Die Algene Holding SE hat erste Zwischenergebnisse einer Fütterungsstudie mit der Technischen Universität München vorgelegt. Zuchtgarnelen nahmen ein mit Spirulina-Mikroalgen angereichertes Futter demnach signifikant stärker an als die Kontrollgruppe. Das Endergebnis soll im November folgen – es gilt als Gradmesser für den geplanten Einstieg des Unternehmens in die Aquakultur, einen Markt, der weltweit schneller wächst als der klassische Fischfang.

 

Die drei Keypoints

 

  • Signifikant höhere Fraßraten: Bereits nach wenigen Versuchstagen zeigte die Futtervariante mit Spirulina statistisch signifikant höhere Fraßraten als die Kontrollgruppe ohne Mikroalgen.

 

  • Proof of Concept im November: Bestätigt das Endergebnis die Zwischendaten, wertet Algene die Studie als Machbarkeitsnachweis für Spirulina im Aquakulturfutter. Mit potenziellen Kunden laufen nach Unternehmensangaben bereits fortgeschrittene Gespräche.

 

  • Wachstumsmarkt mit Kostendruck: Aquakultur ist laut FAO seit 2022 die wichtigste Quelle für aquatische Tiere weltweit. In der Garnelenzucht entfällt mehr als die Hälfte der Produktionskosten auf das Futter – ein Hebel für neue, natürliche Futterbestandteile.

 

Was die Zwischenergebnisse zeigen – und was noch nicht

Die Studie läuft am Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie der TU München unter Leitung von Prof. Dr. Jürgen Geist. Untersucht wird, wie sich die Spirulina-Mikroalgen von Algene als Futterbestandteil in der industriellen Garnelenzucht auswirken. Verglichen werden eine Kontrollgruppe ohne Spirulina und eine Futtervariante mit 100-prozentiger Spirulina-Anreicherung. Bereits nach wenigen Versuchstagen waren die Unterschiede bei den Fraßraten nach Angaben des Unternehmens statistisch signifikant.

Eine höhere Fraßrate ist zunächst ein Akzeptanzsignal: Die Tiere nehmen das Futter bereitwilliger auf. Ob daraus schnelleres Wachstum oder eine bessere Futterverwertung folgt, belegen die Zwischendaten noch nicht. Algene selbst spricht von einem Indiz für einen positiven Einfluss auf das Garnelenwachstum. Konkrete Werte zu Gewichtszunahme, Futterverwertung oder Überlebensrate hat das Unternehmen bislang nicht veröffentlicht. Die in Aussicht gestellten wirtschaftlichen Effekte für Produzenten stehen damit unter dem Vorbehalt, dass das Endergebnis die Zwischenergebnisse bestätigt.

Algene-CEO Kai Maximilian Keller bezeichnet die Zwischenergebnisse als „extrem vielversprechend“. Mit der TU München habe das Unternehmen einen starken wissenschaftlichen Partner, um neue Wachstumsmärkte wie die Aquakultur zu erschließen. Die laufenden Kundengespräche wertet Keller als Beleg für die Nachfrage nach Algenprodukten.

 

Hintergrund: Aquakultur hat den Wildfang überholt

Die Aquakultur hat sich in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Wachstumstreiber der globalen Versorgung mit Fisch und Meeresfrüchten entwickelt. Laut dem Weltfischereibericht SOFIA 2024 der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erreichte die weltweite Aquakulturproduktion 2022 ein Rekordvolumen von 130,9 Millionen Tonnen. Davon entfielen 94,4 Millionen Tonnen auf aquatische Tiere – 51 Prozent der gesamten Produktion. Damit lag die Zucht erstmals vor dem Wildfang, der seit Ende der 1980er-Jahre bei rund 92 Millionen Tonnen stagniert. Den Erstverkaufswert der Aquakulturproduktion beziffert die FAO auf 313 Milliarden US-Dollar.

Für die kommenden Jahre rechnet die FAO mit weiterem Wachstum: Bis 2032 soll die Produktion aquatischer Tiere um zehn Prozent auf 205 Millionen Tonnen steigen, getragen vor allem von der Aquakultur. Der Pro-Kopf-Verbrauch soll auf durchschnittlich 21,3 Kilogramm zulegen. Die Produktion ist stark konzentriert: Zehn Länder, angeführt von China, Indonesien und Indien, stellen fast 90 Prozent der weltweiten Aquakulturmenge.

Algene verweist in seiner Mitteilung auf Marktstudien, nach denen der globale Aquakulturmarkt von 653,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2026 auf 1,2 Billionen US-Dollar im Jahr 2034 wachsen soll – ein durchschnittliches jährliches Plus von 7,3 Prozent. Solche Marktstudien grenzen den Markt breiter ab als die FAO-Erstverkaufswerte; beide Größen sind daher nicht direkt vergleichbar.

 

Futter als größter Kostenblock der Garnelenzucht

Für Zuchtbetriebe ist das Futter der entscheidende wirtschaftliche Faktor. In der Garnelenzucht macht es nach einer 2024 in „Frontiers in Sustainable Food Systems“ veröffentlichten Studie mehr als die Hälfte der gesamten Produktionskosten aus – vor allem wegen des hohen Fischmehlanteils. Rezepturen für die weit verbreitete Weißbeingarnele enthalten demnach typischerweise 25 bis 50 Prozent Fischmehl. Garnelenfutter allein beanspruchte zuletzt rund 31 Prozent des in Aquakulturfutter eingesetzten Fischmehls.

Weil das Rohstoffangebot aus dem Meer begrenzt ist, sucht die Branche seit Jahren nach Alternativen – von Pflanzenproteinen über Insekten bis zu Einzellerproteinen und Mikroalgen. Jeder Futterbestandteil, der die Akzeptanz erhöht oder die Futterverwertung verbessert, wirkt direkt auf die Marge der Produzenten. Genau hier setzt Algene mit seiner Studie an.

 

Algene: Reinraum-Mikroalgen für regulierte Märkte

Die Algene Holding SE, deren Aktie im Freiverkehr der Börse Düsseldorf notiert, beschreibt sich als CO₂-negative Bioökonomie-Plattform für regulierte Märkte mit skalierbarer Mikroalgenproduktion und kontrollierter Qualität. Die Tochter Algene Deutschland GmbH produziert Mikroalgen in einer Reinraumproduktion der Klasse C nach den Standards der Kosmetikindustrie und mit einem patentierten Herstellungsverfahren. Abnehmer sind bislang vor allem die Nutraceutical-, Kosmetik- und Pharmaindustrie. Mit der Aquakultur würde Algene ein zusätzliches, volumenstarkes Anwendungsfeld erschließen, in dem Reinheit und gleichbleibende Qualität des Futters eine wachsende Rolle spielen.

 

Ausblick

Das Endergebnis der TUM-Studie soll im November vorliegen. Entscheidend wird sein, ob sich die höheren Fraßraten in messbar besserem Wachstum und einer effizienteren Futterverwertung niederschlagen. Offen ist zudem, welche Effekte sich bei praxisüblichen Beimischungsquoten und Futterpreisen ergeben. Fällt das Ergebnis positiv aus, hätte Algene ein wissenschaftlich gestütztes Argument für die laufenden Kundengespräche – und einen Fuß in einem Markt, dessen Wachstum zu einem großen Teil vom Futter abhängt.