besitzer eines virtuellen Objekts ausweisen?“

Rotermund: „Richtig. Beeples digitales Mosaik ist ja im Prinzip nichts anderes als eine Datei, die öffentlich zugäng­lich ist und beliebig oft kopiert werden kann – „Pop Art at its very best“, wenn Sie so wollen. Andy War­hol hätte seine helle Freude daran gehabt. Der NFT macht aber nicht das Werk so einmalig, sondern lediglich die Originaldatei, für die er als Echtheits­zertifikat fungiert.“

Wie viel hat das noch mit Kunst zu tun?

Rotermund: „Das ist die Frage. Viele sehen in NFTs bereits einen neuen Investmentmarkt, der von der eigentlichen Kunstszene abgekoppelt ist. Was letzten Endes verkauft wird, ist ja nicht das Werk an sich, sondern der Token.“

Mit den digitalen Zwillingen eines Kunstwerks hat sich Business-Leaders.net hier etwas näher beschäftigt.

Über Thole Rotermund:

Rotermund (*1967) studierte Kunstgeschichte in Hamburg, San Francisco und München. Von 1997 bis 2000 arbeitete er als Experte für Moderne Kunst im Berliner Auktionshaus Villa Grisebach. Im Jahr 2000 machte er sein Interesse für Arbeiten auf Papier und Zeichnungen der Klassischen Moderne zur Profession und gründete in Hamburg eine entsprechend spezialisierte Kunsthandlung: Thole Rotermund Kunsthandel, Koppel 38, ein paar Blocks neben der Hamburger Kunsthalle in Sankt Georg an der Außenalster. Seit 2013 ist Rotermund Schatzmeister des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. in Berlin Kreuzberg. Der passionierte und vielfach engagierte Kunsthändler ist Anlaufpunkt für internationale Sammler und Museumskuratoren. (FM)