Recycling von Plastikmüll scheitert in großem Stil, weil er nicht sauber zurückzerlegt werden kann. Es wird zwar daran geforscht, wie Business Leaders berichtete, aber es fehlt die Marktreife.

Projekte wie die Herstellung von Eisenbahnschwellen aus Plastikmüll müssen teuer subventioniert werden. Und es ist kein echtes Recycling, sondern Augenwischerei.

Für Recycling von Plastikmüll ungeeignet: Ein großer Teil aus der gelben Tonne ist Mischplastik

Für Wurstverpackungen etwa werden verschiedene Schichten von Kunststoff verbunden und verklebt, die sich mechanisch nicht mehr trennen lassen. Für diesen Mix bleibt nur das „Downcycling“ übrig: In aufwendigen und teuren Prozessen wird Mischplastik zu Bauzäunen, Standfüßen, Sitzgelegenheiten und Bahnschwellen eingeschmolzen, wie der Bonner Recycling-Unternehmer Sascha Schuh (57) erzählt.

Das Ergebnis: Heute wird mehr Neuplastik produziert als je zuvor

Die Kunststoffproduktion ist ein wichtiges Geschäftsfeld der Chemie- und Ölindustrie. Fabriken werfen jährlich 400 Millionen Tonnen Neuplastik auf den Weltmarkt. Auf dem Weltmarkt haben teuer aussortierte verdreckte Plastikabfälle keine Chance gegen sauberes billiges Neu-Plastik.

Reuters-Journalist Joe Brock: „Wenn Sie ein Recyceler sind, können Sie damit nicht konkurrieren. Denn Sie haben ein minderwertiges Produkt, das teuer ist. Wem wollen Sie das verkaufen? Nehmen wir an, Sie sind Nestle, Unilever, Coca Cola oder Pepsi. Entscheiden Sie sich für ein schlechteres Produkt, das mehr kostet? Oder entscheiden Sie sich für billiges Neumaterial, das direkt aus der Produktion kommt?“

Brock weiter: „Es gibt Schätzungen von 400 Milliarden US-Dollar, die in neue Kunststoffkapazitäten auf der ganzen Welt fließen. In den nächsten 10 Jahren wird Kunststoff das wichtigste Produkt für die Ölindustrie sein. Bis 2050 werden 20 Prozent des gesamten Öls für die Herstellung von Kunststoff verwendet werden. Wenn wir nicht ernsthaft gegensteuern, wird sich die Plastikverschmutzung in diesem Zeitraum vervierfachen.“

Häufiger sind aussortierte Plastikverpackungen weniger wert als nichts. Sie bestehen aus mehreren hauchdünnen Schichten, die sich nicht trennen und recyceln lassen.

Müllverwerter werden dafür bezahlt, dass sie das Material überhaupt annehmen und weiterverarbeiten

Bonner Recyclingunternehmer Sascha Schuh (57), Geschäftsführer der ASCON Resource Management Holding GmbH und der SORTcycle GmbH sowie Inhaber von ASCON GmbH und ASCON Corp. © ELS Europäische LizenzierungsSysteme GmbH, Bonn, Inhaberin Katrin Schuh (53) aus Bonn

Bonner Recycling – Unternehmer Sascha Schuh (57), Geschäftsführer der ASCON Resource Management Holding GmbH und der SORTcycle GmbH sowie Inhaber von ASCON GmbH und ASCON Corp. © insolvente ELS Europäische LizenzierungsSysteme GmbH, Bonn, Inhaberin Katrin Schuh (53) aus Bonn

Einer davon ist Sascha Schuh aus Bonn. Er ist schon seit Beginn des grünen Punkts 1990 in der Branche tätig.  Aber 30 Jahre Erfahrung im Müllgeschäft und eine Insolvenz haben ihn desillusioniert.

Was Sascha Schuhs Bonner Betrieb ASCON Resource Management Holding GmbH heute macht, ist eigentlich Downcycling.

Seine Idee: Wenn man aus alten Verpackungen keine neuen machen kann, dann macht halt etwas anderes, etwas Minderwertigeres daraus. In diesem Fall Eisenbahnschwellen.

Schuh sagte im ARD-Dokumentarfilm „Die Recycling-Lüge“ von Tom Costello und Benedikt Wermter, ausgestrahlt am 20. Juni 2022: „Eine Schwelle wiegt 75 Kilo. Da sind im Endeffekt alle gemischten Käseverpackungen mit Joghurtverpackungen zusammen, vielleicht mit einem Trinkpäckchen, was das Polyethylen ist. Die sind in der Schwelle drin.“

Schuh weiter: „Es sind halt nicht die Mengen, um dem gesamten Mischkunststoffproblem in Deutschland Herr zu werden.“

Warum kann man jetzt nicht aus den ganzen Verpackungen eine neue Verpackung machen?

Recyceler Sascha Schuh: „Das liegt an der Mischung von Verpackungen. Weil es Mischkunststoffe sind. Und Sie können halt nicht, mal ganz brutal gesagt, aus Scheiße Gold machen. Das funktioniert einfach nicht. Es ist der letzte Dreck, der irgendwo zusammensortiert wurde. Die unterschiedlichsten Arten von Kunststoffen. Außerdem: Im Endeffekt stinkt das Zeug.“

Teure Subventionen: Recyceler sind bei Mischplastik auf Zuschüsse angewiesen

So clever die Idee der Plastik-Schwellen auch sein mag, profitabel ist sie nicht. Schuhs Firma könnte nicht ohne die Zuschüsse aus den Verpackungsgebühren auskommen.

Schuh: „Ich habe pro Tonne ungefähr 110 Euro gekriegt. Das heißt, ich bekomme Geld vom System oder von der Sortieranlage, dass ich deren Kunststoffe nehme. Wir verarbeiten die Kunststoffe zu Bahnschwellen. Und verkaufen die Bahnschwellen an die Bahngesellschaft. Die Bahngesellschaft zahlt uns.“

„Dann haben Sie ja 2 mal Geld bekommen?“

Schuh: „Genau. Ich habe zwei Mal Geld bekommen. Allerdings ist der Produktionsprozess insgesamt so teuer, dass wir nicht nur mit dem Geld von der Bahngesellschaft das Ganze auch finanzieren könnten.“

Hochsubventionierte Eisenbahnschwellen aus Verpackungsmüll. Eine Kreislaufwirtschaft ist das nicht. Und, wenn nach Jahrzehnten die Züge über die Bahnschwellen gerollt sind, sind auch die Plastikschwellen nicht mehr gut zu recyceln.

Downcycling als Recycling von Plastikmüll

Es kommt der Politik entgegen. Auf diese Weise sehen die Statistiken viel besser aus. 5 Prozent echtes Recycling von Plastikmüll werden so zu rund 45 Prozent sogenannter stofflicher Verwertung hochgejubelt. Auch die aktuell Bundesregierung setzt in ihrer Müllstrategie weiter auf Recycling von Plastikmüll.

Steffi Lemke (54, Bündnis 90/ Die Grünen) aus Dessau in Sachsen-Anhalt, seit Dezember 2021 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz im Kabinett Olaf Scholz (64, SPD) aus Potsdam, sagte im Bundestag in Berlin: „Das Problembewusstsein wächst. Aber gleichzeitig wachsen noch immer die Plastikberge. Deshalb geht es in Deutschland darum, einerseits Plastikmüll zu reduzieren. Und andererseits den Rest in hoher Qualität zu recyceln. Erst dann entsteht ein Kreislauf.“

Im Europaparlament in Brüssel fragt man sich, wie ein Recycling – Kreislauf entstehen soll, wenn der größte Teil dieses Reyclings eigentlich Downcycling ist.

Frans Timmermans (61) aus Maastricht in den Niederlanden, Kommissar für Klimaschutz der EU-Kommission, sagte im Europaparlament: „Es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis wir eine tatsächliche Kreislaufwirtschaft haben.“

Auf immer mehr Flaschen, Schachteln und Tüten findet sich der zwar der Aufdruck „100 % recycelbar“. 100 Prozent recycelbar ist zwar nicht gelogen, aber Augenwischerei.

Zum Beispiel sind recycelte Lebensmittelverpackungen in der Praxis beinahe unmöglich, ja sogar verboten. In den meisten Verpackungen für Lebensmittel darf kein recyceltes Plastik eingesetzt werden, weil das Rezyklat zu minderwertig, zu dreckig und damit als zu gefährlich gilt.

Und Joghurt-Becher selbst kommen oft auch gar nicht erst in einen Recycling-Kreislauf – wegen der Aludeckel

Joghurtbecher sind für Recycling-Betriebe nämlich oft ein Problem. Statt in der Kunststoffverwertung zu landen, werden sie von den Maschinen oft zum Aluminium sortiert. Dadurch können die Becher nicht ideal verwertet werden. Grund dafür: Viele Menschen reißen den Aluminiumdeckel nicht komplett vom Becher ab.

Was passiert also wirklich mit unserem Plastikmüll, wenn wir ihn in die Recycling-Tonne oder den Gelben Sack geworfen haben? Der ARD-Dokumentarfilm „Die Recycling-Lüge“ deckt eine Wahrheit auf, die weh tut.

Recycling von Plastikmüll: Gerade mal 7 Prozent in Deutschland werden wiederverwertet

Nach 30 Jahren Grünem Punkt und trotz der deutschen Mülltrenn-Leidenschaft sind es gerade einmal sieben Prozent, die tatsächlich wiederverwertet werden, weil die Kunststoffe nur mit hohem Kostenaufwand voneinander getrennt werden können. Plastikmüll ist kein wertvoller Rohstoff, sondern immer noch ein teures Problem.

Recycling – die Sortierer stöhnen

Mit viel Aufwand betreibt das Unternehmen GAR Gesellschaft für Abfall und Recycling mbH & Co. KG aus dem niedersächsischen Stuhr im Recyclingpark Kastendiek im benachbarten Bassum-Nordwohlde nahe Bremen eine Sortieranlage, um aus Verpackungsabfällen aus dem gelben Sack und gelber Tonne etwas zu machen, das vielleicht einen Wert hat. Das man vielleicht verkaufen und verwerten kann.

Es herrscht Geschäftigkeit wie auf einem Rummelplatz. Lkw, beladen mit großen, rostigen Containern, brausen im Minutentakt über den Hof und hinterlassen Wolken aus Dieselgeruch. Zwischen den Stahlkolossen tummeln sich Männer in Arbeitsmontur. Am Rande des Geschehens sitzt Jens Blume aus Weyer in einem blauen Bürocontainer und locht Unterlagen.

Der 51-Jährige ist Technischer Betriebsleiter bei der GAR. Das Unternehmen sortiert als Lohnbetrieb neben Altholz und Bauschutt vor allem Gelbe Säcke. Und davon eine ganze Menge: 100.000 Tonnen pro Jahr aus ganz Norddeutschland. Das sind rund 50 Millionen Säcke.

Die Verpackungsabfälle finden ihren Weg über das Duale System nach Bassum oder in einen anderen der rund 40 bis 50 Sortierbetriebe dieser Art in Deutschland. In 17 sogenannte Fraktionen wird der Inhalt des Gelben Sacks dort in einer gigantischen Sortier-Anlage aufgeteilt. Mülltrennung im Großformat.

Das ist jedoch gar nicht so einfach. Was die vier riesigen Siebtrommeln, die Ballistischen Abscheider und die hochpräzisen NIR-Scanner mit ihren Nahinfrarot-Sensoren nicht aus dem Müll rausfiltern können, muss per Hand nachsortiert werden – etwa die milchigen Plastikteile für PE-Nature.

Schwarze Plastikblumentöpfe werden vom Infrarotscanner nicht erkannt
Schwarze Plastikblumentöpfe werden vom Infrarot-Scanner auf dem Sortierband nicht erkannt © pixabay.com

Recycling von Plastikmüll geht hier nicht: Schwarze Plastikblumentöpfe werden vom Infrarot-Scanner auf dem Sortierband nicht erkannt © pixabay.com

Das Recycling von Plastikmüll gelingt nicht für alle Plastikreste, die hier ankommen, sagt GAR-Betriebseiter Jens Blume. Ein Großteil wird niemals wieder eine Verpackung, vielleicht nicht mal ein Blumentopf, sondern höchstens Brennmaterial für Verbrennungsanlagen oder Zementwerke. Dabei handelt es sich um Verpackungen, die laut Industrie und Handel eigentlich ein wertvoller Rohstoff sein müssten.

Schwarze Blumentöpfe sind laut Jens Blume häufig mit Ruß eingefärbt – genau wie die Förderbänder in der Sortier-Anlage der GAR. Die Folge: Die NIR-Scanner können die Plastiktöpfe nicht erkennen, sie landen in der thermischen Verwertung und werden nicht wiederverwendet.

Barilla-Nudelverpackung sorgt bei GAR in Bassum für Ärger
Amazon.de bietet  die italienischen Nudeln Barilla aus Parma aktuell für 3 Euro das Kilo im gar nicht nachhaltigen Pappkarton mit Plastikguckfenster an © Amazon.de

Das Recycling von Platikmüll scheitert schon beim Sortieren: Amazon.de bietet  die italienischen Nudeln Barilla aus Parma aktuell für 3 Euro das Kilo im gar nicht nachhaltigen Pappkarton mit Plastikguckfenster an © Amazon.de

Ein Unternehmen, das offenbar noch nicht bei der GAR oder anderen Sortier-Betrieben vorstellig geworden ist, ist der italienische Pasta-Hersteller Barilla mit Hauptsitz in Parma und deutscher Niederlassung in Köln. Über deren 2020 eingeführte neue Nudelverpackung ärgert sich Blume ganz besonders. Das kleine Guckfenster aus Plastik in der Pappverpackung mache es ihm und seinen Kollegen nahezu unmöglich, die Verpackung zu trennen. Das Bizarre: Es gab trotzdem eine Lizenzierung für das Duale System in Deutschland – als Pappverpackung.

Man muss jedoch nicht nur nach Nudelverpackungen Ausschau halten, um die schwarzen Schafe im Supermarkt zu finden. Auch sogenannte Quetsch-Verpackungen, wie sie für Tierfutter oder Kindernahrung verwendet werden, seien nahezu unmöglich zu recyceln.

Es handle sich oft um Doppel-, manchmal sogar um Triple-Layer, erklärte Blume der örtlichen Kreiszeitung: „Das ist alles eine Katastrophe!“

Wir alle leben in einer Welt, die im Müll ertrinkt, und der Film stellt die Frage: Wer verdient an der Plastikkrise?

In Deutschland subventioniert der Grüne Punkt insbesondere die Zementindustrie
Verfeuern statt Recycling: Die B+T Deuna GmbH bereitet für das Dyckerhoffer Zementwerk in Deuna in Thüringen Plastikabfall als Ersatzbrennstoff auf © Pressefoto B+T Group, Hauptsitz in Alsfeld, Hessen

Verfeuern statt Recycling von Plastikmüll: Die B+T Deuna GmbH bereitet für das Dyckerhoffer Zementwerk in Deuna in Thüringen Plastikabfall als Ersatzbrennstoff auf © Pressefoto B+T Group, Hauptsitz in Alsfeld, Hessen

Der Großteil unseres nicht zu recycelnden Plastikmülls landet nicht in einem Recycling-Kreislauf, sondern in Zementöfen.

Weil Kunststoffe ähnliche Heizwerte haben wie Rohöl, hat die Zementindustrie Chipstüten, Obstschalen und Wurstverpackungen als Brennstoff für ihre Öfen entdeckt. Zementkonzerne schweigen gern über ihr Geschäft mit dem Müll, denn sie lassen sich die Annahme aus der gelben Tonne gut bezahlen.

Den Reportern ist es für den Dokumentarfilm gelungen, den Weg aus Sortieranlagen wie von der GAR hin zu Aufbereitern wie der B+T Group aus dem hessischen Alsfeld zu verfolgen, einem Betrieb, der Sortierreste in Brennstoff umwandelt, dafür giftige Störstoffe eliminiert und Chipstüten oder Käseschalen zusammen mit Textilresten oder Teppichen zu kleinen Fetzen vermengt. Diese landen über ein Förderband direkt im Zementwerk nebenan.

So schreibt die B+T Deuna GmbH aus Thüringen: „Auf dem Gelände der Deuna Zement GmbH in Kreis Eichsfeld/Nordthüringen wird aus vorsortierten Gewerbeabfällen Ersatzbrennstoff gezielt nach den Anforderungen des Zementwerks hergestellt und direkt als Brennstoff genutzt.“

Das Zementwerk in Deuna ist eines von sieben Werken, die zur Dyckerhoff-Gruppe gehören. Die Dyckerhoff GmbH ist ein ehemals börsennotierter Zement– und Baustoffhersteller mit Sitz in Wiesbaden und heute eine hundertprozentige Tochter der italienischen Buzzi Unicem.

Das Zementwerk Deuna in Thüringen verheizt Plastikabfall © Dyckerhoff GmbH, Werk Deuna

Verheizen statt Recycling von Plastikmüll: Das Zementwerk Deuna in Thüringen verheizt Plastikabfall © Dyckerhoff GmbH, Werk Deuna

Eigentlich keine schlechte Idee, nicht recyclingfähigen Müll so zu verwerten – nach deutscher Ingenieurskunst, sicher und effizient. Die Krux an der Sache: Kreislaufwirtschaft ist das nicht. Was in den Zementöfen landet, kann nie wieder verwertet werden.

Fakt ist: Verbraucher subventionieren mit ihrem Plastikmüll die Kosten des Energieverbrauchs in der Schwerindustrie. Durch den Grünen Punkt zahlen sie an der Kasse für jedes Produkt Gebühren – auch für diejenigen, die in Müllverbrennung und Zementwerk landen.

Eine mögliche Lösung: Müllvermeidung

Die Lösung für unser Müllproblem, das ist die Müllvermeidung, sagt Helmut Maurer. Seit 15 Jahren arbeitet er im Umweltbereich der EU-Kommission. „Es ist doch klar für jeden, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn es so nicht weitergehen kann, dann braucht es politische Eingriffe, die vielleicht einigen wehtun werden. Aber wir können nicht, um einigen nicht wehzutun, die ganze Menschheit aufs Spiel setzen.“ (FM)