Katrin Nitsche steuert bei der ASG-Energie-Gruppe Liquidität, Finanzierung und die Gesellschaftsstruktur. Die Geschäftsführerin der ASG EnergieInvest GmbH über ihren Wechsel aus der Sparkasse in die Solarbranche, Risiken, die ein Projekt noch spät kippen können, und warum Banken erst mit der Baugenehmigung einsteigen.
Business Leaders: Frau Nitsche, Sie kommen aus der Bankenwelt. Wie sind Sie zur ASG gekommen?
Katrin Nitsche: Ich habe bei der Sparkasse Ausbildung und Studium gemacht und war dort mehr als zehn Jahre tätig, vor allem im Kreditgeschäft mit Firmenkunden, mit einem kurzen Abstecher in die Rechtsabteilung. 2019 wollte ich mich beruflich neu orientieren. Die ASG war ehrlich gesagt ein Zufallstreffer. Ich habe nicht gezielt nach der Solarbranche gesucht, aber die Stellenanzeige für die rechte Hand der Geschäftsführung hat mich sofort überzeugt. So kam ich als Assistenz zu Jan Wecke, einem der Gründer.
Business Leaders: Hatten Sie bei der Sparkasse schon mit Photovoltaik zu tun?
Katrin Nitsche: Kaum. Örtliche Sparkassen tun sich mit erneuerbaren Energien schwer, weil ihnen dafür oft die Kapazitäten fehlen. Für Immobilienfinanzierungen oder kleine Unternehmen in der Stadt sind sie hervorragend aufgestellt. Bei solchen Spezialthemen kommen sie aber schnell an ihre Grenzen. Die Kontakte zu Sparkassen und Volksbanken in der Region pflegen wir trotzdem.
Business Leaders: Was verantworten Sie heute?
Katrin Nitsche: Den kaufmännischen Bereich. Ich steuere die Liquidität der gesamten Gruppe, bin an der Finanzierung beteiligt und kümmere mich um gesellschaftsrechtliche Themen. Wir haben für jedes Projekt eine eigene Gesellschaft, da fällt viel an. Außerdem bin ich zweite Geschäftsführerin der ASG EnergieInvest GmbH, der Emittentin unserer Anleihe.
Weil ich von Anfang an eng mit der Geschäftsführung gearbeitet habe, hatte ich Einblick in alles, was über Herrn Weckes Tisch lief. In den kaufmännischen und rechtlichen Themen habe ich mich am wohlsten gefühlt, dort bin ich tief eingestiegen.
Business Leaders: Von der Bankangestellten zur Geschäftsführerin – wie hat sich Ihr Blick verändert?
Katrin Nitsche: In so eine Rolle wächst man hinein. Ich bin jemand, der sich langsam herantastet. Durch die enge Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung sind mir viele Dinge in Fleisch und Blut übergegangen. Man muss aber auch ein Stück risikobereit sein und sich trauen.
Business Leaders: Wann wird ein Solarprojekt für Sie zu einem guten Projekt?
Katrin Nitsche: Die Weichen werden ganz am Anfang gestellt. Wir sind Projektentwickler und suchen die Flächen selbst aus. Man kann viel Geld in eine Fläche investieren und trotzdem irgendwann feststellen, dass das Projekt genehmigungsrechtlich in einer Sackgasse steckt. Außerdem muss ein Projekt eine gewisse Größe haben. Kleine Anlagen auf einer einzelnen Wiese entwickeln wir nicht.
Business Leaders: Welche Risiken werden in der Projektentwicklung häufig unterschätzt?
Katrin Nitsche: Pauschal lässt sich das nicht sagen, jedes Projekt hat seine eigenen Themen. Manche Flächen müssen vor dem Bau nachweislich frei von Kampfmitteln sein. Das kann erhebliche Kosten verursachen, gerade wenn etwas gefunden wird. Archäologische Funde können ein Projekt noch spät kippen. Hinzu kommen Artenschutz, Vorgaben einzelner Landkreise, die erst im Genehmigungsverfahren auftauchen, oder Nachbarn, die gegen eine Baugenehmigung klagen. Auch das haben wir erlebt.
Selbst gesicherte Flächen sind nicht frei von Streit, etwa wenn ein Verpächter stirbt und die Erben das Projekt anders sehen. Die größten Risiken bleiben eine fehlende Baugenehmigung, eine fehlende Finanzierung und Markt- oder Gesetzesänderungen, die eine ganze Branche in Schieflage bringen können.
Business Leaders: Bis Erlöse fließen, vergehen Jahre. Wie finanziert man diese Phase?
Katrin Nitsche: Wir rechnen mit mindestens drei und bis zu sechs Jahren Entwicklungszeit. Diese Zeit müssen wir vorfinanzieren. Eine Bank bewertet kein Projekt als solches, sondern erst, wenn feststeht: Das darf gebaut werden, und es gibt eine Vergütung. Davor fehlt ihr eine Sicherheit.
Deshalb brauchen wir Instrumente wie die Anleihe oder Kooperationspartner. Mit envia THERM haben wir bei verschiedenen Projekten einen Kapitalgeber an Bord. Er zahlt über Projektentwicklungsverträge, je nachdem, welche Meilensteine ein Projekt erreicht hat.
Business Leaders: Wie gelangt das Geld der Anleihegläubiger in die Projekte?
Katrin Nitsche: Die Anleihe wird bei der ASG EnergieInvest GmbH eingesammelt, unter der die Projektgesellschaften als Töchter hängen. Von dort gehen die Mittel zum Beispiel als Darlehen an die einzelnen Gesellschaften. Die Projektgesellschaften gründen wir ganz am Anfang, damit Pacht- und andere Verträge gleich auf die richtige Gesellschaft laufen.
Die aktuelle Anleihe nennt vier konkrete Projekte. In Großpaschleben, das wir gerade bauen, wurden aus Anleihemitteln Module und Batteriespeicher bestellt. Anleger sind dabei Gläubiger der ASG EnergieInvest, nicht eines einzelnen Parks.
Business Leaders: Wie werden die Parks finanziert, wenn sie dauerhaft im Bestand bleiben?
Katrin Nitsche: Steht fest, dass ein Park gebaut wird, beantragen wir eine langfristige Bankfinanzierung. Mit einer EEG-Förderung erhalten wir 20 Jahre lang eine feste Vergütung, und die Bank stellt das Fremdkapital entsprechend lange zur Verfügung. Den Zins schreiben wir meist für zehn Jahre fest, ähnlich wie bei einer Hausfinanzierung. Im Bestand haben wir auch Finanzierungen mit 20 Jahren Zinsbindung. Teilweise kombinieren wir das mit KfW-Mitteln.
Business Leaders: Warum ist die EEG-Förderung so wichtig, wenn Direktverträge mit Abnehmern möglich wären?
Katrin Nitsche: Eine förderfreie Anlage wäre eigentlich unser Wunsch, und wir prüfen solche Verträge immer wieder. Das Problem ist das Kapital. Eine EEG-Vergütung ist für eine Bank gut kalkulierbar. Bei einem Direktvertrag prüft sie den Abnehmer einzeln, und solche Verträge laufen oft kürzer. Deshalb starten wir in die Finanzierung möglichst mit einer festen Fördervergütung, auch wenn sie nicht immer den besten Preis bringt.
Business Leaders: Mit welchen Banken arbeiten Sie?
Katrin Nitsche: Die UmweltBank ist ein guter Partner, die GLS Bank fragen wir gern an, und die DKB hat eine eigene Fachabteilung für erneuerbare Energien. Große Privatbanken steigen meist erst bei größeren Projekten ein. Die Verbundinstitute der Sparkassen und Volksbanken haben zwar Spezialisten, holen sie für ein kleineres Projekt wie Großpaschleben aber selten dazu. Dafür haben wir zwei überregional tätige Volksbanken angefragt. Gerade am Anfang ist man für die örtliche Sparkasse oft zu groß und für die Großbanken zu klein.
Business Leaders: Welche Rolle spielen Speicher in Ihrer Finanzplanung?
Katrin Nitsche: Eine zentrale. Mit jeder neuen Solar- und Windanlage stoßen die Netze häufiger an ihre Grenzen. Scheint mittags die Sonne, kann es passieren, dass das Netz unseren Strom nicht aufnimmt und die Anlage abgeregelt wird. Dann geht Energie verloren, und uns entgehen Erlöse. Ein Speicher nimmt den Strom in diesem Moment auf und gibt ihn abends ab, wenn wieder Platz im Netz ist. Das stabilisiert das Netz und sichert Erträge.
Ein Speicher ist allerdings teuer. Finanzieren wird ihn eine Bank nur, wenn sie bewerten kann, welchen Ertrag er bringt.
Business Leaders: Was müsste die Politik ändern?
Katrin Nitsche: Die größte Hürde sind die Genehmigungsverfahren. Jeder Landkreis und jede Stadt hat eigene Kriterien, welche Flächen infrage kommen und wie viele. Über eine Entwicklungszeit von mehreren Jahren können sich zudem politische Mehrheiten ändern und ein Projekt kurz vor dem Ziel wieder infrage stellen.
Ein Beispiel: Wer zu einer bestehenden Solaranlage nachträglich einen Speicher stellen will, braucht einen kompletten neuen Bauantrag. Die Erleichterungen entlang von Autobahnen und Bahnstrecken waren ein guter Schritt. Ich wünsche mir aber ein deutschlandweit einheitliches System.







