Heute braucht jeder eine ausgeglichene Work Life Balance, darüber reden alle. Doch ist die Umsetzung in die Praxis so einfach? Wie nahe sind wir dem Ziel der 32 Stunden Woche wirklich oder ist es nur eine kommunistische Utopie?

Betrachtet man einen einzigen Feiertag in Deutschland, dann sprechen wir von zusätzlichen Ausfallkosten mit rund 3 Milliarden Euro für die deutsche Wirtschaft. Mit durchschnittlich 10 Feiertagen im Jahren sind das rund 32 Milliarden zusätzliche Kosten. Rechnet man mit 254 Arbeitstagen im Jahr, dann kommt man rein rechnerisch auf eine Zahl um eine Billionen. Oder arbeiten wir in einer 32 Stunden Woche effektiver und gleichen das Manko wieder aus?

 

Mehr Zeit für das Leben

Meist junge Arbeitnehmer erwarten bei einer Berufstätigkeit eine gute Work-Life-Balance. Aus vielen Studien der Arbeitswelt weiß man, dass verkürzte Wochenarbeitszeiten eine klare Entlastung für Arbeitende, Familien und für die Gesellschaft insgesamt mit sich bringen.

Eine Arbeitszeit von 40 Stunden und mehr führt bei vielen Menschen zu geistiger Erschöpfung und gesundheitlichen Beschwerden. Mit einer 32 Stunden Woche kann man diesen Beschwerden vorbeugen, Burnouts vermeiden und Mitarbeitende gesünder und zufriedener machen. Die Aussicht auf mehr private Freizeit mit Familie und Freunden soll vor allem die Produktivität und Motivation der Beschäftigten steigern.

Einige Unternehmer, die bereits mit einer 32 Stunden Woche arbeiten behaupten, dass die Betriebe insgesamt rentabler arbeiten.

„Kürzere Arbeitszeiten bedeuten höhere Qualität bei der Arbeit. Die Leute sind fitter und glücklicher. Das kann man auch am Krankenstand messen, der quasi gleich null ist.“

Viele Menschen, meist die jüngere Generation, haben erkannt, dass gute Beziehungen zu Freunden und Familie glücklich machen. Doch diese Beziehungen zu pflegen erfordert Zeit, Freizeit. Und um gerade diese freie Zeit geht es bei dem neuen Arbeitszeitmodell. 

Den Wunsch nach kürzerer Arbeitszeit hegen vor allem Männer. Frauen würden nach Umfragen ihre Arbeitszeit lieber bei 40 Stunden belassen. Doch bei Frauen kommt noch zusätzlich der zweite Beruf als Hausfrau dazu, plus die Zeit für die Betreuung der Kinder oder älterer pflegebedürftiger Angehöriger. Ergo, den Frauen würde die neu gewonnene Freizeit sehr gut ins Konzept passen.

Neuro- und Glücksforscher haben herausgefunden, dass das Bestreben des Menschen hauptsächlich Status und Geld ist. Um glücklich zu sein braucht man aber beides nicht. So ist es jetzt die Aufgabe der jungen Generation das Glück neu zu definieren und persönliches Glück nicht nur in materiellen Dingen zu suchen.

 

Kosten der 32 Stunden Woche

Unternehmer, die bereits mit der 32 Stunden Woche arbeiten, berichten, dass die Arbeitsleistung bei verkürzter Arbeitszeit nicht gesunken sei. Man arbeite effektiver und konzentrierter. Einige Strukturen wurden gestrafft, zum Beispiel Meetings verkürzt.

Doch was bedeutet das 32 Stunden Modell für die betriebswirtschaftliche Betrachtung?

Fixe Kosten bleiben bei veränderter, kürzerer Arbeitszeit fast gleich. Die variablen Kosten können in einigen Branchen durch die Nichtanwesenheit der Mitarbeiter etwas sinken. Diesen Effekt gab es aber auch beim Homeoffice, wo die meisten Büros nicht besetzt waren und dadurch Kosten eingespart werden konnten. Durch eine verkürzte Arbeitszeit steigen aber die Stundenlöhne um 20%, somit auch die Kosten für Krankheit, Urlaub und sonstige bezahlter Freistellung.

Im produzierenden Bereich der Industrie, wo Maschinen und Anlagen durchlaufen müssen, bedeuten höhere Stundenlöhne automatisch die Erhöhung der Produktionskosten. Inwieweit diese an den Endkunden weiter gegeben werden können entscheiden die Kunden und der Markt. Als Lösung bliebe die steigenden Lohnkosten mit dem Unternehmensgewinn zu tragen. Der Markt bzw. die Kunden könnten allerdings auch anders reagieren und mit Wettbewerbern im Ausland Geschäfte machen, da diese günstiger produzieren und somit auch preiswertere Waren anbieten können. Oder ganze Wirtschaftszweige wandern ins profitable Ausland, wo „work life balance“ noch eine Fremdwort ist.

Auch im Dienstleistungsbereich bleibt es zu untersuchen, ob die gleiche Arbeit in 1/5 weniger Zeit geschafft werden kann. Ist es möglich, dass der Autoschrauber in 6 Stunden schneller schraubt, weil seine work-life-balance besser ist. Das käme auf einen Praxistest an, der sicher in vielen Branchen ernüchternd ausfallen wird.

Oder nehmen wir den Bereich der Zeitarbeit:

Dort werden Arbeitskräfte an Unternehmen stunden- oder tageweise verliehen, dafür erhält die Zeitarbeitsagentur eine Stundenpauschale, aus der alle Kosten bestritten werden müssen. Führt dieses Unternehmen die 32 Stunden Woche ein, kann man die Mitarbeiter nur noch an vier, statt bisher an 5 Tagen verleihen. Es entsteht ein Umsatzverlust von 20%. Um diesen Verlust wieder auszugleichen erhöht man die Stundensätze für die verliehenen Arbeitskräfte um 20%.

Raten Sie mal wie die Unternehmen reagieren würden…

 

Bleibt mein Gehalt bei einer 32 Stunden Woche gleich?

Ziel der 32 Stunden Woche ist es Arbeitnehmern den Vollzeitlohn weiter zu bezahlen. Solange die 32 Stunden Woche noch nicht für alle gilt, kommt es auch nicht zu Überstunden, die ja trotz des neuen Arbeitszeitsystems ab und zu anfallen können. Bis zum Erreichen der 40 Stunden/ Woche gilt dann zusätzliche Arbeitszeit nicht als Überstunden, sondern als Mehrarbeit. Dafür müssen keine Überstundenzuschläge gezahlt werden.

 

32 Stunden Woche - wieviel Tage in der Woche muss man arbeiten?

32 Stunden Woche – wieviel Tage in der Woche muss man arbeiten?

 

32 Stunden Woche – wieviel Tage in der Woche muss man arbeiten?

Wie die 32 Stunden in der Woche aufgeteilt werden, obliegt zum einen den Arbeitnehmern, zum anderen den betrieblichen Erfordernissen.

Die Arbeitnehmer können die 32 Stunden auf vier oder fünf Tage verteilen. Dies hängt immer von der Lebensumständen der einzelnen Person ab. Vor allem Eltern teilen ihre Stunden lieber auf fünf Tage auf, um ihre Kinder von der Schule oder dem Kindergarten abzuholen. Die kinderlosen Mitarbeitern bevorzugen das 4 Tage Modell, um ein langes Wochenende haben.

Auch betriebliche Erfordernisse können die Anzahl der Arbeitstage in der Woche beeinflussen, wenn zum Beispiel eine Kernarbeitszeit für Kundenbetreuung erforderlich ist oder Maschinen und Anlagen in bestimmten Zeiten besetzt werden müssen.

 

32 Stunden Woche – wieviel Urlaub steht mit zu ?

Rechnet man mit einem durchschnittlichem jährlichen Urlaubsanspruch von 30 Tagen für Vollzeitbeschäftigte, dann soll sich bei der 32 Stunden Woche kein Nachteil für die Angestellten ergeben. Der vorherige Urlaubsanspruch bleibt bestehen.

Wählt man bei 32 Stunden in der Woche das Modell 4 Tage je 8 Stunden ergibt sich folgende Rechnung:

Da sie nicht Vollzeit arbeiten wird ihr Urlaubsanspruch wie bei Teilzeitangestellten berechnet. Ein Teilzeitbeschäftigter mit 32 Stunden in der Woche arbeitet an 4 Tagen pro Woche. Er erhält nur 4/5 des Jahresurlaubsanspruchs einer Vollzeitkraft, also 24 Urlaubstage. (30 Tage : 5 x 4 Tage= 24 Urlaubstage). Da der Arbeitnehmer nur 4 Tage in der Woche arbeitet muss er auch nur 4 Tage Urlaub nehmen, um eine ganze Woche frei zu haben.

Entscheidet man sich bei einer 32 Stunden Woche dafür an 5 Tagen zu arbeiten, aber nur für 6 Stunden täglich, bleibt alles beim Alten. Sie erhalten 30 volle Urlaubstage. Der einzige Unterschied ist, dass ein Urlaubstag nur noch 6 Stunden wert ist.

 

 

Löst eine 32-Stunden-Woche den Fachkräftemangel?

Hinlänglich ist bekannt, dass wir in Deutschland zu wenig Fachkräfte haben. Also müssen die, die wir haben, länger arbeiten. Unter denen, nach Deutschland neu zugereisten Menschen, ist nur eine geringe Anzahl ausgebildeter Fachkräfte zu finden. Die ausländischen Fachkräfte, die wir benötigen, zieht es in andere, attraktivere Länder. Also muss Deutschland diese Fachkräfte umwerben, mit einer 32 Stunden Woche zum Beispiel.

Mit einer deutschlandweiten 32-Stunden-Woche würde Deutschland als Wirtschaftsstandort für viele Fachkräfte aus dem Ausland sehr attraktiv werden. Wenn es politisch gelingen würde dieses Arbeitszeitmodell durchzusetzen, hätten wir innerhalb kürzester Zeit keinen Fachkräftemangel mehr. Flexiblere Arbeitsmodelle mit weniger Wochenarbeitszeitstunden wären in der heutigen Zeit ein klarer Standortvorteil, der viele gut ausgebildete Leute anlocken könnte.

 

Löst eine 32 Stunden Woche den Fachkräftemangel?

Löst eine 32 Stunden Woche den Fachkräftemangel?

 

Arbeitet der Chef selbst auch 32 Stunden in der Woche?

Im deutschsprachigen Raum haben sich besonders bei Managern und sonstigen Führungskräften sogenannte All-In-Verträge etabliert. Das bedeutet, dass zusätzliche Arbeitszeit vom Arbeitnehmer erwartet wird und diese mit dem Gehalt abgegolten ist. Diese Mitarbeiter gleichen dann unter Umständen die verlorene Arbeitszeit wieder aus, um einen eventuellen Arbeitsrückstau zu vermeiden. Also Work-Life-Balance ja, aber nicht für die Chefetage.

Auch wenn Sie Ihr eigener Chef sind und einige Leute auf Ihrer Gehaltsliste haben, können Sie Donnerstag 16 Uhr das Büro abschließen und (genau wie Ihre Mitarbeiter) ein extra langes Wochenende genießen. Doch wenn Sie am Montag – gut gelaunt mit hervorragender Work-Life-Balance – wieder ins Büro kommen stellen Sie fest: Die Arbeit der letzten Woche wurde nicht geschafft und es war am Wochenende auch niemand da, der die Abrechnungen erledigt hat. Unterm Strich: Ab sofort Überstunden, bis die Arbeit wieder aufgeholt ist.

 

Vor- und Nachteile der 32 Stunden Woche

Wie im richtigen Leben hat diese Medaille auch zwei Seiten:

Betrachtet man die Zufriedenheit der Mitarbeitenden, wird man sicher nur positive Resonanzen erfahren. Ist die Work-Life-Balance ausgeglichen wird sich die Zahl der Krankheitstage reduzieren, sicher ein beachtenswerter (und monetär messbarer) Vorteil. Auch die Zahl der berufsbedingten Ausfallerscheinungen würde rapide zurückgehen, ebenfalls ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Vorteil. 

Doch was passiert, wenn z.B. das produzierende Gewerbe (durch die technischen Gegebenheiten) mehr Geld für die gleiche Arbeitsleistung ausgeben muss? Die Produktionspreise steigen, was entweder zu steigenden Verbraucherpreisen oder zu geringeren Gewinnen der Unternehmen führt. Und auf beides wird der Markt reagieren.

 

Unser Fazit

Mit steigender Technisierung der wirtschaftlichen Abläufe wird auch zunehmend weniger Personal benötigt, gerade im produzierenden Gewerken. Dies kann zu einer Verringerung der Arbeitszeit führen. Das bedeutet aber auch, dass die Unternehmen bereit sind diesen Anteil zusätzlichen Gewinns an die Arbeitnehmer abzugeben

Für einige Branchen wird das Modell der 32 Stunden Woche sicher bald Realität werden, so z.B. im kreativen Bereich. Aus unserer Sicht wird in naher Zukunft der Wirtschaftsstandort Deutschland aber keine flächendeckende 32 Stunden Woche einführen. Zu groß wäre die Gefahr, dass ganze Branchen von unserer Landkarte verschwinden und nach China oder andere Billiglohnländerabwandern.

(HZ)

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